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Ernährung & Gesundheit

19. August 2017 | 09:56 Uhr

Wenn die Knochen brüchig werden

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Osteoporose trifft vor allem Frauen nach den Wechseljahren / Prävention mit Sport und gesunder Ernährung

Der Schmerz kam plötzlich und aus scheinbar nichtigem Anlass. Beim Bettenmachen. „Auf einmal hat es geknackt – und ich hatte höllische Schmerzen im Rücken“, erinnert sich Waltraut Oheim an diesen Morgen, der inzwischen sieben Jahre zurückliegt. Der Schmerz blieb. Und ließ sich auch nicht besänftigen durch die tägliche Bestrahlung, die der Hausarzt verordnet hatte. „Ich konnte kaum aus dem Bett kriechen.“ Wochenlang quälte sich die 73-Jährige aus Schacht-Audorf, bis eine Orthopädin sie ins Krankenhaus überwies. Die Diagnose: Ihr 12. Brustwirbel war gebrochen – schmerzhafte Folge der Osteoporose, von der sie bis dahin nichts geahnt hatte.

Etwa acht Millionen Menschen in Deutschland leiden Schätzungen zufolge an der Skeletterkrankung, bei der das Gleichgewicht der Knochenregeneration gestört ist. „Bei einem gesunden Knochen wird ständig altes Gewebe abgebaut und gleichzeitig neues gebildet“, erklärt Dr. Jochen Walter, Internist und Rheumatologe aus Rendsburg. „Bei Osteoporose wird dagegen mehr Knochenmasse ab- als aufgebaut, die Knochen werden porös.“

Mit dramatischen Folgen: Rund 2,8 Millionen Menschen pro Jahr erleiden Osteoporose bedingt einen Wirbel-, 130 000 einen Oberschenkelhalsbruch. Oft bleiben Frakturen unentdeckt, die Betroffenen haben starke Schmerzen, sind in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. „Ein Viertel von ihnen wird nach dem Bruch nicht wieder so mobil wie vorher, ein Fünftel der Patienten mit einem Oberschenkelhalsbruch verstirbt nach einem Jahr an den Komplikationen“, sagt Jochen Walter. Wie bei Waltraut Oheim verläuft die Krankheit schleichend und wird oft erst entdeckt, wenn es zu Brüchen kommt.

Osteoporose – nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation eine der zehn häufigsten Volkskrankheiten weltweit – trifft vor allem Frauen. Meist nach den Wechseljahren. „Das Alter ist der Risikofaktor Nummer 1“, sagt Dr. Joachim Georgi, Chefarzt für Innere Medizin und Rheumatologie an der Helios Ostseeklinik in Damp: „Nach dem 30. Lebensjahr baut der Körper mehr Kalzium aus dem Skelett ab, als neues eingelagert wird.“ Das heißt jedoch nicht, dass jeder alte Mensch automatisch Osteoporose bekommt – doch das Risiko steigt mit den Jahren. Vor allem für Frauen, die über weniger Muskel- und damit auch Knochenmasse verfügen, ein folgenschwerer Prozess. Beschleunigt wird er nach den Wechseljahren durch den Mangel an Östrogen, das die Knochenbildung mit beeinflusst. In der Menopause verlieren Frauen etwa ein Drittel ihrer Knochenmasse. Die früher übliche Therapie mit dem weiblichen Geschlechtshormon sei jedoch „kritisch“, sagt Georgi. „Die Nebenwirkungen, etwa das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken, ist hoch.“ Notwendig sei es, der Entkalkung durch eine gesunde Lebensweise entgegenzuwirken und vor allem rechtzeitig vorzubeugen – und zwar schon im Kindesalter, betonen die Mediziner (siehe Infokasten).

Um Waltraut Oheim von ihren Schmerzen zu befreien, wurde 2006 eine operative Therapie angewandt, die laut Walter und Georgi inzwischen als „überholt“ gilt: Der poröse Wirbel wurde mit Knochenzement aufgefüllt. „Die Schmerzen waren danach nicht mehr so schlimm, verschwunden sind sie aber nicht“, erinnert sich die 73-Jährige. Neben der „Basistherapie“ – der Einnahme von Kalzium und Vitamin D – bekam sie anschließend über mehrere Jahre sogenannte Bisphosphonate verabreicht: Wirkstoffe, die die Knochensubstanz stärken und die Aktivität der Knochenfresszellen (Osteoklasten) hemmen.

„Bisphosphonate sind die gängigste Form der Behandlung“, sagt Jochen Walter. Ihr Einsatz sei jedoch auf etwa drei bis fünf Jahre begrenzt. „Der Knochen wird dadurch fester, aber auch unelastischer – als würde man aus Holz Glas machen. Das Risiko von Brüchen, das ursprünglich vermieden werden sollte, steigt wieder.“

Seit Kurzem bekommt Waltraut Oheim alle sechs Monate einen neuen Wirkstoff gespritzt, der Antikörper gegen die Knochen abbauenden Zellen enthält. Beschwerdefrei ist sie jedoch nicht – „denn der Schmerz strahlt vom Knochen auch auf die umgebenden Muskeln und Sehnen aus“, erklärt Walter. Um sich vor Brüchen zu schützen, trägt die Seniorin bei der Haus- und Gartenarbeit einen Stützgurt.

Alter und Hormonmangel, Lebensstil und genetische Veranlagung sind Ursachen der Osteoporose. Sie kann aber auch in Verbindung mit anderen Erkrankungen auftreten oder durch Medikamente hervorgerufen werden – wie bei Petra Breede, Waltraud Oheims Tochter. „Ich wusste, dass ich erblich vorbelastet bin“, sagt die 50-jährige Krankenschwester aus Fockbeck. Darum ließ sie vor sechs Jahren erstmals ihre Knochendichte messen. Auf eigene Initiative – und eigene Kosten. Denn die Krankenkasse bezahle die etwa 50 Euro teure Untersuchung erst, „wenn es zu einem nachweisbar osteoporotischen Bruch gekommen, das Kind also schon in den Brunnen gefallen ist“, sagt Walter.

Eine „leichte Vorstufe“ ergab die Messung damals; Petra Breede ging mit Sport und kalziumreicher Ernährung dagegen an. Doch 2010 erkrankte sie an Brustkrebs - Operation, Chemotherapie und Bestrahlungen folgten. Um krebsfrei zu bleiben, nimmt sie seit zwei Jahren sogenannte Aromatasehemmer: Sie blockieren die Bildung weiblicher Hormone – und erhöhen damit gleichzeitig das Osteoporose-Risiko. Seitdem hat Petra Breedes Skelett massiv an Dichte verloren, wie eine zweite Messung ergab. Alle drei Monate spritzt Walter ihr nun Bisphosphonate.

Die Gefahr sei ihr bekannt gewesen – „aber nur, weil ich mich als Krankenschwester auskenne“. Eine Aufklärung über die Osteoporose-Risiken der Krebsmedikamente habe nicht stattgefunden, kritisiert Breede. Und fordert: „Die Kassen sollten bei Risikopatienten die Knochendichtemessung bezahlen, und in der Krebsnachsorge müsste sie selbstverständlich enthalten sein. Denn welche Frau in den Vierzigern denkt schon an Osteoporose? Ich rate allen Frauen abzuklären, ob sie gefährdet sind.“

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erstellt am 17.Okt.2013 | 00:34 Uhr

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