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Ernährung & Gesundheit

20. August 2017 | 04:36 Uhr

Herzinfarkt : Wenn jede Minute zählt

vom

Schleswig-Holstein ist in der Versorgung von Herzinfarktpatienten führend und geht als Vorbild voran. Bundesweit hat das Land die geringste Sterblichkeitsrate.

Flensburg | Es war die Geburt seines Enkels, die Rainer Dorendorf das Leben rettete. Während er im Krankenhaus darauf wartete, endlich den Familiennachwuchs in den Arm nehmen zu können, fiel sein Blick auf ein Plakat an der Wand. Dort las er: Wie verhalte ich mich korrekt nach einem Herzinfarkt?
Auf den ersten Blick scheint es wie ein glücklicher Zufall. Doch hinter dem vermeintlichen Zufall steckt ein System. Die gute Aufklärung ist ein Grund, warum Rainer Dorendorf aus Jarplund-Weding (Kreis Schleswig-Flensburg) richtig handelte, als ihn der Herzinfarkt ereilte. Die gute Aufklärung ist auch einer der wesentlichen Gründe dafür, warum die Herzinfarktversorgung in Schleswig-Holstein im bundesweiten Vergleich sehr positiv abschneidet. So sieht es auf jeden Fall Prof. Dr. Eike Hoberg, Vorsitzender der Landesgemeinschaft Herz und Kreislauf in Schleswig-Holstein. "Das Konzept, viel Aufklärungsarbeit zu leisten, wirkt. Wir haben viele verschiedene Veranstaltungen gemacht, verschiedene Gruppen angesprochen und mit Broschüren und Plakaten informiert."
Sofortiges Handeln rettet Leben
Nirgendwo sonst in der Republik enden weniger Herzinfarkte tödlich - mit 18 Prozent liegt das nördlichste Bundesland unter dem Schnitt. Besonders dramatisch ist die Mortalitätsrate in Sachsen-Anhalt und Brandenburg mit fast 50 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. 7.316 Patienten wurden nach den neuesten Zahlen des Statistischen Landesamtes im Jahr 2010 in Schleswig-Holstein vollstationär behandelt. 88,7 Prozent überlebten den Infarkt.
Rainer Dorendorf erwischte es mitten in der Nacht vom 23. auf den 24. Juni. Um 2 Uhr morgens wachte er auf. "Ein höllischer Schmerz", sagt er, "und die pure Angst". Die Luft blieb weg. Ein Druckschmerz breitete sich in der Brust aus. "Das war, als ob jemand mit beiden Füßen auf einem steht und die Lungenflügel zusammendrückt", erklärt der 55-Jährige. Seine Frau war zu jener Zeit im Urlaub, doch er handelt richtig, sagt seiner Tochter Bescheid, die mit ihm in einem Haus lebt. Sie alarmierte sofort den Notarzt über die 112. Dem Rettungsdienst gaben sie noch mit auf den Weg, dass im Dorf eine Baustelle den direkten Weg verhindert.
Ein Vorbild in punkto Hilfe
Beim Herzinfarkt kommt es auf jede Minute an. Innerhalb von zwölf Minuten sollte an jedem Flecken in Schleswig-Holstein ein Rettungswagen vor Ort sein. So sieht es die Hilfsfrist der Rettungsdienste vor. In Dorendorfs Fall waren es weniger als zehn. Ein wichtiger Punkt für seine rasche Genesung. Nach fünf Tagen konnte er die Diakonissenanstalt in Flensburg schon wieder verlassen. Seinen behandelnden Arzt, Prof. Dr. Abderrahman Machraoui, nennt Dorendorf einen "Engel". Die Dankbarkeit ist ihm mit jedem Wort anzumerken.
Der erfahrene Kardiologe Machraoui sieht ebenfalls die gute Aufklärung als einen der Hauptgründe für das positive schleswig-holsteinische Ergebnis. Als weitere entscheidende Punkte nennt er die gute Aus- und Weiterbildung der medizinischen Fachkräfte und ganz wichtig: "Die Koordination von allen Personen, die an der Herzinfarktbehandlung beteiligt sind, vom Rettungsdienst über die zentrale Notfallaufnahme bis hin zum Team im Herzkatheterlabor, muss stimmen. Und das macht sie hier." Schon aus dem Rettungswagen konnte der Notarzt das EKG von Rainer Dorendorf an Prof. Machraoui schicken. Bevor der Patient überhaupt im Krankenhaus ankam, wusste der Kardiologe bereits: Das Gefäß, das die Hinterseitenbank der linken Herzkammer versorgt, war verstopft. Die rettenden Maßnahmen konnten direkt eingeleitet werden.
Geringe Sterblichkeitsraten im ganzen Land
Prof. Hoberg betont zudem, wie wichtig es in einem Flächenland wie Schleswig-Holstein ist, dass die Notfallkatheterbereitschaft in den Krankenhäusern gestiegen ist. Kurze Wege retten Leben. In Eutin zum Beispiel können Patienten mit Verdacht auf Herzinfarkt nun auch zu jeder Tages- und Nachtzeit behandelt werden. Bisher hatten die Betroffenen nachts und am Wochenende nach Lübeck oder Kiel gebracht werden müssen. Jetzt können sie auch in Eutin rund um die Uhr in einer "Chest Pain Unit" mit Monitoren überwacht werden.
Während das statistische Risiko, nach einem Herzinfarkt zu sterben, bundesweit sehr unterschiedlich ausgeprägt ist, weisen die Kreise in Schleswig-Holstein nur geringe Unterschiede auf. Die geringste Mortalitätsrate hat der Kreis Schleswig-Flensburg (7,9 Prozent) vor Stormarn (9,6 Prozent) und der kreisfreien Stadt Flensburg (9,7 Prozent). Schlusslicht ist mit 14 Prozent Pinneberg. Trotzdem ist auch das noch ein Wert, über den sich der Rest der Republik freuen würde.
Rainer Dorendorf geht es mittlerweile wieder gut. Er sagt: "Ich bin unglaublich dankbar." Er wird seinen Enkel aufwachsen sehen.

Herzinfarktsterblichkeit: Abweichung vom Bundesdurchschnitt* (in Prozent)


Schleswig-Holstein: -18


Hamburg: -15,6


Hessen: -15,6


Baden-Württemberg: - 9,2


Nordrhein-Westfalen: - 8,2


Berlin: - 6,8


Bayern: - 4,2


Saarland: +2,4


Niedersachsen: +2,5


Rheinland-Pfalz: +11,8


Mecklenburg-Vorpommern: +12,8


Thüringen: +15,1


Bremen: +20,2


Sachsen: +21,3


Brandenburg: +46,1


Sachsen-Anhalt: +46,9


* jeweils altersbereinigt, Quelle: Herzbericht 2010, E. Bruckenberger
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erstellt am 29.Aug.2012 | 08:47 Uhr

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