Mehr Fälle während Corona : So kann man sich gegen Cybermobbing wehren

Author: Imago Images/Panthermedia/Antonio Guillem
Etwa jeder siebte Jugendliche gab laut einer aktuellen Studie an, direkt von Cybermobbing betroffen zu sein. 51 Prozent der Jugendlichen haben bereits Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht.

Auf Whatsapp, Instagram und TikTok werden Jugendliche beleidigt oder es werden Gerüchte über sie verbreitet. Zwei Gründer von Online-Beratungsangeboten erklären, was das in den Betroffenen auslöst und wie sie damit umgehen sollten.

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08. Januar 2022, 12:00 Uhr

Auf Whatsapp, Instagram und TikTok werden Jugendliche beleidigt oder es werden Gerüchte über sie verbreitet. Zwei Gründer von Online-Beratungsangeboten erklären, was das in den Betroffenen auslöst und wie sie damit umgehen sollten.

Mehr als jeder zweite Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren in Deutschland hat bereits Erfahrungen mit Cybermobbing gemacht. Das zeigen die Ergebnisse der Sinus-Jugendstudie 2021 der Barmer Krankenkasse. 14 Prozent der 2000 Befragten waren direkt betroffen. Cybermobbing findet digital über das Smartphone oder den Laptop statt. Betroffene werden in den sozialen Netzwerken schikaniert und beleidigt.

Während sich Schüler beim Mobbing auf dem Schulhof räumlich distanzieren können, ist das beim Cybermobbing nicht möglich. "Normales Mobbing endet an der Haustür, Cybermobbing kommt ins Kinderzimmer", sagt Lukas Pohland, Vorsitzender und Gründer des Vereins Cybermobbing-Hilfe.

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Sinus-Studie, Barmer

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Wie sieht Cybermobbing aus?

"Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Cybermobbing zugenommen hat, als die Schulen geschlossen waren", berichtet Melanie Eckert, Psychologin und Mitbegründerin des Beratungsangebots krisenchat. Kinder und Jugendliche lebten bereits vermehrt in der digitalen Welt, durch das Homeschooling sei weitere Zeit hinzugekommen. Ein Beispiel: Schüler teilten in den sozialen Medien Screenshots, die Mitschüler während des digitalen Unterrichts in unvorteilhaften Positionen zeigten. Was für die einen ein vermeintlicher Spaß sei, verletze und kränke den Betroffenen, stellt Eckert klar.

Cybermobbing kann ganz unterschiedliche Formen annehmen. In schweren Fällen werden Betroffene in intimen Situationen auf der Schultoilette oder in der Umkleide fotografiert oder gefilmt und es werden die Bilder in den sozialen Netzwerken verbreitet, so Lukas Pohland. Am häufigsten werden Jugendliche der Mobbing-Studie zufolge beleidigt (72 Prozent). Oft werden auch Gerüchte über sie verbreitet (56 Prozent). Oder sie werden aus Gruppen ausgeschlossen, belästigt und es werden peinliche Videos von ihnen gepostet (31-29 Prozent). "Viele Betroffene wissen nicht, ist das schon Mobbing. Die Grenzen sind schwer zu erkennen", so Eckert. Bei krisenchat werden die Jugendlichen aufgeklärt. Es sei Mobbing, wenn Jugendliche psychisch schikaniert werden oder ähnliche Handlungen wiederholt auftauchen, die Betroffene verletzen oder Grenzen überschreiten.

Das Problem am Cybermobbing: "Das Netz vergisst nicht. Betroffene können auch noch nach Jahren retraumatisiert werden", sagt Pohland. Auch wenn Social Media-Betreiber mittlerweile schneller und effektiver gegen Mobbing vorgehen, können in der Zwischenzeit hunderte Menschen einen Screenshot erstellt haben, der seinen Weg ins Internet finden kann. Am stärksten findet Cybermobbing über den Messenger-Dienst WhatsApp statt (59 Prozent). Darauf folgen Instagram (41 Prozent) und TikTok ( 26 Prozent), wie die Studie der Barmer Krankenkasse mitteilt.

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Sinus-Studie, Barmer

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Wer kann zum Opfer oder zum Täter werden?

"Beim Cybermobbing kann jeder zum Täter und jeder zum Opfer werden", sagt Pohland. Im Netz sei die Hemmschwelle geringer, so können auch Personen zum Täter werden, die es im realen Leben nicht sind. Bei Tätern spiele der Wunsche, witzig zu sein oder auch andere kleiner zu machen, um sich selbst aufzuwerten, eine Rolle, erläutert Eckert. "Ich tippe in die Tastatur und sehe die Reaktion nicht. Ich sehe nicht, was es im anderen auslöst", beschreibt Pohland den Unterschied zum klassischen Mobbing: "Betroffene, die täglich oder sogar stündlich blöde Nachrichten erhalten, die haben Angst davor, wenn ihr Handy vibriert oder klingelt".

Was kann man bei Cybermobbing tun?

"Als Sofortmaßnahme sollte man das Handy oder den Laptop weglegen und sich nicht uneingeschränkt der Situation aussetzen", erklärt Eckert. Sie betont, wie wichtig es sei, mit Vertrauenspersonen darüber zu sprechen. Das Schlimmste sei, das Erlebte zu verharmlosen. Das Thema sei stark mit Scham besetzt und es bestehe eine große Hürde, sich jemandem anzuvertrauen. Erste Ansprechpersonen sind laut der Sinus-Jugendstudie meist die Eltern und der Freundeskreis (67 bzw. 44 Prozent).

Zusätzlich sei es wichtig, Cybermobbing beispielsweise durch Screenshots zu dokumentieren. Es kann Anzeige erstattet werden. Auch im Netz gelten die selben Regeln für Beleidigungen wie auf der Straße, erklärt Pohland. Außerdem sollten die Täter benannt werden, wenn sie bekannt sind. "Keiner will Mitschüler ankreiden, aber das ist falsch", sagt Eckert. Pohland betont, dass auch die Umgebung, zum Beispiel die Schule, den Tätern vermitteln muss, dass ihr Verhalten nicht in Ordnung ist.

Was löst Mobbing in den Betroffenen aus?

Cybermobbing kann zu psychischen Problemen führen. Das Spektrum gehe von Ängsten, einem Gefühl von Wertlosigkeit über psychosomatische Beschwerden bis hin zu depressiven Symptomen und suizidalen Gedanken, erklärt Eckert. Ein Zeichen, das auf Cybermobbing hindeuten könne, sei zum Beispiel, wenn Kinder oder Jugendliche nicht mehr zur Schule gehen wollen. "Das Thema ist so schambesetzt, es dauert, bis Kinder oder Jugendliche beschreiben, was los ist", so Eckert.

Wie helfen Online-Beratungsangebote?

Eckert und Pohland sehen ihre Chatangebote als erste Krisenhilfe. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter hören den Betroffenen zu, nehmen sie ernst. Gemeinsam entwickeln sie eine Strategie und helfen Hilfsangebote zum Beispiel vor Ort zu finden. Dabei wird auch überlegt, wie der Betroffene sein Anliegen formulieren kann, um die Angst abzubauen, nicht ernst genommen zu werden. "Der wichtigste Tipp ist, sich Hilfe zu suchen, bei Freunden, Familien oder Beratungsangeboten", betont Pohland. Sie machen den Betroffenen Mut, darüber zu sprechen. Täglich erreicht das Beratungsangebot krisenchat ein bis zwei Fälle von Cybermobbing. Dabei sind sich Eckert und Pohland einig, zu wenig Jugendliche erhalten oder suchen sich Hilfe.

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