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Interview mit Norbert Buhles : "Schlick und Matsche" für die Gesundheit

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Norbert Buhles, Chefarzt der Nordseeklinik für Allergologie und Dermatologie, verrät im Interview, was ihn an dem "Gesamtpaket Sylt" auch nach 25 Jahren noch reizt.

shz.de von
erstellt am 08.Mai.2013 | 08:53 Uhr

Westerland | Über 80.000 behandelte Patienten und mehr als 500 Fachvorträge - seit 25 Jahren wirkt Dr. Norbert Buhles (60) in der Abteilung Dermatologie und Allergologie, die er seit 1991 als Chefarzt leitet. Im Interview verrät der gebürtige Pfälzer, warum Baggermatsch für Kinder wichtig ist und wie er es so lange auf der Insel ausgehalten hat.
Sind Sie damals wirklich nur deshalb nach Sylt gekommen, weil das Klima hier optimal für die Therapie von Hauterkrankungen ist? Es hätte also irgend eine andere Nordseeinsel sein können?
Es war das Gesamtpaket Sylt, das mich gereizt hat. Auf keiner anderen Insel gab es damals Kliniken, die sowohl einen Akut- wie einen Reha-Bereich haben. Aus dieser Situation ließ sich viel für die Patienten entwickeln. Sylt ist aber auch klimatologisch anders als andere Nordseeinseln. Hinzu kam, dass hier städtische Infrastruktur und Natur besser harmonieren als auf anderen Insel. Mit anderen Worten: Hier ist es im Winter nicht so trist wie anderswo.
Was macht unser Insel-Klima so besonders bei der Behandlung vieler Haut- und Allergie-Erkrankungen?
Nur hier gibt es eine Pollensituation wie auf der Hochseeinsel Helgoland - also eine sehr geringe Pollenbelastung, die wir übrigens regelmäßig durch eine Pollenfalle messen. Dazu haben wir aufgrund der Lage der Insel und der übrlichen Windrichtung kaum industriellen Eintrag von Schadstoffen und Inhalations-Allergenen (Allgergen ist eine Substanz, die über Vermittlung des Immunsystems Überempfindlichkeitsreaktionen auslöst, Anm. d. Red.) und eine gute Sortierung der Sonnenstunden, die wir zum Beispiel auf unserer klinikeigenen Therapiedüne ausnutzen.
Aber warnt nicht gerade Ihre Zunft immer davor, sich zu viel der Sonne auszusetzen?
Sonne ist Leben, sie kann heilen und sie kann schaden. Aus dermatologischer Sicht ist sie auch so etwas wie ein Medikament - und da kommt es auf die Dosis an. Die Behandlung mit Sonne bezieht sich nur auf bestimmte Erkrankungen und beispielsweise auch nicht regelmäßig auf die Mittagssonne. Das langwellige UV-Licht, das den Neurodermitikern gut tut, haben wir bis etwa zehn, elf Uhr und dann wieder ab 15, 16 Uhr.
Es ist andererseits wissenschaftlich bewiesen, dass Menschen, die vor dem 18. Lebensjahr mehr als fünf schwere Sonnenbrände haben, ein Erhöhung des Melanom-Risikos, also des Risikos, an Hautkrebs zu erkranken, von 2,3 Prozent haben - das ist enorm. Umso wichtiger ist es gerade auf einer Insel wie Sylt, die Sonne mit Verstand einzusetzen. Stichwort: Sonnenschutzfaktor Vernunft. Dazu gehört auch der Mittagsschlaf, die Siesta im Schatten - das tut dem ganzen Körper gut und trägt dazu bei, länger mit guter Lebensqualität leben zu können. Daher wird dies auch von Rehabilitationswissenschaftlern empfohlen.
Das heißt, bei der Behandlung kommt es nicht nur auf die richtigen Medikamente an...
Nein, auch auf die sogenannte die Psycho-Immunologie. Jeder Allergiker weiß, dass er auf das gleiche Allergen nicht immer in gleicher Stärke reagiert. Die Reaktionsbereitschaft hängt auch von der seelischen Verfassung ab. Wer gut drauf ist, kann in der Regel mehr Allergen-Stress ab. Daraus resultieren verhaltensfördernde Schulungen: der eine braucht Entspannung durch autogenes Training, der andere bewältigt Stress durch Sport am besten...
Wenn unser Klima hier kranke Menschen heilt, müsste es im Umkehrschluss doch bedeuten, dass die Sylter wegen des guten Klimas seltener an Allergien und Hauterkrankungen leiden als der Durchschnittsdeutsche…
Das ist für die Dermatologie nicht erforscht, wäre aber mal interessant zu wissen. Aber wir wissen, dass in Deutschland etwa jeder Zehnte Neurodermitis hat. Und aus meiner Erfahrung würde ich bezweifeln, dass es auf Sylt 2 000 Neurodermitiker gibt. Allerdings muss man auch bedenken, dass wir zwar eine allergenarme Situation haben und von der Sonne verwöhnt sind, uns aber anders als die Patienten, die zur Rehabilitation herkommen, auch akklimatisiert haben. Das ist normal, wenn man sich irgendwo länger als acht Wochen aufhält. Damit wirken auch nicht mehr die Klimareize auf das Immunsystem - dies funktioniert nur durch Klimawechsel. In der Regel folgt dann auf eine immunologische Chaosphase, in der der Patient herkommt, nach etwa 14 Tagen eine Ordnungsphase, in der sich die Haut- und Teile der Atemwegssituation verbessern. Deswegen sagen wir unseren Patienten auch: Kommt regelmäßig drei bis vier Wochen auf die Insel.
Der Anteil der Sylter unter Ihren Patienten ist also eher gering.
Ich denke schon, dass ich in meiner Zeit hier, etwa acht- bis zehntausend Sylter Patienten hatte. Man darf nicht unterschätzen, was hier auch in der Ambulanz durchläuft. Das sind zehn bis 15 Prozent meiner Patienten. Etwa die Hälfte aller Patienten kommt von außerhalb Schleswig-Holsteins, wobei der Anteil im Reha-Bereich natürlich höher ist.
Die Sylter Hautklinik ist nicht nur eine anerkannt medizinische Reha-Einrichtung, wir haben sie auch zu einer veritablen Akutklinik mit fast 40 Betten geformt, die nicht nur die stationäre Versorgung des nördlichen Schleswig-Holstein durchführt, sondern bundesweit den Patienten mit Neurodermitis, Psoriasis, Bindegewebserkrankungen und chronischen Wunden offen steht. Das ganzheitliche Konzept, inklusive Ergotherapie, Psychologie, physikalische Therapie, ist geeignet die Lebensqualität dieser chronisch Kranken nachhaltig zu verbessern.
Erkranken heute mehr Menschen in Ihren Fachbereichen Dermatologie und Allergologie als noch vor 25 Jahren?
Allein schon durch den demographischen Wandel nehmen die Hauttumore zu - die Häufigkeit steigt alle zehn Jahre um das 1,5-Fache. Und auch unsere Lebensweise trägt dazu bei, dass wir mehr Allergien bekommen. In einem reizarmen Umfeld reagieren die Allergiezellen eher mal auf harmlose Pollen oder auch Bestandteile des Modeschmucks - Stichwort Nickelallergie.
Werden Hauterkrankungen und Allergien vererbt oder erwerben wir sie durch unsere Lebensweise oder Umwelteinflüsse?
Sowohl als auch. Es gibt sicherlich bei beidem eine gewisse familiäre Veranlagung. Andererseits ist es durchaus sinnvoll, dass wir Bauernhof- oder Waldkindergärten fördern, wo sich die Kinder in der Natur bewegen und nicht in einem übertrieben hygienischen Umfeld. Schlick und Matsche sind allergologisch und dermatologisch zur Gesunderhaltung des Immunsystems sinnvoll.
Lassen sich Hauterkrankungen wie zum Beispiel Schuppenflechte eigentlich heilen?
Heilen kann kein Arzt. Wir können aber durch die Kombination verschiedenster Therapien die Lebensqualität deutlich verbessern. Das belegen unsere Studien, die wir an unseren Patienten durchgeführt haben.
Sie setzen sich nicht nur bundesweit für den fachlichen Austausch ein, sondern auch für die Präventionsarbeit. Gibt es einfache Tipps, wie junge Menschen, die womöglich eine Veranlagung aufweisen, Allergien oder Hauterkrankungen vorbeugen können?
Auch hier gilt: Weniger ist manchmal mehr. Das gilt für Fastfood, für Alkohol, aber auch für übertriebene Hygiene im Haushalt. Genauso für die Angst vor Felltieren oder auch vor der Sonne. Wenn wir uns schon früh im Jahr regelmäßig der Sonne aussetzen und uns an sie gewöhnen, entwickelt die Haut eine sogenannte Lichtschwiele. Die Haut wird nicht nur braun, sondern auch dick und baut von selbst einen Lichtschutzfaktor 8 auf. Das erklärt, warum Bauern und Seeleute seltener an Schwarzem Hautkrebs erkranken. Eine gesunde Mischung aus Sonne und textilem Schutz ist besser als sich einzukapseln. Sonnenbrand sollte man aber unbedingt vermeiden.
Dass sie jetzt 25 Jahre auf Sylt sind, kann ja nicht nur am Job liegen, oder? Kranke gibt es überall und bessere Jobs wurden Ihnen bestimmt auch angeboten. Was ist also der wirkliche Grund?
Ach, der Job alleine ist schon sehr spannend. Wir werden hier von anderen Dermatologen auf dem Festland beneidet und nicht umsonst regelmäßig gebeten, Fachvorträge zu halten. Aber ich hatte auch sehr viel Glück, als ich anfing, auf dieser Insel zu leben. Ich fand als Segler sehr schnell Kontakt zum Hörnumer Catamaran Club und zu den Friesen. In den ersten Jahren habe ich im Winter regelmäßig Sprachkurse bei Maike Ossenbrüggen absolviert. Ich habe schon immer sehr für die Traditionen und Bodenständigkeiten der Region interessiert, in der ich gelebt habe. Und dann gab es natürlich die Gründung der Familie - meine Kinder sind beide in der Nordseeklinik geboren. Das alles verbindet natürlich sehr. Und dann bietet die Insel ja sehr viele sozialen Vernetzungen, wenn man es denn will. Ich vergleiche die Inselgemeinschaft immer mit Dünengras: Das wächst nur, wenn es breit wurzelt, aber es kann auch schnell mal eine Wurzel zertreten werden. Außerdem bin ich nicht der Typ für großstädtisches Flair, ich mag es eher klein- oder mittelstädtisch.
Interview: Jörg Christiansen

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