Meditation im Selbsttest: Teil 3 : Zwischen Zurückspulen und Butterbrot: Meditation per Youtube

Wenn man sein Smartphone zur Meditation benötigt, sollte man Benachrichtigungen definitiv ausschalten, lautet das Fazit.

Wenn man sein Smartphone zur Meditation benötigt, sollte man Benachrichtigungen definitiv ausschalten, lautet das Fazit.

shz.de hat Meditation auf verschiedenen Wegen getestet. Darunter Entspannungsübungen mit einem Youtubevideo.

schoppmeier_jule-.jpg von
11. Juli 2019, 13:53 Uhr

Achtsamkeit und „Focusing“ liegen im Trend wie nie zuvor. Ruhe finden, konzentrierter werden, sich selbst finden – so lauten die Ziele. Meditation verspricht genau das. Welche Meditations-Methode aber ist es wert, in den Alltag eingebaut zu werden? shz.de hat getestet, wie gut man mit Youtubevideos meditieren kann.

Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit bedeutet, die Aufmerksamkeit auf den aktuellen Moment zu richten und in der Situation präsent zu sein, schreibt die Lehrerin und Buchautorin Doris Kirch auf der Seite des Deutschen Fachzentrums für Achtsamkeit. Dabei sei das Ziel, Situationen wertungsfrei anzunehmen und die Gedanken in dem Moment zu bündeln. Achtsamkeit soll unter anderem Stress reduzieren und das Glücklich-Sein fördern, indem der Geist beruhigt wird. Auch das innere Gleichgewicht und die Souveränität in schwierigen Situationen sollen gefördert werden, indem der Zugang zu den eigenen Ressourcen gefunden wird. Achtsamkeit kann durch Meditation gestärkt oder durch das tägliche Verhalten in den Alltag eingebaut werden.

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Inmitten von Alltagslärm: Das Youtubevideo

  • Zeitaufwand: wenn man nicht zurückspulen muss, dann 10 bis 15 Minuten
  • Kosten: deckt die Internetrechnung
  • Vorteile: relativ flexibel in den Alltag zu integrieren
  • Nachteile: Ablenkung, Werbung

Das Meer rauscht zu meinen Füßen, die Sonne scheint warm auf meine Haut. Wummm – ein Lkw rast unter lautem Getöse unter meinem Fenster entlang, das Beben ist bis in den Boden zu spüren – ein Glas auf meinem Nachttisch erzittert von der vorbeibretternden Last auf dem Asphalt.

Wie soll ich dabei meine innere Mitte finden?

Brav liege ich auf dem Rücken auf einer Yogamatte auf den Holzdielen meines WG-Zimmers. Meine Hände sind nach oben geöffnet, ich bin entspannt. Es ist mein dritter Versuch auf diese Weise zu meditieren. Durch meine Kopfhörer spricht eine ruhige Frauenstimme zu mir, die ich über mein Smartphone als Youtubevideo abspiele. 15 Minuten und 30 Sekunden habe ich, um Ruhe zu finden. Klischeehaft betont die Stimme im Video die Wörter „tief“ und „langsam“ bei der Atemanleitung übermäßig.

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Das Vibrieren vorbeirauschender Fahrzeuge kann ich nicht ignorieren. Genervt stehe ich auf, um mir die Oropax vom Nachttisch zu holen, die ich mir noch unter die Kopfhörer in meine Ohren stecke.

Jetzt habe ich die Hälfte der kraftvollen Phrasen verpasst, die die Energie von Körperteil zu Körperteil wandern lassen sollen. Ich spule ein Stück zurück – nochmal. Eine Sonne befindet sich in meinem Körper, sie füllt mit ihren warmen Strahlen meinen ganzen Bauchraum aus. Ich habe Hunger. Meine Gedanken kreisen darum, was ich gleich essen werde und ob ich meine gewaschenen Sportklamotten für später schon trocken sind. War heute Abend nicht irgendein Treffen? Als ich wieder hinhöre, ist das kraftvolle Licht bereits in meinen Oberkörper.

Schließlich öffne ich die Augen. Mich nervt das Chaos um mich herum. Ich stehe nach sieben Minuten und 36 Sekunden des erfolglosen Spulens und Verpassens auf und schmiere mir in der Küche eine Scheibe Vollkornbrot. Hoffentlich bin ich die nächsten Male erfolgreicher.

Bin ich nicht. Dafür versuche ich etwas anderes.

Morgens „positive Affirmationen“ statt Kaffee

Empfohlen durch eine Freundin höre ich mir nun morgens zehn- bis zwanzigminütige positive Affirmationen, also positive Glaubenssätze an, bevor ich aufstehe. Das funktioniert wunderbar, die Meditation legitimiert das Liegenbleiben. Die Sätze sprechen direkt mit meinem Unterbewusstsein, verspricht mir die Stimme. Noch im Halbschlaf murmle ich Sätze nach wie „Heute ist ein schöner Tag“, „Ich bin glücklich und zufrieden“, „Ich bin vollkommen gesund“.

Ich bin noch nicht davon überzeugt, dass ich den Tag schaffen werde – der Rest hört sich dagegen ganz plausibel an. Der Föhn im direkt angrenzenden Bad geht lautstark an. Kein Problem, denn schließlich wird die Wirkung des positiven Denkens bereits durch die einfache Wiederholung der positiven Glaubenssätze erzielt. „Das Leben wird immer für mich sorgen“ wiederhole ich. „Es kann mir nichts passieren“.

Die nächsten Versuche verlaufen dann sogar ohne Störung. Das Ganze ist ganz nett und tatsächlich ein guter Start in den Tag. Jedenfalls besser, als nach dem Aufwachen das Smartphone zu durchscrollen. Beim Aufstehen habe ich das angenehme Gefühl, bereits etwas getan zu haben, bevor es dann zum ersten Kaffee übergeht. Mit der Meditationsapp „Headspace“ kann es zwar nicht mithalten, ist dafür aber, abgesehen von der Internetrechnung, kostenfrei.

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