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Ernährung & Gesundheit

24. August 2017 | 03:46 Uhr

Wenn Kindern der Kopf dröhnt

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Mit ihrer Therapie für junge Migräne-Patienten ist die Schmerzklinik auf dem Kieler Ostufer bundesweit einzigartig

Mattes Metelmann (14) und sein Vater Maik sehen erstmals seit Jahren Licht am Ende des Tunnels. Der an schwerer Migräne leidende Jugendliche durchläuft eine zweiwöchige Therapie an der Schmerzklinik in Kiel. Er lernt mit seiner Krankheit umzugehen, erhält Tipps für seinen Tagesablauf und für die Ernährung. Schon nach Tagen hat sich sein Zustand spürbar verbessert. Mattes will die Kieler Empfehlungen auch zu Hause im mecklenburgischen Russow einhalten. Sein sehnlichster Wunsch: Er will wieder mit seiner Fußballmannschaft trainieren. Das war zuletzt nicht mehr möglich. Regelmäßig von Mittwochfrüh bis Freitagabend lag Mattes mit dröhnendem Kopf flach.

Mattes’ Eltern haben mit ihrem Sohn eine Odyssee hinter sich: Hausarzt, Orthopäde, Augenarzt, Neurologe. Niemand konnte helfen. Erst in der Schmerzklinik an der Schwentinemündung auf dem Kieler Ostufer fühlten sich Mattes und sein Vater richtig aufgehoben.

Das liegt an dem Ansatz, mit dem Klinik-Chef Prof. Dr. Hartmut Göbel der Migräne zu Leibe rückt. Für ihn ist der Kopfschmerz kein Symptom (etwa als Folge von Verspannungen und mangelnder Durchblutung), sondern eine eigenständige Erkrankung. Göbel kennt 363 Kopfschmerz-Formen, davon 23 Migräne-Typen. Er spricht von einer Entzündung im Kopf, einer Störung in der Schmerzverarbeitung. Das Gehirn der betroffenen Patienten arbeite schneller, es nehme mehr Reize auf als bei anderen Menschen. Darum verbrauche es aber auch viel Energie – ohne entsprechende Nahrungsmittelzufuhr kollabiere es.

Mattes’ Migräne-Attacken begannen überfallartig meist mitten in der Nacht: mit pulsierendem Schmerz und dem Gefühl, dass die Augen „fast herausgedrückt“ werden. Seit dem Abendbrot waren sieben, acht Stunden vergangen, das war zu lange für ihn. In der Klinik erhält der 14-Jährige um 22 Uhr eine kohlenhydratreiche Spätmahlzeit. Zweite Maßnahme: Der herkömmliche Raffinade-Zucker, verantwortlich für unerwünschte „Push-Effekte“ beim Blutzuckerwert, wird gestrichen. Kartoffeln und Nudeln prägen die Speisekarte. Und überhaupt: Neben Frühstück und Pausenbrot brauchen Schüler wie Mattes auch das regelmäßige Mittagessen, das nicht an allen Schulen gesichert ist.

Der Klinik-Chef hadert auch mit der Medienwelt. Fernseher, Handy, Videospiele sorgen für eine Flut an Signalen, der immer mehr Menschen nicht gewachsen sind. „Das Gehirn kann sich nicht wehren.“ Mattes will seine Elektroniknutzung einschränken und schrittweise testen, was er seinem Körper zumuten kann.

Er gehört zu rund 300 Kindern und Jugendlichen, die in der Klinik jährlich stationär behandelt werden. Laut Göbel fördert auch der Stress die Migräne. Schule, Klavierspiel, Reitunterricht, Hausaufgaben – in der Therapie lernen die Patienten, langsamer zu treten und sich Ruhepausen zu gönnen. Mattes wird künftig stets eine Notfallpackung an Medikamenten dabei haben: Ibuprofen, um die Attacke anzugehen, und Triptane für die weitere Behandlung. Mit „Mythen und Halbwahrheiten“, wonach Migräniker keine Tabletten nehmen sollten, möchte Göbel aufräumen. Für ihn ist es wie beim Brandschutz: Man kann jede Menge Vorsorge treffen; aber wenn es brennt, hilft nur das Löschen.

Göbel greift gern zu Vergleichen, um die Migräne als chronische Krankheit zu erklären. Rothaarige mit heller Haut beipielsweise dürfen nicht so lange in die Sonne wie andere Menschen – oder sie holen sich einen Sonnenbrand. Ähnlich sei es mit den Kopfschmerzen. Nur für 30 Prozent der Erkrankungen seien die Risikogene verantwortlich, zum überwiegenden Teil sei die Umwelt prägend.

Insgesamt sind die Zahlen erschreckend. In Deutschland leiden 54 Millionen Menschen an zeitweiligen oder chronischen Kopfschmerzen, bereits jedes zweite Kind kennt sie aus eigener Erfahrung. Sechs Prozent erleben mindestens eine Attacke pro Woche. Und zwölf der meistverkauften Medikamente sind Kopfschmerz-Präparate. Göbel spricht deshalb von einer „Epidemie mit riesigen Auswirkungen für die Volkswirtschaft“.

Vor diesem Hintergrund ist es nicht erstaunlich, dass die Kieler Schmerzklinik in den offiziellen Krankenhausbedarfsplan aufgenommen wurde. Zwölf Mediziner, ebenso viele Psychologen, dazu Therapeuten, Pfleger und Schwestern – insgesamt 80 Mitarbeiter kümmern sich in dem Haus mit 60 Betten um das Wohl ihrer jährlich 1500 stationären und 7500 ambulanten Patienten. Göbel, Psychologe und Neurologe, hat die Klinik 1997 als Modellprojekt gegründet. Bis heute ist sie in dieser Form bundesweit einzigartig.

Ohne die Schmerzklinik würden Mattes und seine Eltern weiterhin von Arzt zu Arzt laufen. „Super“, lobt denn auch Vater Maik die Einrichtung. Er weiß zwar jetzt ebenso wie sein Filius, dass man die Migräne nicht restlos beseitigen kann. Aber man kann mit ihr leben. Mattes nickt zustimmend, als sein Vater sagt: „Wir werden das Päckchen mindestens halbieren.“

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erstellt am 10.Sep.2014 | 09:26 Uhr

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