Kolumne : Diagnose Typ-1-Diabetes: Der Tag, der mein Leben veränderte

NOZ Social-Media-Redakteur Uli Bunsmann lebt seit zehn Jahren Typ-1-Diabetes und hat den Tag seiner Diagnose noch gut in Erinnerung. Foto: David Ebener
NOZ Social-Media-Redakteur Uli Bunsmann lebt seit zehn Jahren Typ-1-Diabetes und hat den Tag seiner Diagnose noch gut in Erinnerung. Foto: David Ebener

Wäre ich um 1900 geboren, wäre ich vermutlich kurz nach meinem 22. Geburtstag gestorben. Doch zum Glück kam alles anders. Das ist meine Geschichte.

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06. Dezember 2019, 05:30 Uhr

Osnabrück | Bremen, 23. November 2009. Der Tag, der mein Leben verändern sollte, begann mit einem grauen Novembermorgen. Ich war gerade auf dem Weg zur Uni, als mein Handy klingelte. „Wir haben Auffälligkeiten in Ihrem Blutbild festgestellt, bitte kommen Sie so schnell wie möglich in die Praxis“, lautete die kurze Info meiner neuen Hausärztin, die ich zu diesem Zeitpunkt erst ein Mal aufgesucht hatte – an jenem Montag sollte es das zweite Mal sein. In der Praxis eröffnete mir die Ärztin:

„Alle Werte sind soweit in Ordnung, bis auf den Blutzucker. Sie haben Diabetes. Sie werden ab jetzt Insulin spritzen müssen.“


An alles, was sie mir danach noch mit auf den Weg gab, kann ich mich nur noch bruchstückhaft erinnern. Umso genauer jedoch an meine ersten Gedanken, die nur wenig mit der Diagnose zu tun hatten: Was bedeutet das jetzt für mein Studium? Ist das Wintersemester ruiniert, bevor es richtig begonnen hatte? Absurde Gedanken, wie ich noch feststellen sollte.

Die einzige Entscheidung, die ich in diesem Schockmoment treffen musste, war, ob ich direkt für mehrere Wochen in eine Klinik eingewiesen werden oder lieber am nächsten Tag einen Diabetologen aufsuchen wollte. Die Antwort fiel mir leicht: Ein Krankenhausaufenthalt kam nicht in Frage. Dann konnte ich gehen.

Unübersehbare Symptome

Meine Mutter, eine ehemalige Krankenschwester, war bestürzt, allerdings auch wenig überrascht. Zu eindeutig waren die Symptome, die mich den vergangenen Monat belastet hatten: extremer Durst, extremer Harndrang, extreme Müdigkeit, dazu etwa zehn Kilogramm Gewichtsverlust innerhalb weniger Wochen. Allesamt typische Anzeichen für Typ-1-Diabetes, wie ich später erfahren sollte. Dass es mir nicht gut ging, hatte auch mein Umfeld bemerkt: Kommilitonen sagten zu mir, dass ich schlecht aussähe, ich antwortete, dass ich mich auch schlecht fühlte – in der Annahme, mich hätte die Schweinegrippe erwischt, die in jenem Herbst grassierte.

Eine „Gerätekrankheit“?

So saß ich am nächsten Vormittag beim Diabetologen und war nun offiziell einer von schätzungsweise rund 365.000 Typ-1-Diabetikern in Deutschland („Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2019“). Meine Eltern waren aus Osnabrück angereist, weil auch sie erfahren wollten, was die Krankheit nun für mich bedeutet. Und hörten wie ich, wie mir der Diabetologe erklärte:

„Ich sage immer, Typ-1-Diabetes ist eine Krankheit für Männer, weil es eine Gerätekrankheit ist. Sie werden ab jetzt viel mit Technik zu tun haben.“


Humor hatte der Experte also. „Rauchen Sie? Trinken Sie viel Alkohol? Nein? Glückwunsch! Dann haben Sie das Risiko für sämtliche Folgeerkrankungen schon mal um grob 50 Prozent gesenkt.“ Puh, aufatmen. Aber ist eine chronische Krankheit nicht schlimm genug? Sollte mein Leben mit Anfang 20 ab jetzt von Arzt- und Apothekenbesuchen bestimmt sein? Würde ich jemals wieder Sport machen können? Und überhaupt: Warum hatte es ausgerechnet mich erwischt? Schließlich hatte in meiner Familie bis dahin nie jemand Diabetes gehabt.

Während meine Gedanken noch von einem Horrorszenario zum nächsten sprangen, wurde mir schnell sehr viel Mut zugesprochen. Man könne mit Typ-1-Diabetes sehr gut leben und hätte heutzutage eine nahezu gleiche Lebenserwartung wie ein gesunder Mensch. Voraussetzung ist eine permanente Behandlung. Mit „Behandlung“ ist in diesem Fall gemeint: Intensivierte Insulintherapie, abgekürzt ICT (aus dem Englischen: intensified conventional insulin therapy). Dennoch: Typ-1-Diabetes ist nicht heilbar, weshalb ich dankbar bin, in einem Land leben zu dürfen, in dem es Insulin in jeder Apotheke gibt. Dies ist keine Selbstverständlichkeit, weshalb auch heute noch Typ-1-Diabetiker in den ärmeren Regionen dieser Welt dem Tode geweiht sind.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Mein Alltag sah von nun an so aus: Wann immer ich Lebensmittel mit Kohlenhydraten zu mir nahm, musste ich mir eine entsprechende Menge Insulin in den Bauch spritzen. Dazu jeden Abend eine Extra-Spritze mit Langzeitinsulin, das mit Verzögerung wirkte, wenn ich schlief. Um jederzeit zu wissen, wie hoch mein Blutzucker war, musste ich mir in den Finger pieksen und mithilfe eines Tropfen Bluts und einem kleinen Messgerät den Wert ermitteln. Das größte Problem: Anfangs konnte ich noch nicht einmal eine für die Insulin-Injektionen nötige Speckfalte am Bauch erzeugen, weil ich so abgemagert war. Am ersten Abend heulte ich. Aber wie sagte der lässige Diabetologe: „Sie sind Student, Sie bekommen das hin.“

Ein Jahrzehnt später

Nun sind mittlerweile zehn Jahre vergangen und es hat sich eine Menge getan. Ich trage einen Sensor am Arm, der 24 Stunden am Tag automatisch meinen Blutzucker misst, dabei sämtliche Daten aufzeichnet und mir einen Alarm direkt auf das Smartphone senden kann. Tagebuch ade! Kohlenhydrate und Insulineinheiten rechne ich nicht mehr aus – ich habe alle Tabellen im Kopf. Noch vor wenigen Jahrzehnten sah der Alltag für insulinpflichtige Diabetes-Patienten komplett anders aus: Die Mahlzeiten richteten sich an einem ärztlich vorgegebenen Spritzplan aus – heute ist es genau umgekehrt. Dazu kein Abkochen benutzter Spritzen mehr, kein blutiges Messen. Dafür bin ich dankbar.

Der stille Begleiter

Aktuell mache ich mindestens zwei Mal die Woche Kraft- und Ausdauersport. Kurzum: Ich bin gesund und lebe in jeder Hinsicht bewusst(er). Messwerte und Spritzen sind mein ständiger Begleiter, ob ich will oder nicht. Die größte Gefahr ist eine schwere Unterzuckerung (im Volksmund „Zuckerschock“ genannt), sollte ich mich einmal grob bei der Insulinmenge verschätzen und zu viel spritzen. In einem dramatischen Fall würde dies mit einer Bewusstlosigkeit enden, im schlimmsten Fall mit dem Tod.

Dennoch lasse ich mein Leben nicht von der Krankheit bestimmen. Das dies nicht immer ganz einfach ist, wird man mir jedoch kaum ansehen, weil Diabetes eine weitestgehend „unsichtbare“ Krankheit ist. Wenn ich wollte, könnte ich meinen Arbeitsalltag so bestreiten, dass niemals jemand etwas davon mitbekäme. Weder im Büro, noch beim Feierabendbier. Denn: Ja, auch Alkohol darf ich trinken, nur nicht zu viel. Aber so sollten es gesunde Menschen ja auch halten.

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