Alles in Maßen : "Und plötzlich war ich orange"

Ein deutlicher Unterschied: Roschats Hände im Vergleich mit anderen. Foto: Berndt
Ein deutlicher Unterschied: Roschats Hände im Vergleich mit anderen. Foto: Berndt

So etwas sieht man nicht alle Tage. Christian Roschat leidet an Carotinämie, einer Gelbfärbung seiner Gliedmaßen. Doch als Leiden würde der Student seine Situation nicht beschreiben.

shz.de von
20. August 2012, 09:44 Uhr

Flensburg | Christian Roschat gehört wohl zu der Sorte Menschen, die man als äußerst individuell bezeichnen würde. Eigensinnig, direkt und unkonventionell geht er durchs Leben. "Man merkt sich schließlich nur Menschen, die anders sind", erzählt der 25-jährige Student im Innenhof eines Flensburger Wohnheims und lacht dabei verschmitzt. Ein Blick auf seine Hände verrät, dass es nicht nur seine Art ist, die ihn besonders macht. Roschat ist orange - zumindest seine Hände und Füße.
Ein Geschmack, der überzeugte

Wie es zu dieser Hautverfärbung kam, erklärt der gebürtige Schleswig-Holsteiner in wenigen Sätzen und plant beiläufig seine Camping-Tour durch Norwegen. "Angefangen hat alles mit einem Arztbesuch. Damals riet man mir zur Einnahme von Beta-Carotin-Tabletten. Aufgrund meiner Akne-Medikamente durfte ich mich der Sonne nicht mehr zu sehr aussetzen. Die Carotin-Tabletten sollten die Haut - zusätzlich zur Sonnencreme - schützen." Statt Tabletten entschied sich Roschat für den Verzehr von carotinhaltigen Produkten. "Karottensaft erschien mir die beste Alternative zum täglichen Möhren-Knabbern."
Bald kam er auf den Geschmack und so wurden aus einem Glas schnell zwei Flaschen Karottensaft pro Tag. Über drei Monate lang gehörte das Getränk zu seinem Alltag. Dass sich seine Gliedmaßen langsam orange-gelblich färbten, störte ihn nicht. "Orange Hände sind doch nicht schlimm. Die bringen mich ja nicht um", erzählt er. Besonders seinem direkten Umfeld fiel die Veränderung schnell auf. Mit einem witzigen Spruch, einem Lacher oder auch der Frage nach Selbstbräuner durfte Roschat hin und wieder rechnen. "Mir war das egal. Der Saft hat geschmeckt und ich habe mir da nicht wirklich Gedanken drüber gemacht. Wen kümmert es, sind ja schließlich nur die Handinnenflächen."
Ein unbedenklicher Nebeneffekt

Im Fachjargon bezeichnet man die Gelbfärbung der Haut durch erhöhte Aufnahme von Beta-Carotin als Carotinämie. Laut Diplom-Ernährungswissenschaftlerin Claudia Thienel ist das in Karotten enthaltene Beta-Carotin, welches dem Gemüse seine Farbe gibt, eine Vorstufe des Vitamin A und wird im menschlichen Organismus in genau dieses umgewandelt. Eine mögliche Überdosierung von Beta-Carotin kann der Körper ausgleichen, in dem er die Umwandlung stoppt und einen Carotin-Vorrat anlegt, der nur bei Bedarf angebrochen wird. Dieses Zuviel hat keine schädigende Wirkung. Es macht sich lediglich als Gelbfärbung der Haut bemerkbar. Reduziert man den Konsum, geht auch die Färbung schrittweise zurück. Selbst wenn dieser Prozess ungefährlich ist, sollte man eine einseitige Ernährung dennoch stets vermeiden und lieber getreu dem Motto "Alles in Maßen" leben.
Eine Pause muss auch mal sein

Die gute Nachricht also: Roschat schädigt seinen Körper durch die erhöhte Zufuhr von Karottensaft nicht. Dennoch bleibt die Hautverfärbung ein wahrer Hingucker. Viele können sich bei diesem Anblick ein kleines Schmunzeln nicht verkneifen. Auf die Frage, wie er auf andere Menschen mit ähnlichen Symptomen reagieren würde, folgt ein "würde ich auch komisch finden". Den Karottensaft-Konsum hat Roschat aktuell jedoch erst mal eingestellt. "Ich hatte vor kurzem einen Magen-Darm-Infekt und da war mir dazu nicht mehr zumute." Nichtsdestotrotz kann er nicht dafür garantieren, dass der Saft in Zukunft nicht wieder auf seinem Tagesplan stehen wird - auch trotz oranger Hände.

Vitamin A wirkt sich positiv auf Wachstum und Immunsystem aus und schützt Haut sowie Schleimhäute vor Viren. Beta-Carotin, welches im Körper zu Vitamin A umgewandelt wird, befindet sich - neben Karotten - unter anderem auch in Spinat, Broccoli, Kresse, Aprikosen, Mangos, Nektarinen und Birnen.


Nimmt man Vitamin A dauerhaft, direkt und erhöht auf - zum Beispiel durch den Verzehr von Leber oder die Einnahme von Nährstoffpräparaten - können Leberschäden, Durchfall, Kopfschmerzen und Erbrechen die Folge sein. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für Erwachsene eine tägliche Zufuhr von 0,8 bis 1,1 mg Vitamin A.

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