Wenn der Tanz Erinnerungen weckt

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Musik und rhythmische Bewegungen können bei Demenzkranken längst verloren geglaubte Fähigkeiten wieder aktivieren

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08. Januar 2015, 10:01 Uhr

„Schmidtchen Schleicher mit den elastischen Beinen; wie der gefährlich in den Knien federn kann“ – mit den ersten Takten des Party-Krachers aus den 70ern legen die zwölf Paare los. Foxtrott ist angesagt. „In Grund und Boden“ habe er die Damen getanzt, sagt Helmut Reischuck. „Früher.“ Heute übernimmt seine ehrenamtliche Begleiterin die Führung – aber nur für kurze Zeit. Schnell sitzt bei dem 93-Jährigen in Jeans und kariertem Hemd der Grundschritt wieder, jetzt gibt er vor, wo es langgeht auf dem Parkett. Es ist sein Moment, Reischuck strahlt – wie auch die anderen demenzkranken Senioren, die an diesem Mittwoch in der Tanzschule „Die Zwei“ in der Hamburger City-Nord zusammengekommen sind.

Einmal im Monat laden die Schule und der Verein Hamburgische Brücke unter dem Motto „Wir tanzen wieder“ Demenzpatienten zur Tanzstunde ein, gemeinsam mit ihren Angehörigen und Betreuern. Zwei Hamburger Tanzschulen haben sich der gleichnamigen, im Kölner Demenz-Servicezentrum gestarteten Initiative angeschlossen, die seit 2010 auch bundesweit Schule machen soll. „Unsere Gruppe wächst“, sagt Thomas Trätow, der die Tanzschule in der City-Nord mit seiner Frau Irene Poppinga betreibt. „Wir möchten die Teilnehmer aus ihrem Alltagstrott herausholen und ihnen 90 Minuten Spaß und Freude schenken.“

Ein besonderes Erlebnis zu schaffen, das gleichzeitig Normalität vermittelt – auch darum gehe es, betont Projektleiterin Stefanie Liersch von der Brücke. Normalerweise bewegten sich Demenzkranke nicht in einem verspiegelten Tanzsaal mit Discokugel und glattem Parkett – „doch mit der richtigen Begleitung fühlen sie sich hier wohl und leben richtig auf“.

Schlager von heute, vor allem aber die Evergreens von früher sind es, die die Männer und Frauen beleben. „Weißer Holunder“, ein langsamer Walzer: Manche tasten sich vorsichtig voran, andere schwofen temperamentvoller durch den Saal. Eine Dame in hohen Schuhen und geblümtem Kleid wiegt sich allein in den Hüften. Mit jedem neuen Song werden die Bewegungen geschmeidiger, die Mienen entspannter. Aufpassen heißt es beim Sitz-Boogie zum 50er-Jahre-Hit „Lollipop“: Klatschen auf die Schenkel, in die Hände, die Arme überkreuzen und abwechselnd rechts, links die Hände über die Schulter schleudern – und wieder von vorn das Ganze. Anfangs noch stockend, läuft die Choreografie, die eben noch kompliziert war, bald wie von selbst. „Junge, komm bald wieder“ schmettert Freddy Quinn anschließend – und die Tänzer, die sich zumeist nicht mehr erinnern können, was sie zu Mittag gegessen haben, zeigen sich erstaunlich textsicher und singen lauthals mit.

„Musik spricht die Gefühle an. Und oft bringt sie verschüttete Erinnerungen wieder hoch oder mobilisiert Ressourcen, von denen nichts mehr zu spüren war“, sagt Thomas Trätow. Er berichtet von einem 65-jährigen Teilnehmer, der aufgrund seiner Krankheit kaum noch ansprechbar war. „Seine Frau war überglücklich, als ihr Mann beim Tanzen plötzlich die Führung übernahm – so hatte sie ihn seit Jahren nicht mehr erlebt.“

Die positiven Effekte solcher Angebote bestätigt auch Prof. Günther Deuschl, Direktor der Klinik für Neurologie an der Kieler Uni-Klinik. Schätzungen zufolge leben etwa 70 Prozent der Demenzkranken hierzulande in Pflegeheimen – und erleben im Alltag zu wenig Ansprache. Musik und Tanz bedeuteten körperliche und geistige Aktivität. „Und die sind das Wichtigste bei der Prävention und Behandlung von Demenz.“

In Schleswig-Holstein ist nach einem ersten Workshop bislang noch keine feste Kooperation im Rahmen von „Wir tanzen wieder“ zustandegekommen. „Doch wir sind im Gespräch mit Tanzschulen und hoffen, dass es bald auch hier ein solches Angebot gibt“, sagt Cornelia Prepernau vom Kompetenzzentrum Demenz der Alzheimer-Gesellschaft in Norderstedt.

Um die Senioren mitzureißen, sind Fingerspitzengefühl und das richtige Know-how gefragt. Liersch und Trätow haben darum bei den Projekt-Initiatoren Stefan Kleinstück vom Alexianer-Orden Köln und Tanzlehrer Hans-Georg Stallnig eine Schulung absolviert. Die Teilnehmer weder zu über- noch zu unterfordern sei wichtig, ebenso Abwechslung in der Musik und die richtige Ansprache.

Die beherrscht Trätow: Vor jedem neuen Tanz schmeißt er den Charme-Turbo an – und wird zwischendurch auch mal augenzwinkernd zotig. Seine jeweilige Dame ist immer „die Schönste“, und heute Nachmittag möchte er „jede Frau mal ausprobieren“. Sprüche, die ankommen und mit Gelächter, Oha-Rufen und einem kessen „Angeber!“ quittiert werden.

„In Hamburg sagt man Tschüss“, verabschiedet Heidi Kabel die lächelnden Senioren an diesem besonderen Nachmittag. Die Erinnerung daran wird schnell verblassen, sagt die Begleiterin einer 75-jährigen Heimbewohnerin. „Wenn wir gleich hier rausgehen, ist alles wieder weg. Doch was zählt, sind diese schönen Momente.“

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