Letzte Reise : Sarg im XXL-Format für schwergewichtige Tote

Für manche Tote bedarf es einen größeren Sarg im Vergleich zu einem üblichen.
Foto:
Für manche Tote bedarf es einen größeren Sarg im Vergleich zu einem üblichen.

Hinterbliebenen ist es oft peinlich, wenn ein sehr dicker Angehöriger gestorben ist. Der Transport des Toten kann problematisch sein. Doch es gibt Lösungen - und die sollen würdevoll sein.

shz.de von
12. April 2018, 09:52 Uhr

Manchmal kommt der Tod ziemlich massiv daher. WennTreppe oder Fahrstuhl zu schmal sind, muss die Leiche mitSchwerlasttrage und Kran aus der Wohnung gehievt werden.

«Das gibt es immer wieder. Wir achten sehr darauf, dass trotzdem alles würdevoll abläuft», sagt Bianka Olm von der Berliner Feuerwehr. Sie erinnert sich an einen Fall, da wurde ein Fenster aufgestemmt, damit der dicke Tote seine letzte Reise antreten konnte. Einmal sei auch der Leichensack zu klein gewesen. «Wir haben den Mann in eine Lkw-Plane gewickelt.» Solche Fälle seien aber nur ein «sehr, sehr kleiner Teil» der rund 450 000 Einsätze der Hauptstadt-Feuerwehr im Jahr.

Extrem übergewichtige Tote seien zwar weiter die Ausnahme, heißt esauch beim Bundesverband Deutscher Bestatter. «Doch das nimmt zu»,sagt Sprecher Oliver Wirthmann. Auch beim Sterben spiegele sich dieEntwicklung der Gesellschaft wieder. Von 911 000 Toten im Jahr 2016hätten einige Tausend Adipositas (starkes oder krankhaftesÜbergewicht) gehabt. 80 Prozent der Verstorbenen passten aber innormierte Särge.

Über die Hälfte der Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig,fast ein Viertel ist krankhaft übergewichtig, heißt es auf derInternetseite des Leipziger IFB (Integriertes Forschungs- undBehandlungszentrum Adipositas-Erkrankungen). «Die Gruppe der adipösenund stark adipösen Menschen wächst». Laut Deutscher AdipositasGesellschaft beginnt krankhaftes Übergewicht bei einem Body-Maß-Index(Quotient aus Gewicht und Körpergröße zum Quadrat) von 30.

Auch in Brandenburg werden immer mehr Übergewichtige bestattet. Unddas kann ins Geld gehen. In Potsdam sagt der Bereichsleiter fürFriedhöfe, Gunther Butzmann, die Gebühren für eine Erdbestattungwürden auch nach der Anzahl der Träger berechnet. Und für einenschweren Sarg werden eben nicht vier, sondern sechs gebraucht. Dakönnten schon mal Mehrkosten von ein paar Hundert Euro hinzukommen.

Ähnlich ist die Situation in Bayern. Die Erdlöcher für zentnerschwereTote müssten deutlich größer sein und eine extra Schalung bekommen,damit sie nicht einstürzen, erläutert Gerhard Wellenhöfer von derFriedhofsverwaltung Nürnberg. Der Stadtrat in Fürth hat beschlossen,dass ab 140 Kilogramm von Sarg und Leiche eine Zusatzgebühr von 120Euro fällig wird.

Über die höheren Gebühren gebe es oft Diskussionen, sagt BestatterJörg Freudensprung vom Bestatterverband Bayern. Letzten Endes würdendas die Angehörigen aber einsehen - «wenn auch widerwillig». Häufighöre er: «Er hatte doch schon so viel abgenommen. Er wiegt doch nurnoch 200 Kilo.» Wie bei den Gesundheitskosten gebe es in derGesellschaft einen «grundsätzlichen Dissens», wer für die höherenKosten aufkommen soll.

Oftmals sei es Angehörigen auch peinlich, wenn ein extremübergewichtiger Verwandter zu Grabe getragen wird, berichtetWirthmann. «Der qualifizierte Bestatter sorgt aber dafür, dass mitdem Verstorbenen pietätvoll umgegangen wird.»

Denn es gibt noch andere Herausforderungen. Mittlerweile müssen fürdie Feuerbestattung laut Bundesverband Krematorien nachgerüstet odermodernisiert werden, weil die Öfen für überbreite Särge zu kleinsind. Und die Verbrennung dauere auch länger.

In der Urne spiele das Schwergewicht des Verstorbenen aber keineRolle mehr, meint der langjährige Berliner Bestatter Gerd Müller. Erhabe schon mehrfach erlebt, dass Angehörige vorher nicht sagen, dassein korpulenter Toter abgeholt werden soll. Dann müsse der Transportumorganisiert und ein Sarg im XXL-Format bestellt werden.

Der Bundesverband Bestattungsbedarf beobachtet, dass seit zwei, dreiJahren verstärkt Särge mit Übergroße angefordert werden. «Die Größedes Standardsarges verschiebt sich, Übermaße sind eine starksteigende Tendenz», sagt Sprecher Christoph Windscheif. 2 Meter Längeund 0,70 Meter Breite Standardmaß reichten öfter nicht mehr und schongar nicht für Menschen, die zuletzt bis zu 300 Kilogramm wogen. Oftmüsse der Sarg auch mit zusätzlichen Leisten verstärkt werden. VieleBestatter haben laut Verband aber übergroße Exemplare auf Lager.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Die Kommentare wurden für diesen Artikel deaktiviert