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Interview mit Heiko Naß : Menschen mit Beeinträchtigung: „Es mangelt an Wertschätzung“

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Im Interview fordert Landespastor Heiko Naß mehr Anerkennung für Menschen mit Behinderungen.

shz.de von
erstellt am 02.Okt.2017 | 04:12 Uhr

Etwa 20 Prozent aller Menschen in Schleswig-Holstein haben eine Behinderung. Warum gelten diese dennoch als Randgruppe?

Heiko Naß: Weil es weiterhin Verbesserungsbedarf gibt – auch wenn sich in vielen Bereichen bereits positive Entwicklungen zeigen. Dazu trägt auch das Bundesteilhabegesetz bei, ein im Dezember 2016 beschlossenes Gesetz zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen. Trotzdem bekommen Menschen mit Beeinträchtigungen immer noch weniger gesellschaftliche Anerkennung, als ihnen eigentlich zusteht. Es mangelt an Wertschätzung.

Ein Beispiel?

Weiterhin wird zwischen erstem und zweitem Arbeitsmarkt unterschieden. Allein diese Differenzierung stellt eine Abwertung dar. Werkstätten für Menschen mit Behinderung sind ein komplementierendes, also ein vervollständigendes, Angebot auf dem Arbeitsmarkt, nicht ein ergänzendes. Das ist ein Unterschied. Wenn jemand aufgrund seiner Beeinträchtigungen nur drei Stunden am Tag arbeiten kann, soll das weniger wert sein? Unser Problem ist, dass eine Behinderung als ein Handicap gesehen wird, als Makel. Immer wird bei den Betroffenen darauf geschaut, was nicht geht – statt zu honorieren, was alles geht.

Inwiefern?

Eine Behinderung kann eine Kompetenz sein. Schwerhörige haben beispielsweise eine besondere Begabung im Umgang mit Demenzerkrankten. Sie kommunizieren anders mit ihnen. Eine Gabe, die in der Pflege eine Rolle spielen kann.

Warum ist Arbeit so wichtig für Menschen mit Behinderungen?

Weil sie Teil unseres Lebens ist. Wir identifizieren uns mit ihr. Etwas auszuführen, zu produzieren, macht das Menschsein aus. Deshalb gibt es auch das Recht auf Teilhabe am Arbeitsmarkt. Eine regelmäßige Tätigkeit hilft zudem den Menschen, ihre durch eine Beeinträchtigung erschwerte Lebenssituation leichter zu bewältigen.

Zum Beispiel in den Werkstätten?

Ja, die aber nicht als Parallelwelt gesehen werden sollten. Im Gegenteil, wir brauchen noch mehr Verflechtungen, Kooperationen mit der Wirtschaft, um die Leistungen der Werkstattmitarbeiter stärker anzuerkennen. Dort kann jeder entsprechend seiner eigenen Fähigkeiten arbeiten – und zwar mitbestimmend. Er kann selbst entscheiden, welche Aufgaben er ausführen möchte, welche Arbeitsbereiche er kennen lernen will. 

<p>Landespastor Heiko Naß bei einem Werkstatt-Besuch.</p>

Landespastor Heiko Naß bei einem Werkstatt-Besuch.

Foto: Keller
 

In Großbritannien wurden 2013 die letzten Werkstätten geschlossen. Menschen mit Behinderungen sollen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ihren Platz finden. Sind die Briten weiter beim Thema Inklusion? 

Die Schließungen hatten zur Folge, dass ein großer Teil der Menschen mit Behinderungen nun zu Hause sitzt. Von deutschen Politikern wird die Bedeutung der Werkstätten glücklicherweise anerkannt. 

Und doch gibt es auch Kritik. Gegner sehen in ihnen eine Form der Knechtschaft. Was halten Sie denen entgegen?

Ziel jeder Werkstatt ist es, so viele Beschäftigte wie möglich zu ermutigen und darin zu unterstützen, auf einen versicherungspflichtigen Arbeitsplatz zu wechseln. Leider ist die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes nur begrenzt, was sich auch daran zeigt, dass die Zahl der Arbeitslosen mit Schwerbehinderung weit höher liegt als die Zahl der Arbeitslosen insgesamt. Für andere Personen mit Beeinträchtigung ist die Werkstatt der für sie richtige und selbstgewählte Ort, um dort zu arbeiten, soziale Kontakte zu pflegen und persönliche Bildung zu erfahren.

Wann waren Sie das letzte Mal in einer Werkstatt?

Ich besuche regelmäßig die diakonischen Einrichtungen im Land und hospitiere dort einen Tag. Jeder Bürger ist ebenfalls herzlich eingeladen, sich auch einmal den Alltag einer Werkstatt anzugucken.

Rund 11.000 Menschen mit Behinderungen arbeiten hierzulande in Werkstätten – zwei Drittel davon in den 21 diakonischen Einrichtungen. Wie sieht die Arbeit dort konkret aus? Wie offen ist die Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen? Wie wirksam ist Inklusion? Die Serie „Miteinander“ in Zusammenarbeit mit der Diakonie Schleswig-Holstein informiert darüber. Alle Infos unter www.shz.de/diakonie-sh

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