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Sport tut gut – auch bei der Dialyse

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Therapie für Nierenkranke: Gymnastik-Übungen und Ausdauertraining verbessern körperliche Fitness und seelisches Wohlbefinden

Manfred Meinhard legt sich ins Zeug. Gleichmäßig, aber mit ordentlich Nachdruck tritt er in die Pedalen. „Ich hau’ immer den schwersten Gang rein, und dann geht’s los“, sagt der 72-Jährige. „Ich bin das Strampeln ja gewöhnt.“ Das Ergometer, auch Bettfahrrad genannt, gibt ein leises Brummen von sich, synchron zum kaum hörbaren Ton des Dialysegeräts. Und während die Maschine sein Blut reinigt und Meinert strampelt, regt Physiotherapeutin Andrea Richhardt den Stoffwechsel ihres Patienten noch weiter an: Beugt seinen linken Arm und streckt ihn, bewegt ihn in Richtung der Füße und wieder zurück.

Sport treiben während der Dialyse: eine flankierende Therapie, die für den Nierenkranken viele Vorteile hat, wie Prof. Dr. Matthias Köhler, Chefarzt der Dialyse an der Helios Rehaklinik in Damp, erklärt: „Durch die Bewegung wird Muskelmasse aufgebaut und die Leistungsfähigkeit gesteigert.“ Positive Auswirkungen, die körperliche Aktivität selbstverständlich für Jeden habe – die für Dialyse-Patienten jedoch besonders wichtig seien. „Sie ernähren sich oft schlechter, weil sie weniger Appetit haben; ihr Stoffwechsel ist schwächer. Darum wird ihre Muskelmasse schneller abgebaut als bei gesunden Menschen.“ Außerdem verringerten sich die Entzündungswerte im Blut in Folge der Bewegung, der Blutdruck werde gesenkt. „Und das ist wiederum besonders wichtig für die Niere.“ Auch die Effektivität der Blutwäsche steige durch die Bewegung: „Wenn der Blutkreislauf angeregt wird, können die Schadstoffe darin besser transportiert und eliminiert werden.“

Für die Seele könne die Gymnastik ebenfalls Positives bewirken. Viele Dialyse-Patienten litten unter Depressionen, sagt der Nephrologe (Nierenspezialist). „Geht es ihnen körperlich besser, entwickelt sich langsam auch wieder das Gefühl, dass das Leben lebenswert ist.“ Vor allem ältere, schwache Menschen profitierten vom Trainingseffekt.

Erkenntnisse, die viele Studien inzwischen belegt hätten, die jedoch noch bis vor „zehn, 20 Jahren“ unter Medizinern kein Thema gewesen seien. Damals habe die Devise „Schonung“ gelautet. „Heute gibt es dagegen kaum noch Krankheitsbilder, bei denen man nicht vom positiven Effekt gezielter Bewegung ausgeht“, sagt Matthias Köhler.

Wie lang und intensiv diese ausfalle, hinge immer „individuell vom Patienten“ ab, betont Physiotherapeutin Andrea Richhardt. Während einige nur die Atemübungen mitmachten, hätten andere Freude daran, zwei Stunden am Stück das Ergometer zu benutzen.

Rund 3000 Blutwäschen werden an der Ostseeklinik jedes Jahr durchgeführt, an knapp 100 Frauen und Männern. Die meisten von ihnen sind Reha-Patienten, die nur für einige Wochen in Damp bleiben. Manfred Meinhard dagegen gehört zu den rund zehn „Stammgästen“, die in der Umgebung leben und regelmäßig kommen. Für alle steht die Gymnastik jeden Mittwoch auf dem Programm – mit Übungen, die die Ausdauer stärken, die Muskelspannung und Koordination verbessern. Etwa die Hälfte der Nierenkranken mache von dem Angebot Gebrauch, sagt Andrea Richhardt. Die Zögerlichen bräuchten mitunter ein wenig „liebevolle Überredung“. „Das wichtigste ist aber, dass es allen Spaß macht.“

Anfangs habe es Befürchtungen gegeben, dass die Sport-Therapie während der Dialyse zu riskant sei, erzählt Köhler. Denn nicht jede Blutwäsche laufe problemlos ab. „Wenn währenddessen der Blutdruck abfällt, muss der Patient es ruhiger angehen oder mit der Bewegung aussetzen. Die Therapie ist sicher und für jeden geeignet, außer für Schwerstkranke.“ Während sie in Damp zum Standardprogramm einer Rehaklinik gehört, steht sie den Patienten in Dialysepraxen jedoch nur eingeschränkt offen: Die Kosten werden von den Kassen nämlich in der Regel nicht übernommen.

Manfred Meinhard ist seit sieben Jahren auf die Dialyse angewiesen – seit seine Niere nur noch über eine Leistungsfähigkeit von unter zehn Prozent verfügte. Im November zog der ehemalige Ingenieur von Pinneberg nach Kappeln, um in der Nähe seiner Tochter und Enkelkinder zu leben. Drei Mal die Woche wird er in Damp für jeweils vier Stunden an die Maschine angeschlossen – und schätzt die Möglichkeit, „nebenbei was zu tun“. Was nicht bedeute, dass er an den übrigen Tagen „auf der faulen Haut liegt“, wie der 72-Jährige betont. Kraftübungen mit dem Expander und eine halbe Stunde auf dem Crosstrainer gehören zu seinem täglichen Fitness-Programm, ebenso wie Radtouren mit den Enkeln bei schönem Wetter. „Sauwohl“ fühle er sich durch die regelmäßige Bewegung. Und stellt klar: „Nur, weil man zur Dialyse muss, ist man ja noch nicht halbtot.“

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erstellt am 06.Feb.2014 | 00:31 Uhr

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