Kinderaugen : Trübe Aussichten

Je früher Sehstörungen bei Kindern entdeckt werden, desto größer die Heilungschancen. Foto: sh:z
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Je früher Sehstörungen bei Kindern entdeckt werden, desto größer die Heilungschancen. Foto: sh:z

Häufig werden Sehschwächen bei Kindern zu spät erkannt. Dabei kann eine rechtzeitige Behandlung den Kleinen für ihr ganzes Leben helfen.

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02. November 2012, 11:45 Uhr

"Unentdeckte Fehlsichtigkeiten und Augenerkrankungen können nicht nur die Entwicklung des Sehvermögens, sondern die gesamte kindliche Entwicklung beeinträchtigen", informiert Augenärztin Dr. Silke Schnell aus Kiel.
Emma (Name geändert) ist zwei Jahre alt. Die Mutter befürchtet, dass ihre Tochter in der Entwicklung ihrer Grob- und Feinmotorik zurückgeblieben ist. Beim Laufen und Klettern scheint Emma zögerlich, bei feinmotorischen Spielen lustlos, unsicher und fahrig. Die Kinderärztin des Mädchens hat der Mutter deshalb eine Überweisung zum Augenarzt gegeben. Sie will abklären lassen, ob die Kleine ausreichend gut sieht.
"Bei der Untersuchung mit Erweiterung der Pupille, stellte ich eine deutliche Weitsichtigkeit von fünf Dioptrien mit einer Hornhautverkrümmung am rechten Auge fest", erzählt Dr. Silke Schnell. "Links bestand eine Weitsichtigkeit von drei Dioptrien ohne Hornhautverkrümmung. Das räumliche Sehen war wegen dieser Differenz zwischen den Augen nicht normal entwickelt", erklärt sie. Nach der Verordnung einer Brille verbesserte sich Emmas räumliches Sehen. Sie machte innerhalb weniger Monate einen deutlichen Entwicklungsschub nach vorn. Die Eltern atmeten erleichtert auf.
Sehschärfe wichtig für Entwicklung
Nach Angaben des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (BVA) werden 60 Prozent der Sehschwächen bei Kindern zu spät erkannt. Jedes zehnte Kleinkind in Deutschland sieht schlecht. Dabei kann eine lebenslange Sehschwäche bei rechtzeitiger Behandlung verhindert werden.
"Rund 80 Prozent aller Informationen nehmen wir über die Augen auf. Sind diese nur eingeschränkt funktionstüchtig, gehen wichtige Informationen verloren. Insbesondere in den ersten beiden Lebensjahren entwickelt sich die Sehschärfe, die zur optimalen Aufnahme der Informationen wichtig ist, rasant. Während ein sechs Monate altes Kind etwa 30 Prozent der Sehschärfe eines Erwachsenen besitzt, beträgt die Sehschärfe eines Einjährigen bereits 50 Prozent. Ab dem zweiten Lebensjahr schreitet die Sehschärfenentwicklung dann langsamer voran", erläutert Schnell. Besonders in den ersten Jahren sei das Sehvermögen sehr empfindlich und anfällig gegenüber Störungen. Blieben optische Fehler oder Schielen im Kleinkindalter unerkannt, könne sich die Sehschärfe nicht normal entwickeln, weil die Netzhaut und die Sehrinde des Gehirns nur unvollständig beansprucht werden.
Rechtzeitige Untersuchung hilft
"Wird ein Sehfehler oder Schielen jedoch innerhalb der ersten drei Lebensjahre entdeckt, genügt häufig das Tragen einer Brille oder das zeitweise Abdecken des intakten Auges, um eine Sehschwäche vollständig zu beseitigen", so Schnell. Sie rät deshalb, Kinder im Alter von zweieinhalb bis dreieinhalb Jahren bei einem Augenarzt vorzustellen. "Wenn es in der Familie schon Fehlsichtigkeit, Schielen oder anderen Augenerkrankungen gibt, ist eine Untersuchung bereits im Alter zwischen sechs bis neun Monaten sinnvoll", stellt Schnell heraus. Auch Kinder, die zu früh geborenen sind, einen Entwicklungsrückstand haben oder aus Familien mit erblichen Augenkrankheiten kommen, sollten mit sechs bis zwölf Monaten zur ersten augenärztlichen Untersuchung.
Unabhängig vom Alter des Kindes ist eine sofortige Untersuchung angezeigt bei:

- Lidveränderungen, wie einem Hängelid


- grau-weißlichen Pupillen


- Augenzittern oder Schauen mit ständig schräg gehaltenem Kopf


- Blinzeln, Zusammenkneifen und Reiben der Augen


- Lichtscheuheit


- auffällig großen Augen


- Augenentzündungen


Bei älteren Kindern können sich durch nicht entdeckte Sehfehler oder Störungen im Zusammenspiel beider Augen eventuelle Schulprobleme verstärken. Alarmsignale, bei denen Eltern Sehfehler als Ursache im Blick haben sollten, sind Unlust beim Lesen, Malen und Ausschneiden, schnelles Ermüden bei Konzentration oder Kopfschmerzen. Auch Ungeschicklichkeiten und Ängstlichkeit, häufiges Zwinkern oder ein dichtes Herangehen an Heft oder Buch beim Schreiben und Lesen können Hinweise auf eine Sehschwäche sein.
"Je älter ein Kind bei Entdeckung der Sehschwäche ist, desto schwieriger wird es, seine Sehschwäche vollständig zurückzubilden", weiß Dr. Silke Schnell. "Rechtzeitige Vorsorgeuntersuchungen bieten die Chance, Sehstörungen möglichst früh auf die Spur zu kommen und sie therapeutisch auszugleichen."

www.kindundsehen.de, www.augenstern-ev.de, www.kindergesundheit-info.de (Suchwort: Sehstörungen), www.sehen.de (Rubrik: Kind und Sehen)


Informationsbroschüren des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands e. V. (BVA) zum Thema stehen im Internet unter www.augeninfo.de zum Download bereit.

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