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Männergesundheit : Wenn Traurigkeit krank macht

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Seit dem Suizid von Robert Enke hat sich die Gesellschaft für das Thema Depressionen geöffnet. Trotzdem haben vor allem Männer Probleme, darüber zu sprechen.

shz.de von
erstellt am 23.Mai.2013 | 02:50 Uhr

Schleswig | Es fängt mit einer Phase der Traurigkeit an. Doch was zunächst harmlos aussieht, kann schnell in eine Depression münden und Betroffene im Extremfall bis in den Selbstmord treiben. Dabei erkrankt fast jeder fünfte Deutsche einmal im Leben daran. Auch erfolgreiche und vermeintlich glückliche Menschen kann ein Schicksalsschlag in tiefe Probleme stürzen. Gerade Männer, die häufiger an Depressionen leiden als Frauen. Doch das wollen sich viele nicht eingestehen.
Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, innere Leere - Johannes Vennen kennt diese Symptome. Der Psychotherapeut hat sich vor vier Jahren mit seiner Praxis für Männer in Kiel selbstständig gemacht und leitet eine weitere Praxis in Schleswig, die im Sommer nach Rendsburg verlegt wird. Die Idee dazu entstand während der Elternzeit. Damals wollte der dreifache Vater neben der Kindererziehung freiberuflich arbeiten. Auf der Suche nach einem Alleinstellungsmerkmal wurde er schnell fündig, denn schließlich war das Thema Männergesundheit - vor allem in Bezug auf Depressionen - in der Gesellschaft weitgehend unbeliebt.

Sitzung mit Smartphone


Im September 2009 ging es also mit der Männerberatung los - mit Erfolg. Zurzeit hat er eine Warteliste von bis zu neun Monaten. Die Patienten kommen mit verschiedenen Problemen zu ihm. Depressionen stehen an erster Stelle, denn jeder zweite ist daran erkrankt. Auch Trennungskrisen, fehlende Freundschaften und chronische Krankheiten sind Gründe, weshalb ihn viele Männer aufsuchen. Das ist jedoch nicht selbstverständlich, denn im Vergleich zu den Frauen gehen immer noch wenige Männer zum Arzt. Viele Betroffene scheuen sich, den Arzt auf ihre Probleme anzusprechen - ein Fehler.
Psychische Leiden sind keinesfalls etwas, wofür man sich schämen müsste. Mit etwa vier Millionen Betroffenen allein in Deutschland gehört die Depression mit Herzinfarkten und Krebs sogar zu den häufigsten Erkrankungen überhaupt. Um dies zu ändern, müsse man die Männer direkt ansprechen, erklärt Vennen. Wichtig sei dabei, dass man nicht kritisiert, sondern Tipps gibt und auf ihr starkes Autonomiebedürfnis eingeht. Vennen führt mit seinen Patienten Kennenlerngespräche und hört ihnen zu. Während der Therapie nutzt er zudem die männliche Technikaffinität aus. "80 Prozent filmen eine Sitzung mit ihrem Smartphone, um sie sich zu Hause noch einmal anzusehen", erzählt der 49-Jährige. In Zukunft möchte er die sogenannte "Skype-enhanced therapy" anwenden, bei der er seine Patienten mithilfe von Handy und Kamera in realen Alltagsituationen berät.

Klangschale zum Entspannen


Zur Beruhigung und Entspannung steht eine Klangschale im Sprechzimmer bereit, die ziemlich gut ankommt. "Oft sind die Menschen müde, wenn sie nach der Arbeit zu mir kommen", sagt Vennen. "Aber wenn sie den Ton hören, konzentrieren sie sich darauf und vergessen für einen Moment den Alltag." Das Bedürfnis nach Entspannung ist also da. Für die Zukunft wünscht sich Vennen, dass Medizin und Psychotherapie schon in der Ausbildung behandelt wird. Die sei wichtig, um mit den Männern kompetent umzugehen. Schließlich könne nur durch die richtige Ansprache bewirkt werden, dass Mann sich einem Arzt anvertraut.
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