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Erfahrungsbericht : Sinas Kampf gegen den Krebs

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Angelina Jolie brachte die Diskussion über Krebs ins Rollen. Eine Betroffene berichtet der Jugendredaktion über ihre Erfahrungen mit der Krankheit.

shz.de von
erstellt am 28.Mai.2013 | 01:05 Uhr

Rendsburg | Eine Krankheit, die das ganze Leben verändert und wegen der man alles verlieren kann: Krebs. Momentan leben die Diskussionen rund um die Krankheit wegen Angelina Jolies Abnahme ihrer Brüste wieder auf. Wegen eines 87-prozentigen Risikos, das durch bestimmte Gene hervorgerufen wird, entschied sich die 37-jährige erfolgreiche Schauspielerin für den Verlust ihrer Brüste - um dem ihres Lebens entgegenzuwirken. Jolie hat 2007 ihre Mutter und vor wenigen Tagen ihre Tante aufgrund einer Brustkrebserkrankung verloren. Doch wie ergeht es Menschen, die diese Krankheit bereits im jungen Alter erleiden mussten - und sie besiegt haben?
Sina* hat genau diese Erfahrung gemacht: Bei der 17-jährigen Schülerin wurde im Alter von knapp zwei Jahren eine bösartige Neubildung gefunden, die Krebs verursacht, ein sogenanntes Neuroblastom. Es ist der dritthäufigste Tumor aller Krebserkrankungen im Kindesalter, wobei nur eines von etwa 5.000 Kindern im Durchschnitt betroffen ist. "Die Diagnose wurde nur durch Zufall gestellt. Meine Eltern haben mit mir einen Neuroblastomtest durchgeführt, der angeboten wurde", erklärt Sina. Natürlich hätte niemand mit einem positiven Ergebnis gerechnet.

Die Narbe erinnert einen einen Leben lang an die Krankheit


"Nach einiger Zeit rief ein Arzt bei uns zu Hause an und wollte, dass wir den Test ein weiteres Mal durchführen. Zu dieser Zeit hat meine Oma auf mich aufgepasst. Sie dachte zwar, dass ich diese Krankheit sowieso nicht habe, schickte aber dennoch einen neuen Teststreifen wieder zu dem Arzt. Wenn sie das nicht gemacht hätte, wäre ich jetzt vielleicht tot." Dann kam die Diagnose: Sina hatte ein Neuroblastom im Bauch, das bereits so groß wie ein Gänseei war und sich um die Bauchschlagader legte. Wäre dieser Tumor bei Sina nicht bemerkt worden, hätte sich dieser weiter ausgebreitet und die Bauchschlagader eingeengt. Außerdem waren auch Lymphknoten im Bauch befallen, dadurch entsteht die Gefahr einer erhöhten Ausbreitung der Krankheit.
Bereits zwei Tage später wurde dem kleinen Mädchen in einer riskanten Operation der Tumor abgeschabt. Dadurch, dass dieser so nah an der Bauchschlagader lag, ist eine weitere Schwierigkeit entstanden. Sina trägt von dieser Operation eine handlange Narbe am Bauch davon, die sie auch heute noch ihr Leben lang an diesen Kampf erinnern wird. Danach kam Sina nach Essen, um dort die nächste Zeit die unumgängliche Chemotherapie vornehmen zu lassen. "Insgesamt verbrachte ich damals ein halbes Jahr im Krankenhaus", erzählt Sina. In der Zeit der Chemotherapie fielen ihr büschelweise die Haare am ganzen Körper aus. "Ich hatte keine Wimpern, keine Augenbrauen und keine Haare mehr auf dem Kopf. Meine Eltern entschieden sich dann dazu, mein restliches Kopfhaar abzuschneiden."

Völlige Hilfslosigkeit für Eltern


Dazu kamen weitere Nebenwirkungen der Therapie: Sina wurde immer dünner, sodass ihr keine Kleidung mehr wirklich passte, denn sie übergab sich täglich auf Grund der Wirkstoffe, die durch einen sogenannten Portkatheter in den Blutkreislauf gespritzt wurden. Auch davon ist eine Narbe unter dem Schlüsselbein übrig geblieben, auch wenn sie sich heute im Großen und Ganzen wegen ihres jungen Alters zur Zeit der Krankheit nicht an alles erinnern kann.
"Für meine Eltern war diese Zeit natürlich auch ganz furchtbar und sie haben mir davon erzählt. Für sie ist es nicht einfach, darüber zu sprechen. Vor allem für meinen Vater war das hart, weil er selber Arzt ist und er mir nicht helfen konnte. Damals haben sie sich immer darum bemüht, dass es mir so gut wie möglich geht. Meine Mutter hat auch im Krankenhaus bei mir geschlafen", erzählt Sina. "Ich weiß auch noch, dass ich mit ganz vielen Kindern im Krankenhaus gespielt habe, die alle dasselbe oder viel schlimmere Schicksale hatten, die sie häufig auch nicht überlebt haben."

Das Glück an andere weitergeben


Durch diese frühe Erfahrung mit dem Tod und ihre eigene Krankheit hat Sina in Krankenhäusern immer noch ein bedrückendes Gefühl. "Mein Unterbewusstsein verbindet schlechte Erinnerungen mit diesem Ort", vermutet sie. Eins ist jedoch sicher: Jetzt ist Sina geheilt, das Risiko einer Krebserkrankung ist bei ihr genauso hoch wie bei anderen Menschen. Außerdem geht sie ungefähr alle zwei Jahre zu einer Vorsorgeuntersuchung. Trotzdem bleiben neben den Narben auch andere Folgen: Sina leidet an einer Hochtonschwerhörigkeit, die vermutlich durch die Tabletten und die Chemotherapie hervorgerufen wurde.
Außerdem ist ungewiss, ob Sina später selber Kinder bekommen kann. "Das wäre das Allerschlimmste für mich", sagt sie. Die Schülerin hat noch etwas gelernt: "Ich benutze niemals den Satz Das passiert mir eh nicht." Sie weiß, dass auch solche Krankheiten wie Krebs jeden treffen können. "Ich bin mir bewusst, dass ich viel Glück hatte. Deswegen möchte ich später gerne Menschen, die schwer erkrankt sind, helfen und mich für sie engagieren." Sina hat den Krebs besiegt, allerdings wird sie diese harte Zeit als kleines Kind immer begleiten.

* Name von der Redaktion geändert

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