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Ernährung & Gesundheit

22. August 2017 | 17:42 Uhr

Wenn der Stoßdämpfer verrutscht

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Bandscheibenvorfall: Die Zahl der Operationen steigt – doch meistens sind die Beschwerden mit Schmerzmitteln und Bewegung in den Griff zu bekommen.

Rückenschmerzen sind das Volksleiden Nummer eins: Etwa 80 Prozent der Deutschen sind mindestens einmal in ihrem Leben deswegen in in ärztlicher Behandlung. Und immer häufiger wird operiert: Die AOK hat ausgerechnet, dass sich die Zahl der Rücken-OPs seit 2005 mehr als verdoppelt hat. Für 2013 meldet das Statistische Bundesamt allein über 155  000 Operationen an den Bandscheiben – im Jahr zuvor waren es noch 98  000. Dabei lässt sich ein Bandscheibenvorfall in den meisten Fällen auch ohne chirurgischen Eingriff in den Griff bekommen.

Die 23 Bandscheiben fungieren in der Wirbelsäule als Stoßdämpfer zwischen den Wirbelkörpern. Sie bestehen aus einem knorpeligen Faserring, der einen gelartigen Kern umschließt. „Bei einem Vorfall (Prolaps) wölbt sich der Bandscheibenkern zwischen den Wirbelkörpern hervor, oder es reißt der äußere Faserring, und der Gallertkern tritt aus“, erklärt Prof. Dr. Wolfgang Börm, Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie an der Flensburger Diako. Ein Bandscheibenvorfall ist keine Krankheit, sondern eine Verschleißerscheinung, die unabhängig von Alter, Geschlecht und Trainingszustand jeden treffen kann; am häufigsten kommt er im mittleren Lebensalter vor. In 90 Prozent der Fälle ist die Lendenwirbelsäule betroffen.

Beschwerden treten auf, wenn das vorgefallene Gewebe auf Nervenbahnen drückt oder Entzündungen entstehen. „Je nach Lage und Ausmaß des Prolaps sind die Schmerzen unterschiedlich stark und strahlen in umliegende Körperregionen aus, vor allem in die Beine“, erklärt Börm. Auch Gefühlsstörungen und Muskelschwäche sind nach seinen Worten typische Symptome, die in extremen Fällen bis zu gefährlichen Blasen- oder Darmlähmungen reichen können.

Therapiemöglichkeiten gibt es viele: Krankengymnastik, Massagen, Wärme- und Kälteanwendungen oder Muskelentspanner. Mitunter werden Entzündungshemmer oder Schmerzmittel in die Umgebung der gereizten Nervenwurzel gespritzt. „Manchen Patienten haben auch alternative Verfahren wie Osteopathie geholfen – auch wenn es dafür keine wissenschaftlichen Belege gibt.“ Schonung wird nicht mehr verordnet, weil dadurch die Muskulatur geschwächt wird. Stattdessen sollten Patienten soweit möglich ihren täglichen Aktivitäten weiter nachgehen.

Die meisten Betroffenen wünschten sich, ihre Beschwerden ohne OP in den Griff zu bekommen – und meistens gelinge dies auch: „In etwa 90 Prozent der Fälle führt eine konservative Therapie mit Schmerzmitteln und Physiotherapie zum Erfolg“, sagt der Neurochirurg.

Die Krankenkassen kritisieren, dass bei Rückenleiden zu schnell zum Skalpell gegriffen wird – denn anders als konservative Therapien bringen OPs viel Geld. So teilte die Techniker Krankenkasse kürzlich mit, dass 85 Prozent der Rücken-Eingriffe bundesweit sich nach dem Einholen einer Zweitmeinung als „unnötig“ herausgestellt hätten. Ausschlaggebend für die Entscheidung, ob operiert werden soll oder nicht, sei die genaue Indikationsstellung, betont Börm. „Natürlich gibt es schwarze Schafe, die aus finanziellen Gründen zu früh operieren. Andererseits kann es ohne OP mitunter zu Nervenschädigungen kommen, die sich dann chirurgisch nicht mehr beheben lassen.“

Unausweichlich ist eine OP der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) zufolge bei – sehr seltenen – Notfällen, bei denen es zu neurologischen Ausfallerscheinungen kommt. Börm: „Dazu gehört das Cauda-Syndrom, bei dem Lähmungen auftreten und der Patient Blase und Darm nicht mehr kontrollieren kann.“ Liegen keine neurologischen Ausfallerscheinungen vor, sind laut DGNC-Leitlinie konservative Therapien das Mittel der ersten Wahl, eine OP ist aber möglich und mitunter sinnvoll – etwa, wenn die Schmerzen durch Medikamente und Bewegungstherapie nicht in den Griff zu bekommen sind. Ob und wann operiert werden sollte, hänge nicht zuletzt vom Willen und der Lebenssituation des Patienten ab, betont Börm. Grundsätzlich rät er, bei einem Bandscheibenvorfall ohne Ausfallerscheinungen acht bis zwölf Wochen abzuwarten. „Dann muss die Situation neu bewertet werden.“

Das Standard-Verfahren bei der Bandscheibenoperation ist die mikrochirurgische Diskektomie: Dabei entfernt der Chirurg den vorgefallenen Teil des Gallertkerns sowie Teile der Bandscheiben und entlastet so die Nervenwurzel. Neben diesem Standardverfahren gibt es alternative Methoden, die jedoch weniger etabliert und untersucht sind. Dazu zählten zum Beispiel endoskopische Techniken, so Börm.

Zwar gelten Bandscheiben-OPs als Routine-Eingriffe – trotzdem sind auch sie mit Risiken verbunden. Dazu zählen narbige Verwachsungen an der OP-Stelle, die zu Schmerzen, Taubheitsgefühlen und Funktionsstörungen führen können. Laut DGNC sei eine OP „nicht überdurchschnittlich riskant“ – allerdings komme es auch durch langfristige konservative Therapien „nicht vermehrt zu irreversiblen Nervenschäden“. Wer bei der Entscheidung unsicher sei, solle sich von einem zweiten Arzt beraten lassen. Börm zufolge liege die Erfolgsquote der chirurgischen Eingriffe bei 80 Prozent.

Zwei repräsentative Studien sollen für Ärzte bei der Beratung ihrer Patienten maßgebend sein: Bei der „Sciatica“-Studie von 2007 verglichen Wissenschaftler zwei Gruppen von Patienten mit schwerem Bandscheibenvorfall der Lendenwirbelsäule: Eine Gruppe wurde konservativ behandelt, die andere frühzeitig operiert. Nach einem Jahr ging es 95 Prozent der Patienten aus beiden Gruppen vergleichbar gut. Allerdings hatten sich die Operierten schneller erholt und waren früher schmerzfrei. Die Arbeit bestätigte die „Sport“-Studie, die ein Jahr zuvor erschienen war.

Eindeutig abzuraten ist Wolfgang Börm zufolge dagegen von dem noch relativ neuen Verfahren der autologen Bandscheibenzelltransplantation, bei dem die geschädigte Bandscheibe mithilfe von körpereigenem Gewebe aufgebaut und der Gewebeverlust, der durch Bandscheibenvorfälle und -OPs entsteht, ausgeglichen werden soll. Der Neurochirurg erklärt: „Diese Methode befindet sich noch im experimentellen Stadium, es gibt keine Belege dafür, dass sie funktioniert.“

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erstellt am 08.Apr.2015 | 11:05 Uhr

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