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Ernährung & Gesundheit

23. August 2017 | 00:44 Uhr

Pflanzengifte : Tatort Märchenwald

vom

Welches Gift legte Schneewittchen in einen tiefen Schlaf? Waren es sogar Pflanzen? Zum 200. Geburtstag der Grimmschen Märchen begeben wir uns auf die Suche nach dem Ursprung.

Eine eifersüchtige Königin greift zu jedem Mittel, um die verhasste, schöne Nebenbuhlerin aus dem Weg zu räumen. Es wird ein Kamm und ein Apfel mit Gift präpariert. Das Opfer fällt in längere Ohnmachten und überlebt dank glücklicher Umstände. Dies ist die verkürzte Fassung des Märchens "Schneewittchen" der Gebrüder Grimm.
Es stellt sich nun die Frage, ob es hierzulande mit pflanzlichen Giften möglich war, einen Menschen in tiefe Ohnmachten zu versetzen oder gar zu vergiften.
In Europa sind etwa 50 giftige Pflanzenfamilien heimisch. Ihre fatale Wirkung entfalten sie meist durch den versehentlichen Verzehr. Wir wollen uns auf vier Giftpflanzen beschränken, die von der Königin für die Beseitigung von Schneewittchen verwendet worden sein könnten. Fachlichen Rat gibt es von Prof. Dr. Edmund Maser, Leiter des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie für Naturwissenschaftler des Universitätsklinikums in Kiel.

Schierling

Der Gefleckte Schierling (Conium maculatum) findet sich in Europa bis nach Südskandinavien. Er zählt zu den giftigsten Pflanzen in unseren Breiten und war schon im Altertum bekannt. Die Inhaltsstoffe Coniin und Conicein verursachen nach etwa ein bis zwei Stunden Vergiftungserscheinungen wie Brennen im Mund, Übelkeit, Erbrechen und Leibschmerzen. Später kommen Muskelzittern und Krämpfe hinzu. Der Tod tritt durch eine Atemlähmung ein. "Da man schon beim Zerreiben den unangenehmen Geruch der Pflanze bemerkt, hätte Schneewittchen wohl nicht in einen mit Schierling präparierten Apfel gebissen", nimmt Maser an.

Tollkirsche

Die Tollkirsche (Atropa belladonna) ist die klassische Giftpflanze Mitteleuropas. Sie enthält neben anderen Alkaloiden das hoch giftige Atropin. Bei Kindern gelten schon drei bis vier Beeren als tödliche Dosis. Die auffälligsten Vergiftungserscheinungen sind Pupillenerweiterungen und durch Pulsbeschleunigung hervorgerufenes Herzrasen. Bei höheren Dosen tritt eine allgemeine Erregung auf; daraus leitet sich auch der Name (toll = verrückt) ab. Der Tod tritt durch Koma, Atemlähmung und Herzstillstand ein. "Da bei Schneewittchen weder Herzrasen, noch eine allgemeine Erregung überliefert ist, scheidet die Tollkirsche ebenfalls aus", diagnostiziert Maser.

Eisenhut

Der Eisenhut (Aconitum napellus) gilt als die giftigste Pflanze Europas und wurde vielfach für Giftmorde eingesetzt. In China und Indien wurden Eisenhutextrakte zur Herstellung von Pfeilgiften verwandt. Einer der zahlreichen Inhaltsstoffe ist das Alkaloide Aconitin. Es ist ein Nervengift und führt zuerst zu einer gesteigerten Erregung, später zur Lähmung. Bei einer Vergiftung breiten sich Kribbeln, Brennen und später Schmerzen über den ganzen Körper aus. Herzrhythmusstörungen bis hin zu Kammerflimmern führen zum Tod. "Da das Bewusstsein bis zuletzt erhalten bleibt, kann der Eisenhut bei Schneewittchen keine Rolle gespielt haben", stellt Maser klar.

Schlafmohn

Der Schlafmohn (Papaver somniferum) wurde früher zur Ölgewinnung genutzt. Er ist verwildert auf Brachland und Schuttplätzen zu finden. Er enthält etwa 40 verschiedene Alkaloide. Die wichtigsten sind Morphin, Codein und Papaverin. Morpheus, der Gott des Schlafes, war Namensgeber für den Hauptinhaltsstoff . "Morphin hat eine sehr dämpfende Wirkung auf das Gehirn. Es kann Schlaf bis hin zur Bewusstlosigkeit bewirken und löst eine Hemmung des Atemzentrums aus. Man atmet weniger und sehr flach. Morphine können außerdem zu einer Muskelstarre führen. Man kann sie sowohl über die Haut (Kamm), als auch oral (Apfel) aufnehmen. Das passt alles sehr gut zu dem für tot gehaltenen Schneewittchen", ist sich Maser sicher.

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erstellt am 14.Dez.2012 | 02:03 Uhr

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