Von 100 auf 0 an einem Tag : Sein neues Leben ohne Auto

Neue Freiheit auf zwei Rädern: Der Westerländer Hans Jessel führt seinen zunächst auf ein Jahr befristeten Selbstversuch weiter. Heute fühlt er sich beweglicher als mit Auto. Foto: privat
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Neue Freiheit auf zwei Rädern: Der Westerländer Hans Jessel führt seinen zunächst auf ein Jahr befristeten Selbstversuch weiter. Heute fühlt er sich beweglicher als mit Auto. Foto: privat

Ohne Auto - geht das? Und wie! Sylt-Fotograf Hans Jessel wagte vor zweieinhalb Jahren den Ausstieg. Jetzt ärgert er sich, dass ihm die Idee nicht schon früher kam.

shz.de von
07. April 2010, 05:59 Uhr

Der Sylter Hans Jessel zählt zu den renommiertesten Fotografen Deutschlands. Im September 2007 verkaufte der 54-jährige Westerländer seinen VW Bus, um ganz ohne Auto auszukommen. Aus dem anfänglichen Selbstversuch wurde ein im Wortsinn bewegteres Leben. Die Fragen stellte Frank Höfer.
Herr Jessel, wann haben Sie das letzte Mal den Bus verpasst?
Im vorletzten Winter. Ich kam mit vollem Fotogepäck aus den Lister Dünen und sah dem Bus in der Dunkelheit nur noch hinterher...
War das der Moment, in dem Sie sich ein Auto zurück gewünscht haben?
Nein. Ein Auto hätte ich mir gewünscht, als mir eine volle Kiste alkoholfreies Bier vom Gepäckträger gefallen ist. Schwerer Kollateralschaden. Da wurde es mit der Nachfolgekiste doch etwas zittrig.
Sie sind Fotograf mit schwerer Ausrüstung. Geht das auf einem Fahrrad?
Kein Problem. Ich habe Platz für vier große Fahrradtaschen und noch nie alle benötigt.
Was hat sich für Sie persönlich geändert?
Der bewusste Verzicht aufs Auto ging einher mit einer generellen Lebensumstellung: Entschleunigung, mehr Eigenbewegung, bewusstere Lebensführung. Das hat so gut hingehauen, dass ich den zunächst auf ein Jahr befristeten Versuch mit Freude weiterführe.
Sind Sie fitter geworden?
Erheblich! Ich war selber überrascht, wieviel Bewegung mir das Auto geraubt hat. Und wieviel wohler ich mich zu Fuß und auf dem Fahrrad fühle. Und ich ärgere mich ein bisschen, dass ich die Idee nicht schon früher hatte. Auto fahren macht faul, 70 bis 80 Prozent aller Fahrten sind eigentlich unnötig, das weiß ich heute.
Und finanziell? Sparen Sie oder zahlen sie drauf?
Mein VW-Bus kostete mich 620 Euro im Monat. Zwei Drittel dieser Summe habe ich "umgeschichtet" in eine Erste-Klasse-Bahncard, eine Ganzjahreskarte für die Sylter Verkehrsgesellschaft und eine Zweijahreskarte in der Fitnessinsel Westerland. Und ich habe mir den Traum vom Liegerad erfüllt. Der Spareffekt war aber nicht die Hauptmotivation. Mir ging es da durchaus um mich und um mein Verhältnis zu meiner Umwelt.
Leihen Sie sich auch mal ein Auto? Oder fahren per Anhalter?
Ich habe mir in den zurückliegenden zweieinhalb Jahren drei Mal ein Auto für jeweils einen Tag gemietet - für Transporte zwischen Sylt und Hamburg sowie zur Hochzeit meiner Tochter. Per Anhalter fahre ich gerne, kommt aber selten vor.
Wie hat Ihr Bekanntenkreis reagiert? Sylt ist ja nicht grad für seine autofreien Straßen bekannt.

Der Bekanntenkreis weiß ja, dass ich einen Spleen habe. Problematischer ist der Rest meiner Umgebung. Vielen ist offensichtlich klar, dass ich entweder pleite gegangen bin oder zumindest den Führerschein abgeben musste. Auch das wurde mir klarer denn je: das Auto als Prestigeobjekt hat immer noch eine gewaltige Bedeutung.
Ihr Tipp an andere, die gerne auf ihr Auto verzichten würden, sich den Schritt aber nicht trauen?
Ins kalte Wasser springen. Gar nicht erst anfangen nachzudenken, bis die bekannten Ausreden kommen. Auto verkaufen... und das neue Leben beginnt!

Autofrei leben! e.V.
Der Verein Autofrei leben! e.V. ist Plattform und Sprachrohr für Menschen ohne Auto und solche, die es werden wollen. Der bundesweit aktive Zusammenschluss wird in Schleswig-Holstein durch den Lübecker Robert Steinmetz vertreten. Tel. 0451/7982802, E-Mail: robertsteinmetz@gmx.de.

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