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Ernährung & Gesundheit

16. Dezember 2017 | 23:51 Uhr

Wenn nachts der Atem stockt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Unregelmäßiges Schnarchen und Müdigkeit am Tag können Symptome einer Schlafapnoe sein / Unbehandelt hat die Krankheit schwere Folgen

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2013 | 00:31 Uhr

Die Müdigkeit war seine ständige Begleiterin. Über Jahre hinweg. Gegen sie anzukämpfen, sich kaputt zu fühlen während des Tages – für Wolfgang Stötzel war es „normal“, viel Kaffee sein Gegenmittel. Im Job war der ehemalige Berufssoldat oft auf Reisen, übernachtete in Hotels – und führte es darauf zurück, dass er schlecht schlief. Der Gedanke, „etwas dagegen tun zu müssen“, kam dem heute 67-jährigen Kieler erst mit dem Ruhestand. „Beim Zeitung lesen nach dem Frühstück, beim Fernsehen auf dem Sofa – ich bin ständig eingenickt.“ Der Hausarzt schickte ihn zum Lungenfacharzt, der gab ihm ein Screeninggerät – auch Schlafkoffer genannt – mit nach Hause. Eine Nacht lang zeichnete das Gerät Stötzels Atmung und den Sauerstoffgehalt in seinem Blut auf. Mit einem Ergebnis, das seinen Pneumologen „nervös“ machte, wie der Kieler sagt: Atemaussetzter im Rhythmus weniger Minuten, manche davon bis zu 55 Sekunden lang. Wolfgang Stötzel leidet unter Schlafapnoe.


Verstopfte Atemwege


„Gaumengewebe und Zungenboden erschlaffen im Schlaf, rutschen in den Rachen und behindern das Ein- und Ausströmen der Luft“, erklärt Dr. Heidi Böttcher, Lungenfachärztin am Schlaflabor des Universitätsklinikums in Kiel. Hörbare Folge: Der Schläfer schnarcht. Lautstark. Sinkt das Gewebe noch weiter ab, verstopft es den Luftweg komplett – der Atem steht still. Bis zu zwei Minuten können sich solche Aussetzer hinziehen. In der Regel dauern sie zehn bis 30 Sekunden, bevor das Gehirn den Sauerstoffabfall im Blut registriert und eine Weckreaktion auslöst: Mit mehrmaligem Nach-Luft-Schnappen setzt der Atem wieder ein.

Hunderte Male schrecken Menschen mit schwerer Schlafapnoe in einer Nacht so abrupt auf. Diese Stressreaktionen – von Medizinern „Arousals“ genannt“ – führen zwar nicht zwangsläufig zum bewussten Aufwachen. Doch sie verhindern einen tiefen, erholsamen Schlaf. Die Betroffenen leiden unter Tagesmüdigkeit, haben Kopfschmerzen und Konzentrationsstörungen. Fachleute vermuten darum, dass die Schlafapnoe Ursache vieler Verkehrsunfälle ist. Und weil der Körper bei jeder Weckreaktion Zucker ausschüttet, Blutdruck und Herzfrequenz ansteigen, kann sie langfristig schwerwiegende Folgen haben: Krankheiten wie Diabetes, Bluthochdruck und Herzrhythmusstörungen.

Zwei bis drei Prozent der erwachsenen Bevölkerung leiden Schätzungen zufolge unter der klassischen, der „obstruktiven“ (verschließenden) Schlafapnoe. Betroffen sind vor allem Männer im fortgeschrittenen Alter: Sind es bei den 40-bis 60-Jährigen rund 20 Prozent, steigt die Zahl im Alter zwischen 65 und 70 auf etwa 60 Prozent. Frauen sind seltener betroffen; bei ihnen tritt die Krankheit vor allem nach den Wechseljahren auf. „Mit dem Alter wird das Gewebe schwächer“, erklärt Schlafmedizinerin Böttcher. Die Hauptursache sei jedoch Übergewicht – denn Fettgewebe bildet sich auch im Rachenraum. Wesentlich seltener ist dagegen die zentrale Schlafapnoe, bei der die Atemaussetzter vom Gehirn gesteuert werden.

Extremes Schnarchen, dann plötzliche Stille, die von Röcheln und hektischem Luftschnappen beendet wird: Das seien die Alarmzeichen der obstruktiven Schlafapnoe, auf die in der Regel die Lebenspartner aufmerksam werden, sagt Heidi Böttcher. Die Betroffenen selbst nähmen ihre Müdigkeit am Tage oft nicht als krankhaft wahr, kompensierten den fehlenden Nachtschlaf, wenn möglich, mit „Nickerchen zwischendurch“. Doch: „Wer nachts gesund schläft, braucht am Tag keinen Schlaf“, sagt Böttcher. Und rät darum, bei anhaltender Müdigkeit oder gestörter Nachtruhe unbedingt zum Arzt zu gehen.


Höheres Risiko für Schnarcher


In den meisten Fällen lässt sich die Apnoe am Schnarchen erkennen. Zwar leide nicht jeder, der nachts „sägt“, an der Erkrankung, sagt die Schlafmedizinerin. Doch Schnarcher haben ein höheres Risiko. „Eine Schlafapnoe liegt vor, wenn in einer Stunde mehr als fünf Atemaussetzer auftreten, die jeweils mindestens zehn Sekunden andauern.“ Gewissheit bringt eine Untersuchung im Schlaflabor: Drei Nächte verbrachte Wolfgang Stötzel damals „voll verkabelt“ im Klinikum in Borstel. Mit Hilfe von Elektroden und Sensoren – angebracht an Kopf und Stirn, Brustkorb, Kinn und Unterschenkeln – wurden seine Körperfunktionen gemessen, sämtliche Schlafphasen und Schnarchgeräusche aufgezeichnet.

Seine häufigen und langen Atemaussetzer machen ihn zu einem „schweren Fall“ – in dem meist nur ein sogenanntes CPAP-Gerät (continuous positive airway-pressure) hilft: Eine Atemmaske ist an ein Gerät angeschlossen, das mit leichtem Überdruck Luft in Nase und zum Teil auch in den Mund bläst. Böttcher: „Die Maske verhindert, dass die Atemwege zusammenfallen und die Luftzufuhr unterbrochen wird.“ Technische Unterstützung für einen gesunden Schlaf, die zu akzeptieren vielen Patienten jedoch schwer falle: „In den meisten Fällen liegt es daran, dass die Maske nicht richtig sitzt“, sagt Heidi Böttcher. „Um so wichtiger ist es, das richtige Modell in der passenden Größe zu finden – und das ist manchmal ein langer Prozess.“ In anderen Fällen helfen Zahnschienen, die den Unterkiefer leicht nach vorn schieben und so das Nach-Hinten-Fallen des Rachengewebes verhindern. Mitunter kann auch ein operativer Eingriff sinnvoll sein.

Wolfgang Stötzel schläft seit 1997 jede Nacht mit seiner Maske. Und zwar „sehr gut“. Tagsüber ein Nickerchen auf dem Sofa – für den Kieler ist das längst tabu. Die Krankheit hat ihn sensibler gemacht für sein natürliches Schlafbedürfnis. „Heute kann ein Fernsehkrimi noch so spannend sein. Wenn ich müde werde, gehe ich sofort ins Bett.“

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