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Perspektive Werkstatt : Hier werden „Billy“, „Tarva“ und „Micke“ zusammengebaut - Einblick in eine Werkstatt

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In einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung baut der 29-jährige David Klähn Möbelstücke zusammen.

shz.de von
erstellt am 04.Okt.2017 | 05:02 Uhr

Flintbek | Nachdem der Möbelkonzern Ikea als Neukunde gewonnen werden konnte, machten die Arbeitskräfte der Gruppe „Industrie 1“ erst einmal einen Ausflug. Mit dem Bus ging es vom Eiderheim, einer Wohn- und Werkstätte für Menschen mit Beeinträchtigung, nach Kiel. Dort schauten sich alle den Showroom und die Fundgrube des Möbelhauses an, danach gab es noch in der Kantine bei Köttbullarn weitere Informationen zum Konzern. „Mit dem Ausflug sollte das Team einen Eindruck bekommen, für wen und was es später arbeiten wird“, erklärt Tanja Heitsch-Blume, Leiterin der Gruppe. Seither wird jede Lkw-Ladung aus dem Einrichtungshaus mit Freude erwartet, um aus den Einzelteilen Möbel wie „Billy“, „Tarva“ oder „Godmorgon“ zusammenzubauen.

Eine Arbeit entsprechend der Fähigkeiten

David Klähn zählt mit zum Team aus 18 Frauen und Männern, die in der „Industrie 1“ einen Platz gefunden haben. Seit mehr als zehn Jahren arbeitet der 29-jährige Lernbehinderte in der Werkstatt – werktags von 8 bis 16 Uhr. In seinem Gruppenraum läuft RSH im Radio, Postkarten aus den letzten Urlauben der Mitarbeiter hängen an einer Stellwand. An einem Tisch setzen Arbeitskräfte Kabel-Verschraubungen zusammen. An den Plätzen vorne erfolgt der Zusammenbau von Möbeln. Jeder Mitarbeiter hat seine Aufgabe – entsprechend seiner Fähigkeiten.

Im Eiderheim gibt es mehrere Arbeitsgruppen, die ganz unterschiedliche Aufgaben ausführen – ob Aktenvernichtung, Industriemontage oder die Herstellung von Produkten für den Jagdbedarf. Einige Menschen mit Behinderungen bevorzugen routinierte Tätigkeiten, andere mögen die Abwechslung. „Es ist aber egal, ob jemand nur die Pappe in die Presse steckt oder Baupläne umsetzen kann“, betont Tanja Heitsch-Blume. „Jeder tut das, was er kann.“ Die Arbeitsmoral in der Werkstatt sei enorm. „Weil so jeder seinen Beitrag zum Leben in der Gesellschaft leisten kann.“ Die Arbeit mache ihm Freude, bestätigt David Klähn, der gerade an der Kommode „Micke“ schraubt.

<p>Arbeitet bei der Diakonie Schleswig-Holstein in der Werkstatt „Industrie 1“: David Klähn.</p>

Arbeitet bei der Diakonie Schleswig-Holstein in der Werkstatt „Industrie 1“: David Klähn.

Foto: Michael Staudt
 

Werkstätten als Wirtschaftsfaktor

Zweimal die Woche treffen Lieferungen ein, die nach der Montage wieder auf Paletten zurück zu Ikea gefahren werden. Obwohl das Eiderheim eine Werkstatt für Menschen mit Behinderung ist, wird auch hier wirtschaftlich gearbeitet. „Wir müssen Liefertermine einhalten“, nennt Tanja Heitsch-Blume als ein Beispiel. „Dafür haben wir aber mehr Hände zur Verfügung.“ Die Mitarbeiter mit Beeinträchtigungen, die alle für ihre Tätigkeit ein Entgelt erhalten, bestimmen mit, welche Aufgaben sie erledigen wollen. Die Leiterin assistiert ihnen dabei. Im Werkstattalltag wird viel kommuniziert – auch private Gespräche gehören durchaus zum Miteinander. „Deshalb ist das hier auch mehr als ein normales Arbeitsverhältnis.“

David Klähn baut die Kommode geübt Schritt für Schritt zusammen. Auf die Frage, ob er demnächst in den ersten Arbeitsmarkt wechseln könne, reagiert die Gruppenleiterin zögerlich. „Sie müssen bedenken: Hier ist er mit seinen Fähigkeiten ein Held, ein Sympathieträger. In der freien Wirtschaft wäre er womöglich eines der schwächsten Glieder in der Kette“, antwortet sie. „Das könnte Probleme machen, weil ihm auch ein Gesprächspartner auf Augenhöhe fehlt.“ Er brauche jemanden an seiner Seite, der ihm den Rücken stärke, der ihn führe. „Für Inklusion muss die Gesellschaft erst bereit sein. Das ist sie meiner Meinung nach in vielen Bereichen noch nicht.“

Nur noch letzte Handgriffe und Verschraubungen, dann ist die Kommode fertig. Klähn zeigt sie stolz. „Du könntest auch als Modell arbeiten“, scherzt der sh:z-Fotograf, der vom 29-Jährigen bei der Montage Fotos für die Zeitung gemacht hat und zufrieden mit den Bildern ist. Klähn zeigt ein breites Grinsen. Dann lehnt er dankend ab. „Ich arbeite lieber hier.“


Rund 11.000 Menschen mit Behinderungen arbeiten hierzulande in Werkstätten – zwei Drittel davon in den 21 diakonischen Einrichtungen. Wie sieht die Arbeit dort konkret aus? Wie offen ist die Gesellschaft für Menschen mit Behinderungen? Wie wirksam ist Inklusion? Die Serie „Miteinander“ in Zusammenarbeit mit der Diakonie Schleswig-Holstein informiert darüber. Alle Infos unter www.shz.de/diakonie-sh

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