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Ernährung & Gesundheit

20. Oktober 2017 | 10:57 Uhr

Weniger bohren ist mehr

vom

Studie: Unvollständige Kariesbeseitigung rettet viele Zähne und spart Geld / Zahnärztekammer stellt Ergebnisse in Frage

shz.de von
erstellt am 08.Aug.2013 | 03:59 Uhr

Kiel | Die Strategie war klar: Die Karies muss weg. Vollständig. Kam ein Patient bisher zum Zahnarzt, versuchte dieser, Karies komplett zu beseitigen, bevor er mit der Zahnfüllung begann. Diese Vorgehensweise stellen Forscher nun stark in Frage. Sie verursache oftmals einen vorzeitigen Verlust der betroffenen Zähne. Zudem geht es um Geld, um viel Geld. 500 Millionen Euro ließen sich in Deutschland einsparen. Denn Karies werde von Zahnärzten häufig mit übermäßiger Intensität behandelt. So sehen es auf jeden Fall Autoren einer neuen Gemeinschaftsstudie vom Institut für Weltwirtschaft (IfW), dem Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH), der RWTH Aachen und der Charité Berlin. Sie behaupten: Mit der sogenannten unvollständigen Kariesbeseitigung lassen sich nicht nur die Kosten senken. Gleichzeitig steige die Wahrscheinlichkeit, die Vitalität der kariösen Zähne im Durchschnitt um zehn Jahre länger zu erhalten als bei einer vollständigen Kariesentfernung.

"Eine vollständige Beseitigung der Karies ist oft unnötig, da die verbleibenden Kariesbakterien unter einer gut schließenden Zahnfüllung keine Nahrung mehr bekommen und daher auch keinen weiteren Schaden anrichten", erklärt Dr. Falk Schwendicke von der Charité. Den Vorteil der unvollständigen gegenüber der vollständigen Kariesbeseitigung sehen die Forscher vor allem in der langfristigen Behandlung. Der Zahnnerv werde auf diese Weise weniger oft verletzt. "Je intensiver man am Anfang behandelt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es später zu kostenintensiven Wurzelkanalbehandlungen kommt", erklärt IfW-Gesundheitsökonom Dr. Michael Stolpe. Für die Krankenkassen macht es in der Abrechnung zunächst keinen Unterschied, ob eine Karies vollständig oder unvollständig behandelt und anschließend verfüllt wird. Allerdings, so betont Stolpe, würden die Folge behandlungen dort nicht zusammenhängend berücksichtigt werden. "Und die treiben die Kosten in die Höhe."

Karies ist noch immer eines der häufigsten Gesundheitsprobleme weltweit. Die Behandlungskosten liegen allein in Deutschland bei etwa acht Milliarden Euro. "Unserer Studie zufolge ließen sich die Ausgaben in schweren Fällen mit tiefer Karies um bis zu einem Drittel senken, wenn alle Zahnärzte ihre Vorgehensweise von der vollständigen Kariesbeseitigung auf die Ein-Schritt-Strategie der unvollständigen Kariesbeseitigung umstellen würden", erklärt IfW-Forscher Stolpe. Unter der Annahme, dass mindestens 20 Prozent aller neuen Behandlungsfälle von der neuen Behandlungsstrategie profitieren könnten, seien demzufolge jährliche Ersparnisse von mehr als 500 Millionen Euro allein in Deutschland möglich.

Bei der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein trifft die Einschätzung der Forscher auf Unverständnis. "Ich halte es für sehr gewagt, zu behaupten, man könnte mit einer nicht-vollständigen Beseitigung von Karies Kosten einsparen", sagt Dr. Joachim Hüttmann. Der Bad Segeberger ist seit 30 Jahren Zahnarzt und Pressesprecher im Vorstand der Zahnärztekammer Schleswig-Holstein. Die Behauptung müsse seiner Meinung nach erstmal langfristig nachgewiesen werden. Hüttmann: "Das Gegenteil ist womöglich eher der Fall." Würde man ausschließlich auf die Kosten gucken, sei prinzipiell der günstigste Patient derjenige ganz ohne Zähne. "Nur ein Zahn, der im Mund ist, kann auch Kosten auslösen", so Hüttmann. Die Kosten hängen davon ab, auf welche Art und Weise der Zahn ersetzt wird. Träger von Totalprothesen seien demnach preiswerte Patienten. "Auch der Patient, der im Altersheim getrennt von seinem Gebiss schläft, ist viel weniger kostenaufwendig", sagt der Zahnmediziner. Insgesamt seien die Kosten von Zahnersatz sehr unterschiedlich. Viel wichtiger sei aber die Gesundheit der Patienten, und somit die individuelle Behandlung.

Der Paradigmenwechsel in der Zahnmedizin scheint allerdings noch nicht angebrochen. Den Krankenkassen beispielsweise ist die Studie noch nicht bekannt. Und Hüttmann weist mit einer Allegorie auf mögliche Risiken der unvollständigen Kariesbeseitigung hin. "Stellen Sie sich vor, Sie haben ein altes Fachwerkhaus, dem Sie einen neuen Anstrich geben. Wenn Sie einen leichten Riss haben, wollen Sie den ganz verschlossen haben. Also müssen Sie schauen, wie weit Sie den Putz abhauen. Denn wenn es schlecht läuft, gammelt nicht nur der Putz, sondern auch schon die Balken."

Insgesamt, so erklärt Hüttmann, sei der Behandlungsbedarf von Karies zurückgegangen. Gründe seien ein gesteigertes Bewusstsein für das Thema, verbesserte Prophylaxe, Aufklärung der Eltern und auch die Arbeit der Zahnärzte.

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