Rheuma : Schmerzhafte Unterversorgung

Auf einen Termin beim Rheumatologen müssen Patienten lange warten. Foto: dpa
Auf einen Termin beim Rheumatologen müssen Patienten lange warten. Foto: dpa

Schleswig-Holstein leidet an einem Rheumatologen-Mangel, der gesundheitliche Nachteile für viele Betroffene nach sich zieht. Besonders die monatelangen Wartezeiten verärgern die Patienten.

Avatar_shz von
12. September 2012, 11:24 Uhr

Kiel | Gerda Fröhlich hat Glück. Ihr geht es im Moment ganz gut, wie sie sagt. Trotz ihres Rheumaleidens. Auf einen dringenden Termin beim Arzt ist sie derzeit nicht angewiesen. Zum Glück. Denn sonst hätte sie schlechte Karten. Sechs bis sieben Monate müssen Patienten auf einen Termin bei einem internistischen Rheumatologen warten. Für dieses Jahr sei so gut wie nichts mehr zu machen. "Es ist eine miserable Versorgung", sagt Fröhlich, die auch im Vorstand der Rheuma-Liga Schleswig-Holstein aktiv ist. Notfalltermine gibt es nur noch bei entzündlichen rheumatischen Erkrankungen, und bei Anmeldung durch den überweisenden Arzt. "Aber das sind nur die schlimmsten Fälle", sagt Fröhlich.
Durch eine frühe Diagnose und Therapie können bei eben jenen entzündlichen rheumatischen Erkrankungen Gelenkzerstörung, Invalidität, Organschäden und eine Verkürzung der Lebensdauer verhindert werden. Was in der Theorie sehr vernünftig klingt, gestaltet sich in der Praxis schwierig. Das Problem ist die ärztliche Versorgung - vor allem in Schleswig-Holstein, wie die Rheuma-Liga beklagt. Nach einem Memorandum der deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRb) würden im nördlichsten Bundesland 39 internistische Rheumatologen benötigt, niedergelassen sind allerdings gerade einmal 15, wie Dr. Helge Körber aus Elmshorn, Landesvorsitzender der Rheumatologen, erklärt.
Ärztemangel im Westen des Landes
Und auch der Wert verringert sich bei einem genaueren Blick. Vier der Ärzte arbeiten als Hausärzte, ausschließlich mit Rheuma-Patienten beschäftigen sich gerade einmal fünf Ärzte, gibt Dr. Pontus Harten zu bedenken. Der Kieler Rheumatologe ist zugleich Vizepräsident der Rheuma-Liga Schleswig-Holstein. Er selbst konnte dem Ansturm an Patienten in letzter Zeit kaum gerecht werden, auch seine Praxismitarbeiter hätten bis zur Erschöpfung gearbeitet.
An der Westküste ist gar keine internistische rheumatologische Praxis niedergelassen. Allerdings gibt es noch vier Klinikambulanzen im Land, die aber wegen ihrer Forschungs- und Lehraufgaben nur eingeschränkt an der Regelversorgung teilnehmen können. Dabei gehen verschiedene deutsche und europäische Studien davon aus, dass knapp zwei Prozent der Erwachsenen an entzündlich-rheumatischen Systemerkrankungen leiden. In Schleswig-Holstein wären das in etwa 55.000 Menschen.
Ein langer Weg, den wenige gehen
Der Mangel an Fachärzten hat seine Gründe - zeitliche, finanzielle und gesundheitspolitische. Der Weg zum Rheumatologen ist lang, genau genommen 14 Jahre. Zwölf Semester sind in etwa durchschnittlich für das Medizinstudium einzuplanen. Weitere sechs Jahre dauert die Ausbildung zum Facharzt für innere Medizin. Dem wiederum schließt sich die Weiterbildung zum Rheumatologen an. Drei Jahre dauert die, wobei man sich ein Jahr parallel zur Qualifikation zum Internisten anrechnen lassen kann. "Bis ein Arzt eine Oberarztstelle antreten oder sich niederlassen kann, dauert es sehr lang", sagt Dr. Körber. Für die meisten zu lang.
Zudem gibt es nur noch wenige Weiterbildungsstellen. "Das ist ein Ergebnis der rigiden Gesundheitspolitik", moniert der Elmshorner Mediziner. Vor allem der Niedergang der stationären Rehabilitation habe einen gehörigen Einfluss gehabt. Ein drittes wichtiges Argument: Im Konkurrenzkampf der Fachabteilungen kann die Rheumatologie auch nicht mit finanziellen Anreizen punkten. Vielmehr stehen Rheumatologen in der Honorartabelle auf einem der unteren Plätze. Leidtragende sind davon in erster Linie allerdings die Rheuma-Patienten.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen