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„Viele Ängste lassen sich lindern“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Krebserkrankungen werfen Patienten und ihre Angehörigen auch seelisch aus der Bahn / Psycho-Onkologen bieten Unterstützung an

shz.de von
erstellt am 17.Sep.2014 | 09:50 Uhr

Direkt nach der Operation war da erstmal nur Erleichterung. „Ich war froh, noch zu leben“, sagt Hans-Peter Frahm. Der Prostatakrebs im Frühstadium hatte bei dem 69-Jährigen komplett entfernt werden können, Metastasen wurden nicht entdeckt. „Alles weg, alles gut“, gab ihm der behandelnde Arzt in der Klinik kurz und bündig mit auf den Weg. Zurück zu Hause stellte sich heraus, dass doch nicht alles gut war. „Ich fiel in ein tiefes Loch.“ Verdrängte Ängste kamen wieder hoch; vor allem aber belastete ihn die Inkontinenz, von der viele Patienten nach einer Prostata-OP betroffen sind. Während der Reha schaffte es der Kaltenkirchener, sich aus dem seelischen Tief wieder herauszukämpfen – mit der professionellen Hilfe eines Psycho-Onkologen.

„Die Diagnose Krebs ist immer ein Schock“, sagt Dr. Lutz Kuhlmann, Urologe und Oberarzt an der Helios-Rehaklinik Schloss Schönhagen. Verarbeitet werde sie jedoch von Patient zu Patient unterschiedlich. „20 bis 30 Prozent entwickeln starke Ängste oder Depressionen und brauchen psychologische Hilfe.“ Kuhlmann hat sich in der psychosozialen Onkologie fortgebildet: einer Fachrichtung, die sich mit den seelischen Auswirkungen von Krebserkrankungen befasst und Betroffene sowie ihre Angehörigen unterstützt. Als Psycho-Onkologe berät und begleitet er Reha-Patienten in Einzel-, Paar- oder Gruppengesprächen.

Natürlich nehme die Angst vor dem Tod in den Gesprächen großen Raum ein, sagt Kuhlmann. Mindestens ebenso belaste die Patienten aber auch die Furcht vor Schmerzen oder davor, pflegebedürftig zu werden, den Angehörigen zur Last zu fallen oder sie allein zurückzulassen. Sorgen um die Zukunft im Beruf, ums Geld. „Im Gespräch loten wir aus, welche Ängste im Vordergrund stehen und ob sie begründet sind.“ Kein Patient müsse heute unerträgliche Schmerzen erleiden, und bei Prostatakrebs etwa gebe es zahlreiche erfolgversprechende Therapien. „Viele Ängste lassen sich durch Information und Aufklärung nehmen oder lindern.“ Auch die, die allen als geheilt geltenden Betroffenen gemeinsam sei: dass der Krebs zurückkommen könnte. Viele drückten sich darum vor den Nachsorge-Untersuchungen – eine gefährliche Vermeidungsstrategie, wie Kuhlmann sagt. Er möchte seinen Patienten helfen, mit der Angst zu leben, sie als „normal und natürlich zu akzeptieren.“

Hans-Peter Frahm bedrückten vor allem die körperlichen Folgen der OP. Er befürchtete, auf Dauer mit der Inkontinenz leben zu müssen. „Ich wusste ja nichts über meinen Körper. Und da war niemand, an den ich mich wenden konnte.“ Seine Frau Marlies, mit der er seit 46 Jahren verheiratet ist, stärkte ihm den Rücken – und trotzdem: „Ich war gereizt, genervt und verunsichert. Meine Frau wollte ich damit nicht belasten.“

Dass Menschen Hilfe brauchen dabei, eine Krebserkrankung zu verarbeiten, klingt banal – und doch schreckten viele davor zurück, Unterstützung anzunehmen, sagt Lutz Kuhlmann. „Vor allem Männer glauben, sie würden als verrückt abgestempelt, sobald sie das Wort ’Psycho’ hören.“ Sozialer Rückzug, Schlaflosigkeit und fehlende Lebensfreude seien „Hilfeschreie“, die er und seine Berufskollegen zu hören gelernt haben. Standardisierte Tests helfen festzustellen, welcher Patient behandlungsbedürftig ist. Das wichtigste sei jedoch hinzuhören, sagt der Mediziner. Sich die Zeit zu nehmen, die im Praxis- und Klinikalltag oft nicht vorhanden sei.

Für Hans-Peter Frahm bot eine von Kuhlmann geleitete Männergruppe während der Reha in Schönhagen Zeit und Raum dafür, seine Last loszuwerden. „Aufgebaut und aufgeklärt“ habe man ihn dort, sagt der ehemalige Bankangestellte – unter anderem über „realistische Ziele“ und darüber, wie wichtig Physiotherapie für die Genesung sei. Frahm ist geheilt – und findet es heute vor allem wichtig, „dass wir uns über das Leben freuen“.

Oft sitzt Kuhlmann aber auch Menschen gegenüber, die ihre Lebensfreude verloren haben. Mit ihnen versucht er, „Ressourcen zu wecken und die Dinge zu sehen, für die es sich lohnt zu leben“. Auf Wunsch vermittelt der Psychoonkologe auch Gespräche mit Geistlichen, gleich welcher Konfession. „Wir haben nicht auf alles eine Antwort. Aber wir können dabei helfen, den Lebenswillen zu erhalten. Bis zuletzt.“

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