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Stressbewältigung : Stress lass nach - so funktionierts

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Ob Angespannte, Chaoten oder Gesundheitsmuffel: Ein Hamburger Präventions-Professor kann die Stress-Intelligenz von jedem erhöhen.

shz.de von
erstellt am 22.Mär.2013 | 10:48 Uhr

Hamburg | "Die Deutschen sind ein Volk von Stressdummen", sagt ein Mediziner, der weiß, wovon er spricht. Trotz vollem Terminkalender wirken Lächeln und Gestik von Prof. Christoph Bamberger tief entspannt. Der Händedruck des Direktors des medizinischen Präventionszentrum am Universitätsklinikum in Hamburg-Eppendorf ist warm und ruhig. Bambergers provokante Aussage wird durch jede neue Studie über Burn-Out und Überforderung gestützt. Schon acht von zehn Deutschen fühlen sich gestresst, Tendenz steigend.

Was ist eigentlich Stress? "Nicht der Hund, der uns anknurrt, sondern die Reaktion unserer Hormone darauf", sagt der renommierte Stress- und Hormonforscher. In Stress-Situation schießt zunächst binnen weniger Sekunden Adrenalin ins Blut. "Das macht uns Kampf- oder Fluchtbereit. Das sind die beiden Reaktionen, auf die wir seit Urzeiten genetisch programmiert sind." Adrenalin sei gut verkraftbar, krank mache ein anderes Hormon. "Das Cortisol, das ausgeschüttet wird, wenn wir uns dauerhaft überfordert oder unglücklich fühlen." Chronischer, ungesunder Stress schlägt an den jeweiligen Schwachstellen des Körpers zu - Rücken, Magen, Psyche, Schlaf. "Viele schmerzhafte Rückenbeschwerden sind Stressfolgen - leider wird das oft falsch diagnostiziert und behandelt", sagt Bamberger.

Zwischen drei Stress-Typen wird unterschieden

Doch die Lage für Stressgeplagte ist nicht hoffnungslos. Jeder kann lernen, stressintelligent zu leben. Wie geht das? "Zunächst sollte per Test geklärt werden, welcher Stresstyp vorliegt. Die größte Gruppe ist die der Angespannten. Immer unter Strom, überehrgeizig, immer auf Empfang und nicht mehr in der Lage zu entspannen. Gefolgt von den Chaoten, bei denen fehlendes Zeitmanagement und eine unstrukturierte Lebensführung Stress auslöst. Schließlich gibt es noch die Gesundheitsmuffel, die keinen Sport treiben, rauchen und ihrem Körper eine ungesunde Ernährung zumuten.

Je nach Typ müsse also an den Hebeln Entspannung, Ordnung und Bewegung angesetzt werden, um mit Stress intelligenter umzugehen. Allen Typen empfiehlt Bamberger Elektronik freie Freizeiten und Ortswechsel im Urlaub, um wirklich abzuschalten. Wichtig sei der Abschied von übertriebenem Karriere-Ehrgeiz und besonders für Frauen der Abschied vom Perfektionsanspruch. "Keine Frau kann die perfekte Karriere-, Haus- und Ehefrau in einem sein", betont der Präventionsmediziner. Effektiver Stresskiller für alle Typen sei der Sport. "Wichtig ist, sich zu bewegen, drei Mal in der Wochen je 30 Minuten, selbst Spazierengehen bringt schon viel", betont Bamberger.

Eins nach dem anderen

Ohne Nachhaltigkeit kann es allerdings nicht klappen mit der Stressintelligenz. "Alles, was man für sich tun möchte, sollte sechs Monate durchgehalten werden - dann wird die neue, gesunde Gewohnheit zur Selbstverständlichkeit, zu der man sich nicht mehr aufraffen muss." Stressverstärker ist laut Bamberger das Multitasking. "Es ist gesünder, sich am Arbeitsplatz immer auf eine Sache zu konzentrieren, anstatt zwischen vielen Projekten hin- und herzu springen", rät Bamberger - auch den Arbeitgebern.

"Wer leistungsstarke, motivierte Mitarbeiter möchte, sollte für wohltuende Wertschätzung und Stress-Entspannung am Arbeitsplatz sorgen", rät der Präventions-Experte. Das würden immer mehr Chefs erkennen, wenn auch oft angetrieben vom drohenden Fachkräftemangel. Neben Sport- und Relax-Angeboten gewinne der "Neuro-Leaderschutz" - die neurowissenschaftliche Untersuchung der Mitarbeiter - immer mehr an Bedeutung.

Die eigene Erkenntnis verbessert die Zukunft

Gibt es heute denn tatsächlich mehr Stressquellen als noch vor 20, 30 Jahren? "Die Flut an Informationen und Optionen ist objektiv schon stressiger als die Reize, die vor 20 Jahren besonders auf berufstätige Menschen gewirkt haben", sagt Bamberger. Parallel seien Gesellschaft und Medien sensibler für das Thema Stress geworden, es sei kein Tabu mehr, sich zu einem Burn-Out zu bekennen. Diese Selbsterkenntnis sei der erste, unverzichtbare Schritt hin zu einem gesünderen Leben.

Sollten wir denn möglichst ganz ohne Stress leben? "Ohne Stress wäre unser Leben fad, aber er soll uns nicht krank machen oder schneller altern lassen", sagt der Mediziner, der in seinen erfolgreichen Büchern erklärt, wie jeder Mensch zehn gesündere und fittere Lebensjahre gewinnen kann. "Altern ist keine Krankheit, sondern ein Prozess, den man beeinflussen kann", sagt der so entspannt und jugendlich wirkende bundesweit einzige Professor für Endokrinologie und Stoffwechsel. Macht Bamberger für sich in Sachen Stress und Anti-Aging denn alles richtig? "Keinesfalls, auch mein Leben ist teilweise ungesund stressig." Na Gott sei dank. "Doch", so fügt er hinzu, "ich erkenne natürlich frühzeitig, wenn ich an meine Grenzen stoße - und steuere dann gleich gegen."

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