Broken-Heart-Syndrom : Wenn ein Herz vor Kummer streikt

Wie der Krug (rechts), mit dem Japaner Tintenfische fangen,  bläst sich der Herzmuskel (links) nach einem Broken-Heart-Syndrom auf. Foto: UKSH
Wie der Krug (rechts), mit dem Japaner Tintenfische fangen, bläst sich der Herzmuskel (links) nach einem Broken-Heart-Syndrom auf. Foto: UKSH

Es gibt ihn tatsächlich, den Liebeskummer, der ein Herz bricht. Der Fachbegriff für den Infarkt, der keiner ist, heißt Tako Tsubo.

shz.de von
06. April 2011, 04:43 Uhr

Todesangst, stechender Schmerz, Ringen nach Luft. Höchster Alarm, Herzinfarkt, lautet die Diagnose, die richtig ist und doch nicht stimmt. Denn nach Einführung eines Katheters wird klar: Trotz klassischer Symptome liegt kein Infarkt vor, die Herzkranzgefäße sind nicht verstopft, sondern völlig in Ordnung. Dennoch setzt das Herz aus, wie ist das möglich?
"Es ist ein junges Phänomen der medizinischen Forschung, das etwa zwei Prozent aller Infarkt-Diagnosen ausmacht", sagt Prof. Dr. Norbert Frey, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel. Broken-Heart-Syndrom heißt der Infarkt, der keiner ist.
Kardiologen- und Künstlerthema
"Ein Herz kann man nicht repariern, ist es einmal entzwei, dann ist alles vorbei." Udo Lindenberg und viele andere Musiker haben gebrochene Herzen besungen. Seit knapp 20 Jahren steht fest, dass dieses Leid nicht nur ein Fall für Künstler, sondern auch für Kardiologen ist. Die medizinischen Experten nennen das Phänomen meistens "Tako-Tsubo-Syndrom". Tako Tsubo ist eine japanische Tintenfischfalle in Form eines Kruges mit kurzem Hals. Dieser Form ähnelt die linke Herzkammer nach dem Broken-Heart-Syndrom. Diese bläht sich wie ein Ballon auf und ist dann in ihrer Funktion schwer eingeschränkt.
Die Ursache dafür ist noch weitgehend unbekannt. "Wir wissen, dass dem Tako-Tsubo-Syndrom oft eine extreme Stress-Situation voraus geht", sagt Frey. Stresshormone, die das Herz lahm legen können, werden in vielen Fällen nach dem plötzlichen Verlust des Partners frei, ob durch Tod oder Trennung. Es gibt ihn also wirklich - den ganz schweren Liebeskummer, der das Herz bricht.
Zwei Tage besteht Lebensgefahr
Stress ist subjektiv. Auslöser können demnach ganz unterschiedliche Schock-Zustände oder auch extreme körperliche Belastungen sein. Eine der Broken-Heart-Patientinnen von Professor Frey in diesem Jahr war eine ältere Frau, die den Quasi-Infarkt erlitt, nachdem sie erfahren hatte, dass ihr Enkelkind mit einer Missbildung auf die Welt gekommen ist. "Rund 90 Prozent der Betroffenen sind Frauen, die meisten von ihnen sind 60 Jahre und älter", sagt Frey. Die Hormone scheinen also bis zu den Wechseljahren ein effektiver Herzschutz zu sein. Eine Hormon-Therapie müsste demnach die ideale Vorbeugung sein. So einfach ist es laut Professor Frey leider nicht.
Wenn die Herzkranzgefäße gar nicht wirklich verstopft sind, ist das Broken-Heart-Syndrom dann überhaupt gefährlich? "Durchaus. In den ersten 48 Stunden besteht Lebensgefahr", betont der Experte. In dieser Zeit sterben einige Betroffene. Denn auch bei diesen Patienten stellt die linke Herzkammer ihre Arbeit praktisch ein. Ist die Akutphase überstanden, erholen sich die Broken-Heart-Patienten aber schneller und besser als diejenigen, die einen klassischen Infarkt erlitten haben.
Menschen mit Neigung zum gebrochenen Herzen
Dafür kann dem Quasi-Infarkt praktisch nicht vorgebeugt werden, da es - anders als wenn die Gefäße über einen längeren Zeitraum tatsächlich verstopfen - für das Tako-Tsubo-Syndrom keine Vorwarnungen gibt. Komplikationen gibt es, wenn die Ärzte den Scheininfarkt nicht erkennen und ihn wie einen klassischen Infarkt behandeln, beispielsweise bei einer Pumpschwäche Adrenalin geben. Ohne Katheteruntersuchung ist eine solche Unterscheidung in der Akutphase nicht möglich.
Es sei denn, das Broken-Heart-Syndorm wiederholt sich, was laut Frey bei rund zehn Prozent der betroffenen Patienten der Fall ist. Es scheint also Menschen, vor allem Frauen mit einer Neigung zum gebrochenen Herzen zu geben.

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