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Ernährung & Gesundheit

23. Oktober 2017 | 19:46 Uhr

„Wie ein Messer in der Schulter“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Kalkschulter: Ablagerungen können extreme Schmerzen verursachen / Betroffen sind vor allem Frauen im mittleren Alter

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2014 | 10:06 Uhr

Der Schmerz in der rechten Schulter kam von heute auf morgen, im Januar dieses Jahres. Bald konnte sich Anja Bogensee nicht mehr die Zähne putzen, „ohne zu heulen“; jede alltägliche Bewegung wurde zur Qual. „Es fühlte sich an, als ob mir jemand mit einem Messer in die Schulter sticht.“ Ihr Mann half ihr beim Anziehen, beim Autofahren schaltete sie schließlich mit links. Am schlimmsten seien jedoch die Nächte gewesen, sagt die 49-jährige Arzthelferin aus Sillerup (Kreis Schleswig-Flensburg). „Ich konnte maximal von elf bis zwei Uhr schlafen.“ Anja Bogensee litt unter einer Kalkschulter: An einer Sehne hatten sich über die Jahre Kristalle aus Kalziumsalzen gebildet. Helfen konnte ihr schließlich nur noch eine Operation.

„Warum sich diese Kalkablagerungen bilden, ist nicht genau geklärt“, sagt Dr. Otto Kloppenburg, Chefarzt der Orthopädie und Sportmedizin an der Helios Ostseeklinik in Damp. Mediziner vermuten, dass die Erkrankung mit der schlechten Durchblutung dieser Körperregion zusammenhängt. Sie sorgt für einen Sauerstoffmangel, der dazu führt, dass Sehnen- sich in Kalkzellen umwandeln. Besonders oft kommen die Verkalkungen an der Rotatorenmanschette vor: einem Komplex aus vier Muskeln, die vom Schulterblatt zum Oberarm ziehen und den Gelenkkopf in der Gelenkpfanne des Schulterblatts zentrieren. Meist sind Frauen zwischen 20 und 50 Jahren betroffen.

So lange die Kalkstückchen bei Bewegungen keine Probleme bereiten, bleibt die Kalkschulter oft unentdeckt. „Viele Befunde sind Zufallsbefunde“, sagt Kloppenburg. Etwa, wenn bei Beschwerden in einer Schulter auch die andere per Ultraschall oder Röntgen untersucht wird. Schmerzhaft wird es, wenn die Ablagerungen eine bestimmte Größe oder Festigkeit erreichen und der Schleimbeutel, eine Art Puffer über der Sehne, gequetscht wird und sich entzündet.

Mitunter bilden sich die Kalkansammlungen von selbst zurück. Darum raten Experten dazu, mit einer Operation erst einmal zu warten. Kortisonspritzen in den entzündeten Schleimbeutel lindern in akuten Phasen die Schmerzen, sollten aber nicht über einen längeren Zeitraum verabreicht werden. Konservativ therapiert wird mit Physiotherapie. Die sei bei Schulterproblemen grundsätzlich geboten, sagt Otto Kloppenburg: Um die Beweglichkeit der Gelenke zu fördern und die Muskulatur, die wegen der Schmerzen nur noch einseitig belastet wird, wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Bei einer Kalkschulter kann die Krankengymnastik durch ihre durchblutungsfördernde Wirkung zusätzlich den Abtransport des Kalks unterstützen.

Bei Anja Bogensee klappte es nicht mit der Selbstheilung des Körpers. Um die „vernichtenden“ Schmerzen erträglich zu machen, schluckte sie mehrmals täglich Ibuprofen in hoher Dosis. Und bewegte sich so gut wie gar nicht mehr. Verständlich, aber auf Dauer riskant, sagt Otto Kloppenburg. „Dann droht die Schulter zu versteifen.“

Eine Stoßwellentherapie, bei der der Kalk mit Ultraschallwellen zertrümmert wird, brach die Silleruperin ab – „zu schmerzhaft“. Ohnehin ist die Behandlung, deren Kosten die Krankenkasse in der Regel nicht übernimmt, umstritten. Kloppenburg: „Es gibt gute Erfolge, aber abhängig von Größe und Struktur der Ablagerung funktioniert die Methode oft auch nicht.“ Und sie berge in besonderen Fällen die Gefahr, dass es zu Rissen in den bereits beschädigten Sehnen kommt.

Das Gleiche gelte für das sogenannte „Needling“, bei dem die Kalkablagerungen mit einer feinen Nadel angeritzt und durch die Einspülung von Wasser ausgeschwemmt oder vom Körper abgebaut werden sollen. Ein Verfahren, das für den Patienten zudem sehr unangehnehm sein könne, wie Kloppenburg betont.

Ob und wann operiert werden müsse, hänge immer individuell davon ab, wie stark die Schmerzen, wie eingeschränkt die Beweglichkeit bereits sei. „Unsere Patienten haben in der Regel einen längeren Leidensweg hinter sich, bevor sie sich für eine OP entscheiden“, sagt Raphael Bruhn, Orthopäde an der Ostseeklinik.

Wie auch Anja Bogensee. Nachdem ihre Schulter sie ein halbes Jahr gequält hatte, entschied sie sich Ende Juli schließlich für den Eingriff: Bei der Schulterarthroskopie, einem sogenannten minimal-invasiven Verfahren, führt der Chirurg durch einen wenige Millimeter großen Stichkanal eine winzige Kamera ein, durch einen zweiten das Operationsinstrument. Zuerst wird der Schleimbeutel entfernt, anschließend das Kalkdepot angeritzt und abgetragen. Kloppenburg: „Bei größeren Ablagerungen muss die Sehne genäht werden, bei kleineren heilt sie von selbst.“ Etwa 20 bis 40 Minuten dauert die OP unter Vollnarkose. In der Regel seien die Patienten direkt nach dem Eingriff schmerzfrei. Die Gefahr, dass sich neuer Kalk ansammle, liege bei unter zehn Prozent.

Anja Bogensee bedauert heute, dass sie so lange die Zähne zusammengebissen hat. „Mit der Beweglichkeit habe ich auch meine Lebensfreude zurück gewonnen.“

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