Burnout : Suche nach Therapie ist Odyssee

Burnout-Patienten haben es nicht nur im Raum Eckernförde schwer, einen Therapieplatz zu finden. Oft bleibt nur die Möglichkeit, alternative Angebote aus eigener Tasche zu zahlen. Foto: dpa
Burnout-Patienten haben es nicht nur im Raum Eckernförde schwer, einen Therapieplatz zu finden. Oft bleibt nur die Möglichkeit, alternative Angebote aus eigener Tasche zu zahlen. Foto: dpa

Eine Burnout-Patientin findet lange keine Behandlung bis die Kasse ihr schließlich das Krankengeld streicht: Ärzten und Kassenvertretern ist das Problem bekannt.

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02. April 2013, 08:42 Uhr

Eckernförde | Frauke Jacobsen ist gesund - so ist es zumindest einem Schreiben ihrer Krankenkasse zu entnehmen. Sie selbst sieht das ganz anders: "Ich bin noch nicht fit genug, um zu arbeiten", sagt sie. Die 54-jährige Sozialpädagogin aus Eckernförde - dürr, leise Stimme, weicher Händedruck - ist seit Juni 2012 krank geschrieben. Diagnose: Burnout.

"Ich hatte eine schlimme Kindheit", erklärt sie, "mir war klar, dass ich das irgendwann mal aufarbeiten muss." Im vergangene Jahr holten sie die Erinnerungen ein, sie war schlapp, hatte keine Kräfte mehr. Arbeitsunfähig machte sie sich auf die Suche nach einem Therapeuten. Doch diese Suche sollte zur Odyssee werden. Die meisten Praxen auf diesem Feld sind vollkommen ausgebucht. "Bei vielen nimmt noch nicht mal jemand das Telefon ab", sagt Frauke Jacobsen, "da läuft ein Anrufbeantworter: Wir sind im Moment besetzt und haben keine Kapazitäten."

Die kassenärztliche Vereinigung bestätigt diesen Mangel an Therapieplätzen, genauso der Eckernförder Psychologe Jürgen Andorff: "Es gibt einen großen Bedarf an Psychotherapieplätzen, und der kann nicht immer unmittelbar gedeckt werden."

Eigeninitiative wird belohnt

In ihrer Not suchte sich Frauke Jacobsen alternative Angebote auf eigene Kosten: Sie ging zum Heilpraktiker, nahm an Treffen esoterischer Kreise teil - sie selbst ist ausgebildete Heilerin - und machte Joga und Meditation zur Entspannung. Schließlich kam ihr die Idee, eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg zum Abschalten zu machen. Vorsichtig bat sie bei ihrer Techniker Krankenkasse um finanzielle Unterstützung, jedoch ohne Erfolg. Frauke Jacobsen lässt keinen Zweifel daran, sich um Hilfe bemüht zu haben. Lediglich eine Therapeutin, die sie aufgenommen hätte, lehnte sie ab. "Die Behandlungsmethoden sagten mir nicht zu", begründet sie. Denn Frauke Jacobsen ist keine Anhängerin von starken Medikamenten und Chemie.

Vor kurzem zeichnete sich dann doch noch ein Erfolg ab. Die Eckernförderin fand eine Therapeutin in Kiel, die sie behandeln wollte. "Die hat mir sehr gut gefallen." Und zum Glück spielte die Krankenkasse mit. "Ich habe eine gute Nachricht für sie", heißt es in einem Schreiben: Obwohl die Therapeutin keine kassenärztliche Zulassung hat, übernimmt die Versicherung die Kosten, zunächst für fünf Probe-Sitzungen.

Kasse erklärt Patientin für arbeitsfähig

Doch freuen konnte sich die Sozialpädagogin über die "gute Nachricht" nicht im geringsten. Denn nur einen Tag zuvor hatte sie der Brief erreicht, in dem sie wieder für arbeitsfähig befunden wird. "Das hat mich um Monate zurückgeworfen", sagt sie mit einem Seufzer. Der Sprecher der Techniker-Krankenkasse erklärt dagegen: "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun." Auf Grund der vorliegenden Unterlagen habe der medizinische Dienst entschieden, dass Frau Jacobsen wieder arbeiten könne. Eine Therapie könne sie durchaus auch berufsbegleitend machen.

Für die Eckernförderin keine Alternative, im Moment fehle ihr noch die Energie für den Job. "Jetzt steht erstmal Hartz IV an", sagt sie traurig. Ganz so schlimm kommt es noch nicht. Denn Frauke Jacobsen hat Widerspruch gegen den Bescheid der Kasse eingelegt. Bis darüber entschieden ist, wird das Krankengeld weitergezahlt. Ihr Antrag auf ein neues Gutachten werde derzeit geprüft, sagte TK-Sprecher Volker Clasen.

Auch er weiß um die prekäre Situation auf dem Feld der Psychotherapie: "Es ist bekannt, dass es in Schleswig-Holstein - und nicht nur dort - zu wenig Psychotherapieplätze gibt." Ursache ist eine völlig veraltete Bedarfsplanung. Danach besteht im Bereich Neumünster/ Rendsburg eine Versorgungsquote mit Psychotherapeuten von fast 200 Prozent. Die Gremien der Länder würden an einem neuen Entwurf arbeiten, sagte ein Sprecher der kassenärztlichen Vereinigung.

Patienten, die Schwierigkeiten bei der Suche nach einem Behandlungsplatz haben, können eine Liste mit Therapeuten bei der kassenärztlichen Vereinigung anfordern oder sich an das Patiententelefon wenden: 04551/803308.

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