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Ernährung & Gesundheit

20. Oktober 2017 | 12:52 Uhr

Wie Watte im Ohr

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hörsturz: Oft löst Stress den unvermittelten Hörverlust aus / Ursachen sind meist unklar

shz.de von
erstellt am 18.Feb.2015 | 12:40 Uhr

Der Hörverlust kam plötzlich – und ohne erkennbaren Auslöser: Christine Karstensen* war gerade im Auto unterwegs, als sie völlig unvermittelt auf dem linken Ohr kaum noch etwas hören konnte. Das „dumpfe Gefühl“ im Ohr blieb, am nächsten Tag ging die 42-jährige Flensburgerin zum Hals-Nasen-Ohrenarzt. Der stellte einen Hörsturz fest: eine Erkrankung, von der nach Angaben der Deutschen Tinnitus-Liga jährlich mehr als 15  000 Menschen betroffen sind, Frauen und Männer in etwa gleich häufig. Meist tritt der Hörsturz zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr auf, bei Kindern kommt er nur in Ausnahmefällen vor.

Mediziner sprechen von einem Hörsturz oder auch Ohrinfarkt, wenn plötzlich und ohne erkennbare äußere Ursacheeinseitige Hörprobleme – eine sogenannte Innenohrschwerhörigkeit – auftritt, die bis hin zum Hörverlust reichen kann. Die Betroffenen spüren ein taubes Gefühl oder einen dumpfen Druck auf dem erkrankten Ohr, bei manchen fühlt es sich wie „Watte im Ohr“ an. Manchmal wird der Hörsturz von Schwindel oder auch von Ohrgeräuschen (Tinnitus) begleitet. Schmerzen verursacht die Erkrankung in der Regel nicht.

Die Ursachen seien vielfältig und oft nicht genau zu klären, sagt Dr. Doris Hartwig-Bade (Foto), niedergelassene HNO-Ärztin in Lübeck. „Verantwortlich können Virus- oder bakterielle Infektionen sein, auch ein erhöhter Cholesterinspiegel, Bluthochdruck oder Autoimmunerkrankungen gelten als Risikofaktoren.“ Oft ist die Durchblutung des Innenohrs gestört; Stress soll nach Angaben des Berufsverbands der HNO-Ärzte eine große Rolle beim Entstehen eines Hörsturzes spielen.

Wichtig sei es, Ruhe zu bewahren, sagt Doris Hartwig-Bade. „Ein Hörsturz ist ein Eilfall, kein Notfall.“ Das heißt: „Es reicht, im Laufe des Tages, spätestens aber am nächsten Tag zum HNO-Arzt zu gehen.“ Nicht selten heilt ein Hörsturz von selbst wieder aus – doch schon um das Ausmaß des Hörschadens festzustellen, ist eine Untersuchung notwendig. „Ob dann eine Therapie nötig ist, muss individuell mit dem Arzt besprochen werden.“ Bei einer Hörschädigung im Bereich von zehn bis 20 Dezibel in einigen Frequenzen könne zunächst abgewartet werden – das hänge jedoch auch davon ab, wie stark beeinträchtigt sich der Patient fühle, sagt die Ärztin. In den meisten Fällen ist eine – rechtzeitige – Behandlung erforderlich, um das Risiko für beilebende Schäden (wie Hörverlust oder Ohrgeräusche ) möglichst gering zu halten.

Festgestellt wird der Ohrinfarkt – neben einer Befragung des Patienten etwa nach äußeren Einflüssen oder Vorerkrankungen – durch eine Untersuchung des Ohrs und einen Hörtest (Tonaudiometrie). Dabei wird überprüft, ab welcher Lautstärke der Patient die Töne des hörbaren Frequenzbereichs wahrnimmt, um festzustellen, in welcher Schwere und in welchen Frequenzen die Hörstörung vorliegt. „Schwere Hörstürze sind glücklicherweise selten“, sagt Doris Hartwig-Bade, „meist handelt es sich um leichte bis mittelschwere Fälle“.

Die seien in der Regel mit hochdosiertem Kortison in Tablettenform gut in den Griff zu bekommen. Der entzündungshemmende und abschwellende Wirkstoff ist heute Standard in der Hörsturz-Therapie, sagt Hartwig-Bade, nachdem in den vergangenen Jahren verschiedenste Behandlungsansätze ausprobiert wurden: ohne überzeugenden Erfolg, dafür oft mit unerwünschten Nebenwirkungen. Infusionen, die die Durchblutung fördern, würden heute kaum noch eingesetzt. „Und Therapien wie die hyperbare Sauerstofftherapie oder die Apherese (eine Art Blutreinigung) sind nur in speziellen Fällen, zum Beispiel bei einer internistischen Erkrankung, angezeigt. Ihr Nutzen ist nicht wissenschaftlich belegt, die Krankenkassen übernehmen die Kosten dafür nicht.“

Handelt es sich um einen sehr schweren Ohrinfarkt, sind die Heilungschancen eher schlecht, sagt die Medizinerin. „Meist nutzt dann auch ein Hörgerät nicht mehr viel, weil Hörnervenzellen zum Großteil abgestorben sind.“ Dann hilft oft nur noch ein sogenanntes Cros-Hörgerät, bei dem ein Empfänger auf dem tauben Ohr Klänge an das Hörgerät auf dem besser hörenden Ohr sendet.

Christine Karstensen* hat Glück gehabt: Ihre Beschwerden verschwanden nach kurzer Kortison-Behandlung wieder, einen erneuten Hörsturz gab es seitdem während der zurückliegenden drei Jahre nicht. „Ich versuche, Stress soweit wie möglich zu vermeiden“, sagt die Flensburgerin. „Mehr kann ich nicht tun.“*Name von der Redaktion geändert


Info: >Berufsverband der HNO-Ärzte: hno-aerzte-im-netz.de, Telefon 04321 - 9725-0

> Deutsche Tinnitus-Liga (Selbsthilfeorganisation), www.tinnitus-liga.de, Tel. 030 - 688112-78

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