Kinderkrankheiten : Wenn jeder Biss gefährlich werden kann

Ein normales Leben ist für Christine kaum möglich. Foto: sh:z
Ein normales Leben ist für Christine kaum möglich. Foto: sh:z

Immer mehr Kinder haben Allergien. So auch Christine, die gleich an mehreren Erkrankungen leidet. Am gefährlichsten ist eine Nahrungsmittelallergie.

shz.de von
12. Oktober 2012, 06:21 Uhr

Eigentlich ist Christine ein ganz normaler Teenager. Sie liest gerne, spielt Geige und ist im Handballverein aktiv. Auffällig ist, dass sie nicht auffallen möchte. Sie spricht sehr ruhig, sehr überlegt, während sie ihre Geschichte erzählt. Die 15-jährige Gymnasiastin ist ein zurückhaltendes Mädchen, doch oftmals steht sie im Mittelpunkt - ungewollt. Es sind nicht nur unangenehme Momente für sie. Sie sind zum Teil lebensgefährlich.
Christine leidet an multiplen Allergien: Neurodermitis, Heuschnupfen, Asthma, aber am schwerwiegendsten sind die akuten, so genanntem anaphylaktischen Reaktionen auf verschiedene Nahrungsmittel.
Mehr Allergien durch zu viel Vorsicht
Innerhalb weniger Minuten verfärbt sich ihr Gesicht tiefrot und schwillt stark an. Sie bekommt keine Luft mehr, braucht schnellstens ärztliche Hilfe. Sie trägt immer eine kleine blaue Tasche bei sich, in der sich ihre Notfallmedikamente befinden. Schon häufig musste der Notarztwagen zur Schule oder zum Handballtraining kommen, weil die Neuntklässlerin eine heftige allergische Reaktion zeigte. Sicherlich hat es Christine besonders hart erwischt, doch zeigt ihr Beispiel auch ein medizinisches Phänomen.
Jeder dritter Bundesbürger ist Allergiker, im Durchschnitt sitzt in jeder Klasse mindestens ein Schüler mit Asthma. 13 Prozent der Kinder unter drei Jahren leiden an Neurodermitis und 16 Prozent der Drei- bis Vierjährigen an Heuschnupfen. "Allergien haben insgesamt zugenommen", erklärt Prof. Dr. Frank-Michael Müller, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des Klinikums Itzehoe. "Je zivilisierter, je kultivierter wir leben, desto häufiger kommen sie vor. Die zur Reifung des Immunsystems erforderliche Auseinandersetzung mit Mikroorganismen findet wegen der verbesserten hygienischen Verhältnisse nicht statt." Besonders schlimm sei es in Fällen, wie bei Christine, gibt der Mediziner zu bedenken. "Allergien an sich sind schon so anstrengend und nervig, aber wenn es aus dem Nichts zu lebensbedrohlichen Situationen kommen kann, ist es umso schlimmer."
Die Angst ist ständiger Wegbegleiter
Bei Christine geht es soweit, dass ein eigentlich für sie verträgliches Brötchen beim Bäcker nur neben einem Kürbiskernbrötchen liegen muss. Schon können die abgegebenen Spuren für sie lebensgefährlich werden. Jegliche Form von Nüssen, Pfirsiche, Kürbisse - insbesondere eben jene Kürbiskerne - muss sie unbedingt meiden. An die so geliebte Schokolade ist nicht zu denken. Brot backt ihre Mutter fast nur noch selbst.
Auch Pollen können für die Schülerin gefährlich werden. Die Angst, wenn sie mit ihrem Fahrrad oder auf Rollerblades unterwegs ist, fährt immer mit. Bei Christine, aber auch bei ihrer Mutter. Einmal konnte sich das Mädchen gerade noch nach einer allergischen Reaktion in eine Polizeistation schleppen, vor der es sich zufällig befand. Die Beamten konnten schnell Hilfe rufen. Den anschließenden Anruf wird sie trotzdem nicht vergessen - zu groß war der Schreck, der ihr in die Glieder gefahren war. Auch wenn es ein verständlicher Reflex wäre, einsperren in die eigenen vier Wände kann sie ihre Tochter nicht, und sie will es auch gar nicht, wie sie im Gespräch erklärt. Trotzdem, ein mulmiges Gefühl bleibt. "Irgendwo hat man es immer im Hinterkopf", sagt sie.
Hoffnung durch neue Therapieform
Auch Christines Mutter ist Allergikerin. Sie reagiert auf Birkenpollen und einen bestimmten Medikamentenwirkstoff. Ist ein Elternteil allergisch, sei auch für den Nachwuchs das Risiko einer Allergie-Entwicklung höher, erklärt Prof. Müller. Nämlich bei 20 bis 40 Prozent. Wenn beide Eltern allergisch sind bei 40 bis 60 Prozent und wenn beide Eltern die gleiche Allergie haben sogar bei 60 bis 80 Prozent. Einzelkinder haben ein erhöhtes Risiko, an einer Allergie zu erkranken. Dagegen haben Kinder, die im ersten Lebensjahr eine Krippe besuchen und dort mehr Infekte durchmachen als andere Kleinkinder, seltener Allergien.
Die schulmedizinischen Maßnahmen sind für Christine ausgereizt. Mit Prof. Müller versucht sie nun eine neuere Form der Therapie, die heute beginnen soll. Wie so oft muss die 15-Jährige ein paar Tage der Schulferien im Krankenhaus verbringen. Da Immunglobulin E (IgE) als Schlüsselmolekül bei der Auslösung allergischer Reaktionen gilt, werden ihr sogenannte Anti-IgE-Antikörper unter die Haut gespritzt. "Das besondere ist, dass der Antikörper alle Formen des zirkulierenden IgEs erkennt und bindet, unabhängig von der Allergenspezifität. Somit ist der Antikörper in der Lage, alle allergeninduzierten Reaktionen, unabhängig von der Art des jeweiligen Allergens, zu hemmen", erklärt der Itzehoer Mediziner.
"Da Christine so viele verschiedene allergische Reaktionen zeigt, erhoffen wir uns für sie einen positiven Effekt." Ein Nachteil sei, dass die Wirkung immer nur eine begrenzte Zeit anhält, also nicht nachhaltig ist. Allerdings sei die Therapie unter Umständen ein ganzes Leben durchzuführen, so der Experte. Bei Christine ist zunächst einen Behandlungsversuch für vier Monate geplant. Dann wird entschieden, ob die Therapie fortgesetzt wird. Es ist Christine zu wünschen, dass die Therapie funktioniert. Sie will doch nur ein ganz normaler Teenager sein.

An jedem ersten Donnerstag im Monat dreht sich auf der Nordisch-gesund-Seite alles um die Gesundheit der Kinder. In Zusammenarbeit mit verschiedenen niedergelassenen Kinderarztpraxen und -kliniken stellen wir unter anderem klassische Symptome im Kindesalter, spezielle Krankheitsbilder, Therapiemöglichkeiten und ganz besondere persönliche Geschichten vor. Die Serie wird fachlich beraten durch Prof. Dr. Frank-Michael Müller, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Itzehoe.

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