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Gesundheit : Teufelskreis chronische Schmerzen - Spezialtherapie für Kinder

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Sie haben chronische Schmerzen und können ihren Alltag nicht mehr bewältigen. Im Deutschen Kinderschmerzzentrum in Datteln bekommen Kinder und Jugendliche Hilfe. In einer dreiwöchigen stationären Therapie erfahren sie, wie man Schmerzen «verlernen» kann.

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2013 | 15:34 Uhr

Die Station nennt sich «Leuchtturm», die Schlafräume heißen «Kajüten», und man trifft sich zum Essen in der «Kombüse». An einer Wand hängt sogar ein roter Rettungsring. Küste und Seefahrt sind hier aber nicht das Thema: Der «Leuchtturm» ist eine Therapie-Einrichtung im Deutschen Kinderschmerz-Zentrum (DKSZ) der Vestischen Kinder- und Jugendklinik in Datteln in Nordrhein-Westfalen.

Für die jungen Patienten ist der «Leuchtturm» tatsächlich so etwas wie ein Wegweiser - zurück in ein normales Leben. Hier werden pro Jahr gut 240 Kinder und Jugendliche stationär betreut, die chronische Schmerzen haben und deshalb nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag zu bewältigen. Es ist damit die nach eigenen Angaben bundesweit einzige Einrichtung ihrer Art.

«Inzwischen leiden in Deutschland rund 350 000 oder fünf Prozent aller Kinder im Alter von 8 bis 17 Jahren unter extrem beeinträchtigenden, immer wiederkehrenden Schmerzen. Tendenz steigend», sagt DKSZ-Leiter Boris Zernikow. Der Mediziner und sein Team aus Ärzten, Psychologen und Pflegern setzen da an, wo Hausärzte bei der Behandlung ihrer jungen Patienten nicht mehr weiter wissen.

«Es geht in unserer Therapie darum, dem Schmerz die rote Karte zu zeigen und aus dem Teufelskreis chronischer Schmerzen auszubrechen», sagt Zernikow. Keine einfache Aufgabe für die Mediziner, denn dazu müssen sie einen psychosomatischen Kreislauf knacken. Zwar sind Beschwerden wie etwa Kopf- oder Bauchschmerzen tatsächlich da, doch eine rein organische Ursache haben sie oft nicht.

Das chronische Schmerzempfinden sei ein Zusammenspiel aus biologischen und psychologischen Einflüssen sowie sozialen Hintergründen, erklärt Zernikow. So könne etwa die Angst vor bestimmten Schulfächern, in denen ein Kind nicht gut ist, Schmerzen verstärken, die zufällig gerade da seien und sonst wieder weggegangen wären.

Wenn Eltern das Kind dann nicht zur Schule schicken, komme das wie eine «Belohnung» an und könne den Schmerz dauerhaft festigen. «Chronischer Schmerz kann gelernt werden, wenn man etwas davon hat», beschreibt Zernikow das Problem. Er fügt hinzu: «Wir müssen deshalb erfahren, was den Schmerz aufrecht erhält, und das Gehirn dazu bringen, das chronische Schmerzgefühl wieder zu verlernen.»

Drei Wochen dauert für die Kinder und Jugendlichen im Alter von 8 bis 18 Jahren der therapeutische Aufenthalt. 20 Patienten sind jeweils zeitgleich auf der Station und teilen sich zu zweit ein Zimmer. In dieser Zeit hat jeder Kontakt zu anderen Betroffenen. Dabei erkennen die Patienten, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind - und fühlen sich besser verstanden.

Dann geht es darum, in der Biografie nach möglichen Gründen für das chronische Schmerzgefühl zu forschen - etwa Lernschwächen oder Probleme mit Eltern und Mitschülern. Die Eltern werden dabei in die Behandlung des Kindes eingebunden und kommen einmal wöchentlich zu einer Sitzung. «Sie lernen dort, wie sie zu Hause mit ihrem therapierten Kind umgehen müssen, damit sie das Kind auf dem Weg in die Gesundheit optimal unterstützen können», sagt Zernikow.

Die 15-jährige Lena kam mit chronischen Kopfschmerzen. Drei Monate konnte sie nicht mehr am Schulunterricht teilnehmen. Seit zwei Wochen ist sie nun hier und hat unter anderem erkannt, dass sie sich mit ihren Beschwerden auch gegen eine zu starke Vereinnahmung durch ihre Umgebung zur Wehr setzt. «Ich habe hier gelernt, mich abzugrenzen und das nicht mehr so an mich ranzulassen», erzählt Lena. Sie sei jetzt in der Lage, «schwarze Gedanken in bunte Gedanken umzuwandeln».

Zum Ende ihrer Zeit steht Lena ein «Stresstag» bevor. Dann muss sie auf der Station von 6.00 Uhr bis 20.00 Uhr viele Dienste übernehmen, etwa ihre Mitpatienten frühmorgens wecken, ihnen etwas vorlesen oder beim Kochen und anderen Aufgaben helfen.

Für die Kinder soll die Zeit im «Leuchtturm» durchaus anstrengend sein. «Wir sind keine Kur-Einrichtung», betont Zernikow. Das gut gefüllte Tagesprogramm soll Lena aber nicht erschöpfen, sondern ihr zeigen, dass man den Schmerz auch einfach vergessen kann: «Wenn das Gehirn abgelenkt ist, hat es eben keine Zeit, sich um den Schmerz zu kümmern», erläutert der Mediziner.

Webseite des DKSZ

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