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Ernährung & Gesundheit

21. Oktober 2017 | 09:16 Uhr

Zukunftsbranche Gesundheit

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Enormes Wachstumspotenzial für Betriebe im Land / Steigende Bedeutung von Prävention und Wellness

shz.de von
erstellt am 09.Jan.2014 | 00:31 Uhr

Medizin aus einer Hand – das gibt es heute nicht mehr. Zumindest nicht so, wie unsere Eltern es noch kannten. Wer behandelt werden musste, ging ins nahe gelegene Krankenhaus, wurde – falls nötig – operiert, dann wochenlang in der Klinik gepflegt, und wenn alles gut lief, gesund nach Hause entlassen. Heutzutage ist die Medizin hoch spezialisiert, ehemalige „Feld-, Wald- und Wiesen-Krankenhäuser“ vor Ort gehören der Vergangenheit an. Man lässt sich von Spezialisten operieren und fährt dafür auch schon mal eine Stadt weiter. Die Verweildauer ist auf ein Minimum reduziert worden, selbst im Uniklinikum Schleswig-Holstein, wo die schweren Fälle landen, liegen Patienten im Schnitt nur noch 6,8 Tage auf Station. Dann geht es in die stationäre oder ambulante Reha oder in ein Pflegeheim, in die Spezialsprechstunde oder die Fachambulanz. Fragmentarische Behandlung nennen Fachleute diese Entwicklung und versuchen jetzt, das wieder zusammenzubinden – neudeutsch: zu vernetzen –, was zuvor auseinanderdividiert wurde.

In Kiel treffen sich die Akteure der Gesundheitswirtschaft deshalb jetzt zum fünften Mal auf einem Kongress („Vernetzte Gesundheit“), mit dem Ziel, die Effizienz des Systems zu erhöhen, Gesundheitspakete zu schnüren und darüber hinaus neue Geschäftsfelder voranzubringen. Denn beim Thema Gesundheitswirtschaft geht es nach Ansicht von Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) um weit mehr als um Intensivstation und Blutdruckpillen. Wachsende Bedeutung haben Prävention und Wellness, egal, „ob medical oder klassisch, ob kassenkofinanziert oder selbstgezahlt, ob im eigenen Land oder als Tourist in einem anderen“. Der Gesundheitsmarkt bedeute Boom und Zukunft, Wirtschaftsmotor und Impulsgeber.

Dabei ist der Gesundheitssektor in Schleswig-Holstein schon jetzt Brötchengeber für fast 180 000 Beschäftigte und stellt die hochgelobte maritime Wirtschaft längst in den Schatten. Tendenz weiter steigend. Mit Blick auf die enormen Wachstumspotenziale appellierte Meyer gestern an die Branche, durch kluge Vernetzungen ihre bundesweite Spitzenposition zu bewahren, weitere Marktanteile zu erschließen und hochwertige Arbeitsplätze zu schaffen. „Die mehr als 9000 Betriebe in Schleswig-Holstein stellen schon jetzt jeden fünften Arbeitsplatz und sind damit der größte Arbeitgeber im Land“, sagte Meyer. Die Wertschöpfung liege mit gut 18,4 Prozent vier Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Rund 6,5 Milliarden Euro wurden im Gesundheitsbereich 2012 zwischen Nord- und Ostsee umgesetzt. Experten gehen davon aus, dass in den nächsten 15 Jahren deutschlandweit mit einem Zuwachs von wenigstens 400 000 Arbeitsplätzen zu rechnen ist. In Schleswig-Holstein können laut einer Studie des Instituts für Arbeit und Technik bis zum Ende dieses Jahrzehntes über 28 000 neue Arbeitsplätze entstehen.

„Ich bin zuversichtlich, dass in Schleswig-Holstein in zehn Jahren jeder dritte Arbeitsplatz dieser Branche entstammen könnte“, sagte der Minister vor den rund 500 Kongressteilnehmern. Er erinnerte zugleich daran, dass unter den 30 größten Unternehmen im Land elf Betriebe aus der Gesundheitswirtschaft stammen.

Voraussetzung dafür, dass die Gesundheitsbranche Wirtschaftsmotor und zugleich Garant für eine hochwertige Gesundheitsversorgung bleibe, ist nach den Worten von Meyer unter anderem die Erschließung neuer Felder. So eröffne die zunehmende Bereitschaft der Menschen, in ihre Gesundheit zu investieren, auch im sogenannten zweiten Gesundheitsmarkt – etwa im privat finanzierten Sport- und Wellnessbereich – aber auch im Tourismus oder im Rehabilitations-Sektor neue Möglichkeiten. „Das ist ein Riesenmarkt“, sagte er. Der Gesundheitstourismus gilt als Wachstumsmotor der Branche. „Im Tourismus sind wir zweifellos schon stark – aber die Kombination mit Prävention und Rehabilitation halte ich für ausbaufähig“, sagte Meyer. Die einzelnen Angebote im Land müssten besser vernetzt werden. In diesem Vergleich hinke die Branche im Vergleich zu anderen Ländern noch hinterher. Erste positive Ansätze sieht Meyer aber im Bereich der Nordseeküste.

Einen intensiveren Blick als bisher will er auch auf das Thema Medizintechnik werfen. Dabei gehe es insbesondere um den Technologietransfer und die Unterstützung von neuen Initiativen oder jungen Unternehmen. Der diesjährige Schwerpunkt des Kongresses trägt der veränderten Rolle der Gesundheitswirtschaft Rechnung. Die Schwerpunkt-Themen lauten unter anderem „Goldgrube Gesundheit – Health und Wealth für alle?“, „Gesundheitstourismus und Reha“ oder „Zweiter Gesundheitsmarkt – Standortfaktor attraktiver Arbeitgeber“. Um die ehrgeizigen Ziele zu erreichen, ist es nach Ansicht von Prof. Jens Scholz, Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH), unerlässlich, ausreichend Fachpersonal zu bekommen. Das sei „die Herausforderung der Zukunft“, betonte Scholz, und wehrte sich gleichzeitig dagegen, im demografischen Wandel nur ein Damoklesschwert zu sehen. Die alternde Gesellschaft werde neben allem anderen „auch Berufs- und Arbeitswelten verändern und vor allem neue Arbeitsplätze schaffen“, pflichtete ihm Meyer bei.

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