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Ernährung & Gesundheit

18. August 2017 | 16:56 Uhr

Wenn die Jugendsünde weg soll

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Lasern ist die gängigste Methode, um Tätowierungen zu entfernen / Langfristige Folgen für die Gesundheit sind bislang unbekannt

Über den rechten Fußrücken ist in Schwarzschattierungen eine Blume tätowiert, darunter ein Schlüssel und ein Herz mit Schlüsselloch. Der Schlüssel geht in den verschnörkelten Schriftzug „Steffi“ über. Steffi hat auch eines mit Lisas* Namen. Die beiden haben sich ihre Tattoos vor zwei Jahren stechen lassen. Da waren sie noch beste Freundinnen. Jetzt sind sie es nicht mehr, deshalb will Lisa Steffi nicht mehr auf ihrem Fuß haben. Nur die ersten zwei Buchstaben sollen bleiben: Aus „Steffi“ wird „Stärke“.

So wie Lisa wollen viele Kunden ihre Tattoos entfernen lassen, um sie wieder überstechen zu können, erzählt Volkmar Schonert. Er und seine Partnerin Petra Hansen bieten in ihrem „Tattoolos“-Studio in Flensburg Entfernungen von Tätowierungen an. Nicht immer sind es die Namen mittlerweile ungeliebter Ex-Partner oder bester Freundinnen wie im Falle von Lisa. Oftmals ändert sich einfach der Geschmack. Der Schmetterling, mit 16 Jahren gestochen, verliert im Laufe der Jahre seinen Charme. Auch berufliche Gründe können eine Rolle spielen; nach wie vor dürfen Polizisten in einigen Bundesländern keine Tattoos an sichtbaren Stellen tragen. Manchmal kämen die Kunden schon zu ihm, direkt nachdem das Tattoo gestochen wurde, sagt Schonert. Doch ein Tattoo muss mindestens vier Monate alt sein, um weggelasert werden zu können.

Lisa streckt ihre Beine auf dem Behandlungsstuhl aus. Der Laser erinnert an einen Staubsauger, dessen Schlauch in eine Art Handmixer mündet. Petra Hansen zieht sich Plastikhandschuhe über und setzt eine Schutzbrille auf. Auch Lisa bekommt eine. Dann zielt Petra Hansen mit der Handmixer-Spitze auf das erste „f“ in „Steffi“. In kurzen Intervallen schießen Laser-Lichtblitze aus der Mündung. Sie muss genau zielen, um die Konturen der Buchstaben nachzufahren. Mit dem Strahl werden die Farbpigmente unter der Haut für einen kurzen Moment stark erhitzt. Die Partikel zerfallen und werden über die Lymphe abgebaut.

Soweit zumindest die Theorie. Über die Langzeitfolgen bei Tattoo-Entfernungen gibt es bisher kaum Untersuchungen. Dennoch gilt das Lasern – die heute gängigste Methode – als eine der sichersten Arten, Tattoos zu entfernen. Viele empfinden die Behandlung als unangenehmer als das Stechen selbst. Für Lisa hingegen scheint es wie eine Katharsis zu wirken: „Ich habe richtig das Gefühl, da dringt was in die Haut ein und zersetzt es. Aber vielleicht ist das auch nur Einbildung, auf jeden Fall ist es ein gutes Gefühl.“

Für ihre Behandlung sind acht bis zwölf Sitzungen angesetzt. Dafür kommt Lisa extra jedes Mal aus Sankt Peter-Ording, ihre Mutter wartet währenddessen im Auto. Nach nicht mal fünf Minuten hat Petra Hansen die Konturen der Buchstaben mit dem Laser nachgezeichnet. Das „effi“ ist jetzt leicht gerötet. Rötungen und Schwellungen sind übliche Reaktionen auf das Lasern. Auch Schorf oder Bläschen können sich bilden. Ob das Tattoo nach den Behandlungen tatsächlich verschwunden sein wird, will das Studio nicht garantieren. Lisa vereinbart ihren nächsten Termin in sechs Wochen, dann hat sich die Haut regeneriert. Eine Sitzung kostet sie 65 Euro, der niedrigste Preis für eine Behandlung.

Theoretisch kann jeder, der nachweist, dass er einen Laser bedienen kann, Tattoo-Entfernungen anbieten. „Lasern lernt man nicht am Wochenende oder auf einem Workshop!,“ steht auf der Website von Tattoolos, einer Art Franchise-Unternehmen für Tattoo-Entfernungen mit Sitz in Berlin. Wer Partner werden möchte, kann dort nicht nur Laser erwerben, sondern auch eine Ausbildung zum „Laser-Therapeuten“ absolvieren, die drei Wochenenden umfasst. Auch Schonert und Hansen sind diesen Weg gegangen.

„Eine solche Behandlung sollte nur von speziell ausgebildeten Hautärzten durchgeführt werden,“ sagt hingegen Christian Raulin vom Berufsverband der Deutschen Dermatologen. Nur so könnten die Patienten ausreichend medizinisch beraten werden. Schließlich ist die Prozedur nicht frei von Risiken: Die Farbpigmente sitzen in einer Tiefe von bis zu vier Millimetern unter der Hautoberfläche und müssen dort behandelt werden. Unklar ist, welche Inhaltsstoffe in den Farben enthalten sind, was aus ihnen wird, wenn sie mit dem Laser bestrahlt werden, und: Wohin die pulverisierten Farbstoffe im Körper gelangen und was sie dort bewirken. Unbedingt abzuraten ist nach Meinung von Expertenm von der Behandlung mit Blitzlampen oder mit Milchsäure. Bei beiden Methoden kann die Haut schwer beschädigt werden und vernarben.

Für den Erfolg gibt es auch beim Lasern keine Garantie: Bunte Tattoos lassen sich schwerer entfernen als schwarze. Übertätowierte oder hautfarben nachgearbeitete Motive sind besonders schwer zu behandeln. Mitunter kann ein bleibender Pigmentverlust die Folge sein, so dass die Haut heller wird und sich narbig anfühlt.

Schätzungen zufolge gibt es in Deutschland rund zehn Millionen Tätowierte. Laut einer Umfrage der Uni Regensburg unter 4000 Personen wollen fünf Prozent ihre Tattoos wieder loswerden. Bei Schonert und Hansen zumindest steigt die Anfrage. Übrigens: Keiner der beiden ist selbst tätowiert. „Ich habe grundsätzlich nichts gegen Tattoos“, sagt Volkmar Schonert. „Aber ob ich meinem Kind erlauben würde, sich tätowieren zu lassen? Ich würde versuchen, es zu verhindern.“
*Name geändert



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erstellt am 24.Sep.2014 | 09:36 Uhr

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