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faire Mode kaufen : Fairtrade: Neue Siegel für ein gutes Gewissen

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Miserable Arbeitsbedingungen und Mini-Löhne asiatischer Textilarbeiterinnen verunsichern die Kunden. Fairtrade-Siegel sollen Orientierungshilfe sein.

shz.de von
erstellt am 28.Apr.2014 | 08:10 Uhr

Kiel | Angesichts der Lebensmittelskandale fragen sich Verbraucher schon lange: „Was kann ich noch guten Gewissens essen?“ Spätestens seitdem die katastrophalen Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen in Asien bekannt sind, müssen sie sich auch fragen: „Was kann ich guten Gewissens anziehen?“ Kann ein T-Shirt für fünf Euro überhaupt unter fairen Arbeitsbedingungen produziert werden? Oder müssen wir 50 Euro ausgeben? Eine Greenpeace-Untersuchung aus dem Jahr 2012 zeigt: Egal, ob Jeans, T-Shirts oder Unterwäsche von führenden Nobelmarken oder von Billigheimern kommen – ein hoher Verkaufspreis kommt nicht unbedingt bei den Näherinnen an.

Schwierig ist es für Verbraucher, sich in der Modewelt anhand von Gütesiegeln zu orientieren. Etwa 20 Siegel für Textilien gibt es in Deutschland. Sie bürgen entweder für das Material oder für sozialverträgliche Produktionsbedingungen. So gibt das Europäische Umweltzeichen oder das Tooxproof-Label vom Tüv- Rheinland Auskunft darüber, ob gesetzliche Grenzwerte eingehalten wurden. Und das Label SG-Zeichen (SG = schadstoffgeprüft) garantiert, dass bei der Herstellung weder krebserregende Azofarbstoffe noch Substanzen, die schwere Allergien auslösen können, verwendet worden sind.

Als das umfassendste Gütesiegel gilt zurzeit das GOTS-Siegel (Global Organic Textile Standard). Es zeigt, dass nicht nur Umweltkriterien, sondern auch Sozialstandards geprüft werden. Für ein T-Shirt mit GOTS-Siegel gilt unter anderem, dass die Baumwolle mindestens zu 70 Prozent aus kontrolliertem Anbau sein muss. In der Produktion wird komplett auf den Einsatz bedenklicher Chemikalien verzichtet. Kinderarbeit ist verboten, Arbeitszeiten sind einzuhalten und der gesetzliche Mindestlohn eines Landes ist zu zahlen. Auch das von der Fair Wear Foundation vergebene Gütezeichen für ökologische und sozial fair hergestellte Mode hat Wegweiser-Funktion.

Am bekanntesten ist hierzulande wohl das Fair-Trade-Zeichen, das man auch von Lebensmittelverpackungen kennt. Der weit verbreitete Öko-Tex-Standard 100 („Textiles Vertrauen“) hingegen prüft laut Greenpeace weder Betriebe noch sind alle gefährlichen Textilchemikalien verboten. Zwar haben die großen Modeketten angesichts der Brand-Katastrophen in der Fabrik Rana Plaza in Bangladesch Besserung gelobt. Als Reaktion auf das Unglück unterzeichneten zahlreiche Handelskonzerne ein rechtlich bindendes Abkommen für Feuer- und Gebäudesicherheit. Doch das reicht nicht . Der CDU-Entwicklungspolitiker Jürgen Klimke appellierte deshalb in der vergangenen Woche an die deutsche Wirtschaft, mehr für den Arbeitsschutz in Bangladesch zu tun. „Es kann nicht sein, dass wir einerseits auf Kosten der Steuerzahler jährlich 40 oder 50 Millionen Euro Entwicklungsgelder nach Bangladesch geben, auf der anderen Seite aber auch deutsche Unternehmen das Land sozial ausbeuten“, sagte Klimke. Die deutsche Wirtschaft müsse ihrer Verantwortung gerecht werden.

Inzwischen bemüht sich auch das Entwicklungsministerium darum, gemeinsam mit der Wirtschaft ein Textil-Siegel zu entwickeln: „Dann kann der Verbraucher sehen, ähnlich wie bei Fair-Trade- oder Bioprodukten, dieses T-Shirt, Hemd oder Kleid ist nach sozialen Standards produziert worden“, lobt Klimke. Man könne damit sicherstellen, dass er etwas gegen soziale Ausbeutung tun kann.

Das Ministerium will sich übermorgen mit Industrievertretern treffen. Das Siegel soll noch in diesem Jahr eingeführt werden. Sofern sich die Firmen nicht freiwillig zu bestimmten sozialen und ökologischen Standards verpflichten, müsse ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden, stellt Entwicklungsminister Gerd Müller (SPD) klar.

Das Siegel soll sich, so die Forderung, nicht nur auf ein Produkt wie T-Shirts, Jeans oder Baumwolle beziehen, sondern auf das gesamte Unternehmen und seine Zulieferkette. „Die Produktion ist heute sehr komplex“, geben Fachleute zu Bedenken. Die meisten der gängigen Label gelten nur für einige Herstellungsschritte, was für die Verbraucher kaum durchschaubar sei.

Trotz aller Siegel und guter Absichtserklärungen: Vielen Verbrauchern fällt der Spagat zwischen Geldbeutel, Modetrends und gutenm Gewissen schwer. Bester Beweis: Sämtliche Konzerne, die nach dem Einsturz der Fabrik in Bangladesch im Zentrum der Kritik standen, konnten ihre Kundenzahlen in Deutschland im Unglücksjahr sogar noch steigern. Laut Tagesspiegel legte C&A von 30,26 auf 30,45 Millionen zu, H&M von 17,69 auf 18,26 Millionen und KiK von 10,25 auf 10,34 Millionen.

„Bei den Verbrauchern können wir keine wirklichen Veränderungen erkennen“, räumte demnach der Händlerverband BTE ein. Laut Umfrage sind zwar viele Verbraucher bereit, zehn bis 20 Prozent mehr für ein fair produziertes T-Shirt zu zahlen. Mit nur 20 Cent mehr könnte man das Einkommen der Näherinnen in Bangladesch sogar verdoppeln. Trotzdem: Die Optik siegt. „Ein Kleidungsstück muss gefallen. Wenn es fair produziert wird, um so besser. Wenn nicht, kauft der Kunde es trotzdem“, so die nüchterne Einschätzung eines Modeverbandssprechers. Inzwischen kündigten immerhin Hersteller wie Nike, Adidas, H&M und American Apparel an, mehr auf Fairness zu achten.

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