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Schmerztherapie : Schmerzklinik wird zum Exportschlager

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Kieler Experten kooperieren mit Kopfschmerz- und Migränezentrum in Japan. In ihren Augen werden Beschwerden oftmals nicht adäquat behandelt. Das soll sich ändern.

shz.de von
erstellt am 10.Apr.2013 | 08:12 Uhr

Kiel | Bereits in der Vergangenheit hat die Kieler Schmerzklinik einen Austausch mit den USA und Dänemark gepflegt. Jetzt erobert sie auch Asien. Seit kurzem kooperiert die Einrichtung mit einem Kopfschmerz- und Migränezentrum in Tokio. Die Klinik wird zum Exportschlager.

"Das hat sich ergeben, als eines Tages Professor Fumihiko Sakai angerufen hat", erinnert sich Klinikleiter Hartmut Göbel. Der Auftrag des japanischen Kollegen am anderen Ende des Apparates kam dabei von höchster Stelle. Die Regierung hatte den Präsidenten der japanischen Kopfschmerzgesellschaft beauftragt, weltweit nach Fachleuten und Therapieformen Ausschau zu halten, um Kopfschmerzen und Migräne besser behandeln zu können. Für Göbel durchaus nachvollziehbar. "Wer gesundheitspolitisch denkt, muss hier Prioritäten setzen", sagt er.

Kopfschmerzen stehen selten auf dem Lehrplan

In Japan sei genau dies der Fall. Die Gesundheit allgemein spielt in dem ostasiatischen Land seit jeher eine große Rolle. Das Gesundheitssystem galt lange Zeit als eines der besten und effektivsten der Welt. Heute sind die Japaner das Volk mit der höchsten Lebenserwartung, der niedrigsten Kindersterblichkeit und der ältesten Bevölkerung überhaupt.

Kopfschmerzen haben gerade im Laufe der vergangenen 15 Jahre seitens der japanischen Forschung zunehmend mehr Aufmerksamkeit erfahren - ein Umstand, den der Kieler Mediziner in Deutschland vermisst. "Wir unterscheiden heute 250 verschiedene Kopfschmerzformen", so Göbel. Doch dieser Zahl stehen nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gerade einmal vier Stunden gegenüber, die weltweit durchschnittlich in der Ausbildung junger Mediziner auf das Thema Kopfschmerz verwendet werden. Entsprechend beklagt die Organisation mit Sitz in Genf dann auch, dass eine vernünftige Versorgung von Kopfschmerzpatienten oft fehle.

Wissensexport nach Asien

In vielen Gesundheitssystemen würden diese Beschwerden "nicht adäquat wahrgenommen, werden lückenhaft diagnostiziert und inadäquat behandelt", so ihre Einschätzung. In Japan soll sich dies ändern - und Hartmut Göbel soll den Ostasiaten dabei helfen. Ende März reiste der Professor aus Kiel zuletzt nach Fernost, um an einer sogenannten Kopfschmerz-Meisterschule (englisch "Masterschool") teilzunehmen.

"Es ist wirklich erstaunlich, wie strategisch koordiniert die Kollegen dort in gesundheitspolitischer Hinsicht vorgehen", erinnert sich Göbel. Zu der Veranstaltung waren über ein Dutzend Kopfschmerzexperten aus der ganzen Welt als Dozenten angereist, um Teilnehmern aus Japan, China und anderen Ländern der Region Möglichkeiten zur Behandlung von Kopfschmerzen und Migräne aufzuzeigen.

Auch aus der Vergangenheit kann man Lehren ziehen

Laut WHO haben in Europa über 80 Prozent der Erwachsenen einmal im Jahr spannungsbedingte Kopfschmerzen und 15 Prozent einen Migräneanfall. Weltweit soll die Verbreitung dem Kieler Experten zufolge ähnlich sein. Migräne und Kopfschmerzen seien keine Zivilisationskrankheiten. "Die Migräne gibt es schon, seit es Menschen gibt", betont Göbel. Madame Curie nennt er als Beispiel - und den Apostel Paulus. Anders als die bisherigen Kooperationspartner der Kieler Einrichtung ist Japan in vielerlei Hinsicht besonders. Teils jahrhundertealte Traditionen werden bis heute gepflegt - mit Folgen für die Medizin wie auch die Gesellschaft.

"Tatsächlich ist es so, dass es in Japan die wissenschaftliche und die traditionelle Medizin gibt", erklärt Göbel. Beide Formen existierten nebeneinander her. Von der Regierung sei das auch so gewollt, sagt der Mediziner und plädiert dafür, auch von der "vorwissenschaftlichen Medizin", wie er sie nennt, zu profitieren. "Da müssen wir ganz offen sein." Erfolgreiche Beispiele habe es dafür in der Vergangenheit bereits gegeben - Aspirin etwa.

Vermeidbare Kosten

Man erdulde mehr, weiß Göbel weiter über seine Erfahrungen mit Patienten im Land der aufgehenden Sonne zu berichten. Für die Politik in Japan sei es deshalb aber wohl nur umso wichtiger, den Menschen Erleichterung zu verschaffen. "Letztlich geht es ja auch darum, dass diese der Wirtschaft als Ressource wieder zur Verfügung stehen."

Nach Angaben der WHO kosten Kopfschmerzen und Migräne die Volkswirtschaft jährlich 155 Milliarden Euro. Allein in Deutschland gehen Experten bedingt durch Fehlzeiten und Arbeitsausfälle von Kosten von mehr als 800 Millionen Euro aus. Am Ende gehe es bei Kopfschmerzen und Migräne eben auch um Schicksale und Lebenswege, sagt der Mediziner und verweist etwa auf junge Menschen, die ihre Schule oder Ausbildung aufgrund der Erkrankung abbrechen müssen.

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