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Überschattete Kindheit: Psychisch kranke Eltern sind eine Belastung

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Hamburg (dpa/tmn) - Bei psychisch kranken Eltern leiden nicht nur der Partner oder die Freunde mit, sondern auch die Kinder. Neben den Betroffenen brauchen Sohn oder Tochter daher ebenfalls Hilfe. Nur so können sie lernen, ihre Kindheit nicht für die Krankheit zu opfern.

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erstellt am 26.Mai.2013 | 05:33 Uhr

Hamburg (dpa/tmn) - Bei psychisch kranken Eltern leiden nicht nur der Partner oder die Freunde mit, sondern auch die Kinder. Neben den Betroffenen brauchen Sohn oder Tochter daher ebenfalls Hilfe. Nur so können sie lernen, ihre Kindheit nicht für die Krankheit zu opfern.

Julia hat sich immer ins Badezimmer eingeschlossen, wenn ein Freund ihres Vaters zu Besuch kam. Da war sie zehn. «Meine Mutter hat mich wieder und wieder gewarnt, dass Männer nur sexuelle Übergriffe im Kopf hätten. Sogar meinen Vater hat sie verdächtigt, mich belästigen oder gar vergewaltigen zu wollen.» Dass ihre Mutter anders war als andere Mütter, hat Julia erst spät realisiert. Erst vor einigen Jahren wurde eine Persönlichkeitsstörung diagnostiziert.

Als Kind suchte sie die Schuld bei sich, wenn ihre Mutter wieder einmal drohte, sie werde in der Gosse landen. Oder sie davon abhielt, das Haus zu verlassen. Für die Hamburger Psychologin Prof. Silke Wiegand-Grefe ist das typisch: «Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, also etwa psychotisch oder schwer depressiv wird, beziehen Kinder das auf sich.»

In den Familien werden oft die Rollen getauscht: Die Kinder übernehmen Verantwortung für ihre Eltern statt umgekehrt. Experten nennen dieses Phänomen Parentifizierung. Eigene, kindliche Bedürfnisse stellen betroffene Kinder zurück und spielen die Probleme der Eltern gegenüber Dritten herunter.

In schlimmen Fällen werden psychisch kranke Eltern gewalttätig gegen ihre Kinder. Warum werden Mädchen und Jungen solchen Eltern nicht entzogen? «Eltern, die Gewalt gegen die eigenen Kinder ausüben, suchen selten eine Beratung auf, so dass wir präventiv oft nicht eingreifen können», sagt Wiegand-Grefe.

Ist ein Fall dagegen bekannt, prüft die Jugendhilfe, ob das Kindeswohl gefährdet ist. Dabei wird auch die jeweilige psychische Erkrankung berücksichtigt. Ob Vater oder Mutter aufgrund einer Depression mutlos und pessimistisch sind, oder ob ein Elternteil von Wahnvorstellungen gepeinigt wird, macht für die Kinder einen großen Unterschied. Leiden Eltern unter einer Erkrankung, die schubweise auftritt, erleben die Kinder sie auch in normalen Phasen.

Die Berliner Beraterin Katja Beeck begleitet mit ihrer Initiative Netz und Boden betroffene Kinder wie erkrankte Eltern und schult Fachkräfte. Vor gut sieben Jahren hat sie das Patenschaftsangebot beim Berliner Jugendhilfeträger Amsoc gegründet: «Oft haben Kinder keine emotional stabile Bezugsperson im eigenen Umfeld. Unsere Paten geben den Kindern die Unterstützung, die sie brauchen.»

Kranke Mütter oder Väter leiden oft darunter, dass sie nicht immer gute Eltern sein können. Gemeinsam mit ihnen hat Beeck das Konzept der Notfallbriefe entwickelt. In einer relativ gesunden Phase formulieren Eltern liebevolle Briefe an Söhne und Töchter. Darin erklären sie zum Beispiel, dass sie manchmal selbst Hilfe brauchen und dann nicht so gut für sie sorgen können.

Doch nicht nur die seelisch Erkrankten brauchen Unterstützung, sondern auch die Kinder und weitere Angehörige: «Sie müssen lernen, mit der Krankheit umzugehen, etwa ohne Scham darüber zu sprechen», sagt Wiegand-Grefe. Viele machen ihre problematische Kindheit aber erst im späten Erwachsenenalter zum Thema, weiß die Psychologin Johanna Schams, die eine Selbsthilfegruppe erwachsener Betroffener begleitet.

Laut Schams ist es für betroffene Kinder wichtig, mit professioneller Hilfe die von der Krankheit der Eltern überschattete Kindheit aufzuarbeiten. Wenn es ihnen gelingt, diese fremdbestimmte Zeit zu reflektieren, können sie diese für sich ein Stück weit zurückerobern.

Infors des Deutschen Jugendinstituts

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