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Ernährung & Gesundheit

23. November 2017 | 19:56 Uhr

Wenn der Suff das Leben zerstört

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

140 000 Schleswig-Holsteiner sind abhängig vom Alkohol / Die Familie leidet mit – und läuft Gefahr, selbst abhängig zu werden

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2014 | 14:56 Uhr

Margit Walter* wollte „zur Ruhe kommen“. Abschalten von Dauerstress und Überforderung, die die Pflege ihres demenzkranken Vaters mit sich brachte. „Ein Cognac ab und zu“ legte den Schalter um, schenkte der damals 48-Jährigen die ersehnte Entspannung. Zuerst nur einmal pro Woche, am Abend. Nach kurzer Zeit trank sie täglich, fing bereits morgens damit an. „Wenn mein Sohn aus der Schule kam, lag ich schon auf der Couch.“ Als „Kreislauf aus dem Besorgen und Entsorgen von Alkohol“ beschreibt die 60-jährige Flensburgerin heute ihr Leben als Süchtige. „Ich dachte nur noch ans Trinken.“

Ein Leben, das rund 1,3 Millionen Menschen in Deutschland mit Margit Walter teilen. „Alkohol ist die Droge Nummer eins, deren Missbrauch die gesellschaftlich und ökonomisch schädlichsten Folgen nach sich zieht“, sagt Dr. Regina Kostrzewa, Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen in Kiel. In Schleswig-Holstein sind nach Schätzungen etwa 140 000 Männer und Frauen betroffen, für 550 jährlich von ihnen endet die Sucht tödlich. Alarmierend sei vor allem die steigende Zahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die sich regelmäßig in den Rausch trinken. „Denn je länger eine Suchtkarriere dauert, um so umfassender sind die gesundheitlichen und sozialen Folgeschäden“, sagt Kostrzewa. „Und es wird immer schwieriger, in ein normales Leben zurückzukehren.“

Das „normale Leben“ – mit der Sucht des Partners oder der Eltern ist es auch für die Angehörigen beendet. Hilflosigkeit und Verzweiflung bestimmen den Alltag. Denn Alkohol verändert die Persönlichkeit: Stimmungsschwankungen, Aggressivität und Isolation sind typische Symptome der Krankheit. Oft kommen finanzielle Probleme hinzu, etwa wenn der Abhängige seine Arbeit verliert.

„Das Leid der Angehörigen ist groß“, betont Regina Kostrzewa. Ebenso wie das Risiko der Co-Abhängigkeit: Wenn Angehörige also die Sucht durch ihr Verhalten noch fördern – oder am Ende sogar mittrinken. „Viele Betroffene entschuldigen ihren Partner im Job, wenn er zu betrunken ist, um zur Arbeit zu gehen“, nennt sie als Beispiel. Doch es sei falsch, beim Vertuschen zu helfen. „Wichtig ist es, loszulassen, sich abzugrenzen und zu reden. Aber ohne Vorwürfe zu machen und sich zu streiten.“ Und vor allem: Konsequent zu sein – und keine leeren Drohungen auszusprechen.

„Heute weiß ich, dass ich die Krankheit meines Mannes noch verlängert habe“, sagt Ingeborg Hinrichs* (77) im Rückblick. „Weil ich sie ausgehalten habe.“ Mehr als zwei Jahrzehnte befand sich ihre Familie fest im Klammergriff der Sucht. Hatte anfangs ein Glas Cola-Rum für ein „wohliges Gefühl“ gesorgt, brauchte Peter Hinrichs* auf dem Höhepunkt seiner Trinkerkarriere zwei Flaschen Schnaps am Tag, um seine Gefühle auszuschalten.

Dass ihr Mann „richtig abhängig“ war, sei ihr lange Zeit nicht klar gewesen, sagt Ingeborg Hinrichs. Geschämt habe sie sich, wenn er vor anderen ausfallend und aggressiv wurde. Irgendwann blieb der Besuch aus – Freunde und Familie sollten nichts merken. Zu Hause regierte der Frust: Sie schimpfte, forderte ihn auf, zur Kur zu gehen. Schüttete den Rum weg, versteckte den Autoschlüssel. Drohte mit ihrem Auszug – und blieb. Er lachte sie aus – und trank weiter. Mit der „Geisteskrankheit des Alkoholikers“ erklärt Hinrichs sein Verhalten heute. Und versteht es selbst nicht. Der Sohn im Teenager-Alter verbrachte seine Freizeit lieber bei Freunden. „Er kam zu kurz, weil ich so auf meinen Mann fixiert war“, sagt seine Mutter.

Sie war es schließlich, die sich Hilfe suchte – und in einer Angehörigengruppe der Anonymen Alkoholiker bekam. Ingeborg Hinrichs lernte „loszulassen“, ihren Mann, der inzwischen auf dem Campingplatz im Wohnwagen hauste, „den Alkoholismus selbst ausbaden zu lassen“. Das Ende ihrer Vorwürfe markierte den Anfang seines Umdenkens. Ein Prozess, der jedoch noch Jahre dauerte – und erst über den „körperlich und seelisch absoluten Tiefpunkt“ zum Neubeginn führte.

Heute ist Peter Hinrichs trocken. Geschafft hat er es durch die Hilfe der Anonymen Alkoholiker. Wie auch Margit Walter. Den Auslöser hatte ihr Mann gegeben – als er für den Sohn und sich eine Wohnung suchte. „Meine Familie hat unglaublich gelitten“, sagt sie. „Ich frage mich heute noch oft, warum ich ihr das angetan habe.“ Doch am Ende sei die Angst, sie zu verlieren, stärker gewesen als die Sucht.

*Namen geändert

serie Alkoholsucht> 24. April, Teil 2: Therapie

> 8. Mai, Teil 3: Selbsthilfegruppen

> 15. Mai, Teil 4: Prävention

> 22. Mai, Teil 5: Alkohol in der Schwangerschaft
>5. Juni, Teil 6: Wenn die Eltern trinken

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