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Geschichte : Was von der Berliner Mauer übrig blieb

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Willy Brandt wollte im November 1989, dass ein Stück der Berliner Mauer, des «scheußlichen Bauwerks», stehenbleibt. Zur Erinnerung, so wie die Stadt ganz bewusst die Ruine der im Krieg zerstörten Gedächtniskirche erhalten hat.

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erstellt am 30.Sep.2013 | 14:27 Uhr

Es kam anders. Nach dem Mauerfall verschwanden in Berlin fast alle Spuren des verhassten Bollwerks.

Ein alter Grenzturm in einer Seitenstraße am Potsdamer Platz gehört zu den letzten Resten der Teilung, die echt sind. Er sieht zwischen den Bäumen aus, als sei er von einer Filmkulisse übrig geblieben. Als Attraktion für Touristen ist der Turm neu: Seit ein paar Monaten können ihn Besucher erkunden.

«Turmbesteigung auf eigene Gefahr» steht unten. An schmalen Eisenleitern geht es den kleinen Turm hoch. Die Kanzel mit den Schießscharten ist nur ein paar Quadratmeter groß. Ein beklemmender Gedanke, dass dort einst Grenzer mit Kalaschnikows Wache hielten. Früher standen ringsum Baracken der Nationalen Volksarmee. Der heute so trubelige Potsdamer Platz daneben war eine Brache, eine Wunde im geteilten Berlin. 

Im «Rundblickbeobachtungsturm» schoben zwei Grenzer Acht-Stunden-Schichten. Einer musste in den Westen, einer in den Osten gucken. Im Sommer war es heiß, im Winter kalt. Für die Soldaten muss es damals der absolute Horror gewesen sein, an die «Kante» versetzt zu werden. So erzählt es Jörg Moser-Metius, der den verfallenen Betonbau mit Hilfe von Handwerkern und Unternehmen restauriert hat.

Fast wäre auch der Ende der 60er Jahre gebaute Turm abgerissen worden. Seit 2001 steht er unter Denkmalschutz. Früher gab es an der Berliner Grenze 200 solche Türme - das Exemplar in der Erna-Berger-Straße hinter dem Abgeordnetenhaus soll das letzte dieses Typs sein. «Der Run war gleich riesig», sagt Moser-Metius. Sein Engagement begründet der Charlottenburger Privatmann mit seinem Faible für die Stadtgeschichte.

Der Eintritt kostet 3,50 Euro. Ums große Geld geht es Moser-Metius nach eigenen Angaben nicht. «Es ist ein Nullsummengeschäft.» Neben dem Turm plant er eine Ausstellung zu der Frage, die in der Hauptstadt wohl am häufigsten gestellt wird: «Wo war die Berliner Mauer?»

Das Interesse an der deutsch-deutschen Vergangenheit ist auch 23 Jahre nach der Wiedervereinigung (3. Oktober 1990) ungebrochen. Das zeigen nicht nur die guten Quoten für die Ost-Fernsehserie «Weissensee», sondern auch die vielen Besucher, die mit Outdoor-Jacken und Kamera auf Spurensuche gehen. Die Touristen stapeln sich fast am Checkpoint Charlie mit seiner nachgebauten Grenzkulisse und den falschen Soldaten.

Die Kulturverwaltung des rot-schwarzen Senats unterstützt es, dass sich ein Privatmann um den alten Grenzturm kümmert. «Wir wollen kein staatliches Monopol auf Mauergedenken», sagt Sprecher Günter Kolodziej. Aber «selbstverständlich» böten sich in Berlin genug Möglichkeiten, Mauergeschichte zu erleben. Die Besucherzahlen am Checkpoint Charlie und an der Bernauer Straße steigen laut Kolodziej rasant.

Der frühere Berliner Grünen-Politiker Michael Cramer, heute im Europäischen Parlament in Brüssel, tourt mit Besuchern auf dem Mauerradweg, den er mitbegründet hat. Cramer findet nicht, dass genug authentische Orte in Berlin erhalten wurden. Früher sei die Parole «Die Mauer muss weg» gewesen. Er erinnert an die Debatten über das einstige Grenzland, als sogar überlegt wurde, an der Bernauer Straße eine Schnellstraße zu bauen. Dort ist heute das letzte Stück Grenzanlage als Gedenkstätte erhalten. «Wenn es die privaten Initiativen nicht gegeben hätte, stünde nichts mehr von der Mauer.»

Tourismusverband Visit Berlin zu Grenzturm

Homepage Grenzturm

Willy Brandts Rede 10. November 1989

Homepage Cramers zu Mauertouren

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