Prager-Eltern-Kind-Programm : Wie Babys spielerisch die Welt entdecken

PEKiP-Gruppe auf Föhr: Kleine Nackedeis und ihre (bekleideten) Mütter. Foto: Eick
PEKiP-Gruppe auf Föhr: Kleine Nackedeis und ihre (bekleideten) Mütter. Foto: Eick

Frühförderung nach dem Prager-Eltern-Kind-Programm (PEKiP): In Schleswig-Holstein gibt es 400 Einrichtungen, die diese Spielgruppen anbieten.

shz.de von
07. April 2010, 06:02 Uhr

Malena ist ganze sechs Monate alt, das sind knapp 180 Tage, die sie auf dieser Welt zubringt. Und sie ist schon ganz da, ganz Mensch. Freundlich ist sie noch dazu, neugierig, sensibel, zärtlich, aufmerksam. Malena rollt sich hin und her und strahlt ihre Mutter Birte an.
Wir können uns nicht daran erinnern, aber unser erstes Lebensjahr ist die ereignisreichste Zeit unserer Entwicklung. Bereits bei unserer Geburt - und zum Teil schon davor - haben wir einen erstaunlich großen Schatz von Fähigkeiten in unserem Lebensreisegepäck. Wir können sehen und hören, schmecken und riechen; wir spüren Schmerz und Berührungen.
Spielerische Bewegung
Unsere Fähigkeit, einzelne Sinnesreize zu verarbeiten, das heißt, zu koordinieren, richtig einzuordnen und angemessen darauf zu reagieren, wird in den folgenden ersten Lebensmonaten und -jahren kontinuierlich trainiert. Um sich gesund entwickeln zu können, brauchen Kinder die liebende Aufmerksamkeit ihrer Eltern - und, das hat der Prager Psychologe Dr. Jaroslav Koch bereits in den 1950er Jahren herausgefunden: Bewegung. Säuglinge brauchen spieleri sche Bewegung ebenso wie Nahrung und Wärme, um körperlich und mental zu wachsen und sich stabilisieren zu können. Was Koch noch herausfand: Babys bewegen sich am liebsten und intensivsten, wenn sie nackt sind. Das Prager-Eltern-Kind-Programm (PEKiP) basiert auf diesen Erkenntnissen, die längst mehrfach wissenschaftlich belegt sind.
Mittlerweile gibt es bundesweit rund 1750 Einrichtungen, die unter Leitung von ausgebildeten PEKiP-Gruppenleiter(innen) Spielgruppen anbieten. In Schleswig-Holstein sind es 400. Die Gruppenarbeit beginnt mit Müttern oder Vätern und ihren Babys im Alter von vier bis sechs Wochen. Idealerweise bleibt die Gruppe das ganze erste Lebensjahr der Kinder zusammen. Das Kursangebot wird durch Gesprächsrunden ergänzt, etwa zu Themen wie Ernährung, Unfallverhütung, Sprachentwicklung.
PEKiP ist mehr als ein netter Zeitvertreib für Mutter oder Vater und Kind
Die Insel-PEKiP-Gruppe auf Föhr trifft sich einmal in der Woche. Wenn alle da sind, tummeln sich sieben nackte Babys mit ihren (angekleideten) Müttern plus der Gruppenleiterin Maike in dem gut beheizten Raum. Die Stimmung ist freudig entspannt: Die Mütter wissen, dass sie sich nun 90 Minuten lang ihrem Kind und dem Austausch untereinander widmen können. Ohne Zeit- oder Erfolgsdruck. Die Babys scheinen die günstigen Voraussetzungen zu spüren und wenden sich gutgelaunt und ohne viel Umschweife dem auf weichen Matten verteilten Spielzeug und den anderen Kindern zu - oder genießen den Hautkontakt mit der Mutter.
Maike Berger, die Gruppenleiterin, denkt sich für jedes Treffen ein besonderes Mitbringsel aus: Diesmal sind es seidenzarte, transparente Tücher, die in kräftigen Farben leuchten.
Das Prager-Eltern-Kind-Programm ist jedoch mehr als ein netter Zeitvertreib für Mutter oder Vater und Kind.
Nur kein Leistungsdruck
PEKiP ist ein wissenschaftlich evaluiertes Konzept, das konkrete Hilfen für die Entwicklung von Kindern im Zusammenspiel mit ihren Eltern verbindet. Beide "Spielpartner" sind dabei gleichberechtigt. Dabei geht es weder um einen leistungsorientierten Frühstart des Babys, noch um die Perfektionierung des Elternwissens. Es geht um eine gesundheitsbewusste Erziehungseinstellung der Eltern, um ein entspanntes Akzeptieren der kindlichen Verhaltensweisen und eine angemessenen Reaktion auf diese.
PEKiP ist daher auch gut für Eltern, die sich und ihr Kind unter Leistungsdruck setzen, die sich und ihre Elternschaft - aus welchem Grund auch immer - unter zu hohe Erfolgserwartungen stellen. "Es geht darum, die Kinder in ihrer Ganzheit zu entfalten, ihre Sinne, ihr Spielverhalten, ihr Denken, ihr Sprechen, ihre Gefühle, ihre Verhaltensweisen (...)" hat es Jaroslav Koch formuliert. Anfügen ließe sich: Entfalten lassen, so wie unsere Kinder sind, und nicht, wie wir sie uns vorstellen oder wie wir sie haben möchten. Unsere Kinder entwickeln sich spielend. Und richtig gut wird es, wenn die Eltern - im doppelten Sinne - mitspielen.

Informationen

Ziele:
1. Das Kind durch Bewegungs-, Sinnes- und Spielanregungen in seiner Entwicklung begleiten und fördern
2. Die Beziehung zwischen Kind und Eltern stärken
3. Den Erfahrungsaustausch und den Kontakt der Eltern untereinander anregen
4. Kontakte der Kinder zu Gleichaltrigen und anderen Erwachsenen ermöglichen

Kosten:
Die Kursgebühren variieren von Anbieter zu Anbieter. Ein Turnus von 9 x 90 Minuten kostet in der Regel zwischen 75 bis 110 Euro. Diverse Krankenkassen prüfen derzeit eine Förderung.

Hier finden Sie eine PEKiP-Gruppe in Ihrer Nähe:
Im Internet unter: www.pekip.de
Telefonisch: PEKiP e.V. unter Tel. 0203-712330, montags bis freitags 9 bis 13 Uhr.

Buch- und DVD-Tipps für zu Hause:
- Liesel Polinski "PEKiP: Spiel und Bewegung mit Babys" (rororo, 2001).
- Anne Pulkkinen "PEKiP: Babys spielerisch fördern" (Gräfe & Unzer, 2009).
- Monika Thiel "Babyspaß mit PEKiP-Spielen" (Urania, 2008).
- Liesel Polinski, Katrin Krüger "Die Elternschule: Die PEKiP-DVD".

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