Familienleben : Warum Kinder glücklich machen: Lieben und geliebt werden

'Jette hat uns zu einer Familie gemacht', sagen Constanze Kronisch und Johannes Kaiser über ihre gemeinsame Tochter.
"Jette hat uns zu einer Familie gemacht", sagen Constanze Kronisch und Johannes Kaiser über ihre gemeinsame Tochter.

Wenn Jette in die Hände klatscht, ist Constanze Kronisch glücklich. Obwohl sich die junge Mutter das Elternsein nicht ausmalen konnte, zehrt sie vom Babyglück. Eine Spurensuche.

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25. April 2021, 00:00 Uhr

Osnabrück | Vergnügt spielt Jette mit der Kordel an Mamas Pullover. Ganz genau inspiziert sie die Schnur, reibt sie zwischen ihren kleinen Händchen, testet den Geschmack des Bändels. Jette ist gerade erst ein Dreivierteljahr auf der Welt, in dem Alter gleicht jeder neue Tag einer Entdeckungsreise.

Zu beobachten, wie ihr Töchterchen die Welt erkundet, macht Constanze Kronisch glücklich, erzählt die junge Mutter: „Mit einem Kind entdeckt man alle Dinge neu, die den Erwachsenen belanglos erscheinen.“ Wie zum Beispiel die Schnur, die am Pullover herunterbaumelt und Jettes Aufmerksamkeit fesselt. Bereits in der Schwangerschaft setzten bei Kronisch die Glücksgefühle ein: „Mit jedem Ultraschallbild, jedem Herzton und jedem wilden Tritt im Bauch ist die Vorfreude gestiegen“, erzählt Kronisch. Auch wenn sie und ihr Freund, Johannes Kaiser, es sich kaum ausmalen konnten, wie das Eltern-Dasein einmal sein würde.

Eine gesunde Portion Kuschelhormon

„Jette hat uns zu einer Familie gemacht. Aber das Elternsein ist doch anstrengender als gedacht“, meint Kronisch. Neue Schlafrhythmen, viel Müdigkeit, etliche Routinen, ein Leben in Zeitfenstern – all das bekommen Kronisch und Kaiser zurück: in Form von Oxytocin. Dieses sogenannte Kuschelhormon schüttet der Körper aus, wenn die Wehen beginnen oder die Mutter ihr Baby stillt. Es sorgt für eine enge Bindung zwischen Mutter und Kind, doch auch die Väter erleben einen Oxytocinrausch: 2011 fanden Forscher heraus, dass der Oxytocingehalt im Blut bei Müttern und Vätern noch sechs Monate nach der Geburt identisch ist. Vor zehn Jahren war diese Erkenntnis eine Sensation, denn damit war ein Mythos widerlegt: Wie „gut“ sich Eltern im Umgang mit Kindern anstellen, hängt weder vom X- noch vom Y-Chromosom ab.

Die enge Bindung zwischen Eltern und Kindern gehört zu den Themen, die Claudia Hellmers erforscht. Sie hat dreizehn Jahre lang als Hebamme Familien auf ihrem Weg ins Elternglück begleitet. Heute ist sie Professorin für Hebammenwissenschaft an der Hochschule Osnabrück. Hellmers kennt also beide Seiten: die Wissenschaft und die Praxis als Hebamme. Einen Augenblick, von dem Eltern lange zehren, ist das erste Lächeln des Babys, erklärt Hellmers: „Denn damit gibt das Kind den Eltern zum ersten Mal etwas aktiv zurück.“

Claudia Hellmers ist Hebammenwissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück. Sie sagt: 'Das erste Lächeln des Babys vergessen die Eltern nicht. Denn damit gibt das Kind ihnen zum ersten Mal etwas aktiv zurück.'
Aileen Rogge/Hochschule Osnabrück
Claudia Hellmers ist Hebammenwissenschaftlerin an der Hochschule Osnabrück. Sie sagt: "Das erste Lächeln des Babys vergessen die Eltern nicht. Denn damit gibt das Kind ihnen zum ersten Mal etwas aktiv zurück."

Auch Kronisch kennt solche Momente: „Uns mit Jette zu unterhalten, ihr ständiges Gebrabbel, ihr Strahlen, ihr Temperament, aber auch jede neu erlernte Bewegung bereiten uns riesige Freude. Ihr bedingungsloses Vertrauen in uns macht glücklich.“ Entscheidend für dieses Urvertrauen ist die liebevolle Beziehung zwischen Eltern und Kind, erklärt Hebammenwissenschaftlerin Hellmers. Denn nur wenn sich Kinder sicher und geborgen fühlen, können sie im späteren Leben das Vertrauen entwickeln, das sie für den Aufbau weiterer Beziehungen und eine positive Lebenseinstellung benötigen. Dieses Bonding beginne bereits in der Schwangerschaft und werde direkt nach der Geburt erlebbar: „Die Babys werden auf die nackte Haut gelegt, damit sie die Mutter riechen und von allein nach der Brust suchen können. Das ermöglicht Geborgenheit und Fürsorge“, sagt Hellmers.

Harmonie aus Herz und Verstand

Gerade wenn das Baby frisch auf der Welt ist, sei es daher wichtig, die Zeit im Wochenbett zu zelebrieren, ergänzt Hellmers: „Es gibt eine klare Erwartungshaltung in der Gesellschaft, wie sich Eltern korrekt zu verhalten haben und dass sie gleich nach der Geburt ihres Kindes wieder funktionieren müssen.“ Dabei sei das genaue Gegenteil richtig: „Das Wochenbett können Eltern nutzen, sich und das Kind kennenzulernen und sich ineinander zu verlieben“, hebt die Wissenschaftlerin hervor. „So können die Eltern Feinfühligkeit entwickeln und ihr Baby lesen lernen.“

Die Erziehung des Kindes, neue Verantwortung, ein Sprung ins bis dato Unbekannte –nicht wenige Eltern starten mit Verunsicherung in diese neue Lebensphase. Im Internet wie im Buchhandel mangelt es keineswegs an Ratgeberliteratur, die Eltern in schwierigen und kräftezehrenden Phasen Halt geben soll. Aber vielleicht auch falsche Erwartungen erzeugt oder die Ansprüche ans Elternsein unbeabsichtigt steigen lässt. Claudia Hellmers teilt diese Einschätzung nicht ganz: „Prinzipiell brauchen wir Informationen, um Entscheidungen treffen zu können. Bei der Erziehung kommt es aber nicht nur auf den Verstand an. Hier müssen Eltern Kopf und Herz in Einklang bringen“, meint Hellmers.

Dem Kinderwunsch nachhelfen

Auch dafür hat die Natur etwas eingerichtet: intuitive Elternkompetenz. So bezeichnet die Forschung die Werte, Einstellungen und Gefühle im Umgang mit Kindern, die in uns allen angelegt sind. Sich darüber mit dem Partner oder der Partnerin auszutauschen, mag dennoch schwierig sein. Auch gerade dann, wenn der Kinderwunsch im Vordergrund steht. Denn nicht jedes Paar hat wie Kronisch und Kaiser das Glück, dass es auf natürlichem Wege mit dem Elternwerden klappt. Häufig sind drei Ursachen ausschlaggebend für ungewollte Kinderlosigkeit, meint Irene Coordes vom Kinderwunschzentrum Osnabrück. „Rauchen, Alter und Übergewicht können die Chancen, schwanger zu werden, deutlich verringern“, sagt die Fachärztin für Frauenheilkunde und Geburtshilfe. „Auf zwei dieser drei Ursachen hat jedoch jeder Einfluss.“

Dazu kommen gesundheitliche Faktoren, erklärt ihr Kollege Manfred Schneider: „Bei 10 bis 20 Prozent ist eine Endometriose der Grund für ungewollte Kinderlosigkeit.“ Darunter versteht man eine versprengte Gebärmutterschleimhaut, die sich an Stellen des Unterleibs ansiedelt, wo sie nicht hingehört. Das führt zu Eileiterproblemen. In weiteren 10 Prozent der Fälle können die Ärzte keine eindeutige Ursache feststellen, hier spricht man von einer idiopathischen Störung. Je nachdem, welche Ursachen sich finden lassen und ob die Probleme eher beim Mann oder der Frau zu finden sind, hat dies entscheidenden Einfluss auf die Behandlung im Kinderwunschzentrum.

Hierbei kommen häufig drei Möglichkeiten in Betracht. Ist die Samenqualität des Mannes wenig beeinträchtigt und ist auch die Frau weitgehend gesund, werden die Spermien direkt in die Gebärmutter injiziert. Wenn jedoch ein Problem in den Eileitern festgestellt wird, müssen die Spermien und Eizelle in einer Kulturschale zur Befruchtung zusammengeführt werden. Einen Schritt als diese In-vitro-Fertilisation weiter geht die sogenannte ICSI-Methode, bei der ein einzelnen Spermium in die Eizelle gespritzt wird. Sie wird angewandt, wenn die Spermienqualität deutlich eingeschränkt ist.

Nachdem die Eizellen für 24 Stunden in einem Brutschrank kultiviert werden, können die Embryonen nach zwei bis fünf Tagen in den Uterus der Frau zurückgesetzt werden. Mit jeder zusätzlich zurückgesetzten Eizelle steigt jedoch das Mehrlingsrisiko – und jede Mehrlingsschwangerschaft ist eine Risikoschwangerschaft. „Auf natürlichem Wege liegt die Wahrscheinlichkeit, Zwillinge zu bekommen, bei unter 2 Prozent“, erklärt Angela Assmann, die im Osnabrücker Kinderwunschzentrum als Weiterbildungsassistentin arbeitet. „Bei künstlicher Befruchtung bekommt allerdings jede fünfte Schwangere Zwillinge.“ Diesen Effekt bemerkt inzwischen auch die Geburtenstatistik: Wie das Statistische Bundesamt meldet, hat sich die Zahl der Mehrlingsgeburten seit 1980 mehr als verdoppelt.

Zwischen Sorge und Dankbarkeit

Gratwanderungen wie diese, gepaart mit einem oft jahrelang unerfüllten Kinderwunsch, sind eine starke Belastung. Wie das Ärzteteam des Kinderwunschzentrums berichtet, haben viele ihrer Patientinnen und Patienten einen langen Leidensweg hinter sich. „Die Schwangerschaften sind selten unbeschwert. Oft lassen die Schwangeren aus Angst selbst kleinste Auffälligkeiten vom Arzt abklären“, sagt Assmann. In Niedersachsen müssen Kinderwunschärzte darüber hinaus eine psychosomatische Weiterbildung absolvieren, um ihren Patienten auch seelisch weiterhelfen und Begleittherapien vermitteln zu können.

Angela Assmann, Irene Coordes und Manfred Schneider helfen Paaren beim Erfüllen ihres Kinderwunsches. Seit der Gründung 1995 hat das Kinderwunschzentrum Osnabrück rund 60.000 Paare behandelt.
Kinderwunschzentrum Osnabrück
Angela Assmann, Irene Coordes und Manfred Schneider helfen Paaren beim Erfüllen ihres Kinderwunsches. Seit der Gründung 1995 hat das Kinderwunschzentrum Osnabrück rund 60.000 Paare behandelt.

„Wenn es klappt, sind die Patienten oft sehr dankbar“, Irene Coordes. „Viele senden uns nach der Geburt Bilder von ihrem Baby zu oder kommen kurz nach dem Kindergeburtstag zu Besuch.“ Momente, die die drei Ärzte als sehr erfüllend in ihrer Arbeit beschreiben. Seit der Gründung des Kinderwunschzentrum im Jahr 1995 haben die Ärzte über 60.000 Paare behandelt und zum Babyglück begleitet. Trotzdem: Nicht immer verläuft eine Behandlung erfolgreich. „Nach einem Jahr ungeschütztem Sex sind 95 Prozent der Frauen auf natürlichem Wege schwanger. Das entspricht zwölf Versuchen mit künstlicher Befruchtung“, erläutert Manfred Schneider.

„In den Kindern wird Liebe sichtbar“

Gewissheit zu haben, dass bald das Wunschkind auf der Welt ist – an diesen Augenblick kann sich auch Constanze Kronisch noch sehr gut erinnern. „Als ich erfahren habe, dass ich Mutter werde, war ich einfach nur glücklich“, sagt sie. In die Freude und Dankbarkeit mischten sich bald auch Aufregung und Nervosität. „Aus ‚Juhu, es hat geklappt‘ wurde schnell ein ‚Wow, was kommt jetzt auf uns zu?‘“, erinnert sich die junge Mutter. Eine erfüllende Neugier, denn gerade hat die kleine Jette Winken und Klatschen gelernt. Bis sie zu den ersten Schritten ansetzt, dauert es wohl auch nicht mehr lange.

Mit dem Laufen beginnt für Jette und ihre Eltern dann auch wieder ein neuer Lebensabschnitt – der vielleicht Energie kosten mag, aber auch viel Freude verspricht. „Jede Entwicklungsphase der Kinder ist immer wieder aufs Neue besonders“, konstatiert Claudia Hellmers. „Aber jedem Schritt ist eines gleich: In den Kindern wird Liebe sichtbar.“ Für die Hebammenwissenschaftlerin liegt genau darin der Zauber: „Gerade in den ersten Wochen ist es genau das Richtige, die Kinder zu verwöhnen und die Geborgenheit zu genießen. Denn Babyglück bedeutet für mich, zu lieben und geliebt zu werden.“

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