Ärzte-Patienten-Verhältnis : Schlichter-Boom in Schleswig-Holstein

Immer mehr Menschen suchen den Rat bei einem Schlichter und entscheiden sich gegen eine Klage. Foto: dpa
Immer mehr Menschen suchen den Rat bei einem Schlichter und entscheiden sich gegen eine Klage. Foto: dpa

2011 konnten der Verein der Ombudsleute 32 Prozent mehr Fälle verzeichnen. Häufig sorgten Kommunikationsprobleme mit dem Arzt für Unmut bei den Patienten.

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11. September 2012, 09:47 Uhr

Kiel | Immer mehr Kranke suchen Hilfe bei einem Schlichter: Noch nie wurde der Verein der Patienten-Ombudsleute in Schleswig-Holstein so häufig angerufen wie im vergangenen Jahr: 1.414-mal. Das sind 32 Prozent mehr Fälle als 2010, wie aus der jetzt veröffentlichten Statistik der Ombudsleute für 2011 hervorgeht.
Die mit Abstand häufigste Ursache für das Anrufen der vermittelnden Instanz waren Kommunikationsprobleme: 397 Fälle sind in dieser Kategorie verzeichnet, die meisten davon im Verhältnis zwischen niedergelassenen Ärzten und Patienten (189) - aber auch im Kontakt mit Krankenkassen (101) und Kliniken (87). "Das zeigt, dass Ärzte manchmal sehr gehetzt sind und die Patienten sie nicht verstehen", sagt Heide Simonis, Vorsitzende des von Ex-Sozialminister Günther Jansen initiierten Ombuds-Vereins. "Wenn Sie nach Hause gehen, ohne die Begriffe des Arztes zu kapieren, werden Sie ja eher noch kränker", meint die einstige Ministerpräsidentin. Wichtig ist ihr, "dass wir nicht einfach auf anderen rumhacken wollen, sondern uns die Mühe machen, uns die Abläufe genau anzugucken." Das Arzt-Patienten-Verhältnis kann nach Einschätzung Simonis "nur so gut sein wie das Gesundheitssystem an sich."
Unzufriedenheit durch scheinbare Abfertigung
Das lasse einem niedergelassenen Mediziner im Durchschnitt gerade einmal siebeneinhalb Minuten Zeit pro Patient, zitiert der Jahresbericht eine Studie. "Die Zahlen zu Kommunikations-Defiziten sollten warnen", schlussfolgern die vier Patienten-Ombudsleute Andreas Eilers (Mittelholstein), Regina Klingsporn (Landesteil Schleswig), Klaus Jürgen Horn (Dithmarschen/Unterelbe) und Henning Steinberg (Schleswig-Holstein-Südost) in ihrem Resümee für 2011. Ihre Diagnose: "Wenn das Arzt-Patienten-Gespräch nicht beide Seiten zufriedenstellt, bleibe meist auch die Behandlung wenig erfolgreich." Ärzte hörten nicht genug zu, zeigten kein ausreichendes Interesse und verwendeten zu viele Fremdwörter: diese Kritikpunkte liegen den meisten Beschwerden zu Grunde, die bei den Ombudsleuten landen. "Will der Patient nachfragen, hat sich der Arzt schon verabschiedet", geben die Ombudsleute ihre Eindrücke ihrer Schützlinge wieder.
Auf Platz zwei der Statistik stehen mit 226 Fällen Fragen und Kritik im Zusammenhang mit verordneten oder auch gerade nicht verordneten Heilmitteln. 221 Schleswig-Holsteiner äußerten einen Verdacht auf einen Behandlungsfehler. 174 stellten Rechtsfragen, 136 baten um Hilfe beim Thema Abrechnung.
Nachfragen statt Verklagen
Im Jahresvergleich noch stärker nach oben geklettert sind die Anfragen an die Pflege-Ombudsleute: Sie stiegen um 48,5 Prozent auf 205. Für Heide Simonis spiegelt der Boom insgesamt eine wachsende Bekanntheit des in Bad Segeberg ansässigen Ombudswesens, aber auch "ein wachsendes Gefühl von Ungerechtigkeit" wider. "An irgendeiner Stelle läuft etwas nicht glatt." Ebenso spiele ein gesteigertes Selbstbewusstsein sowohl von Patienten als auch den Angehörigen von Pflegebedürftigen eine Rolle: "Heute schluckt keiner mehr etwas so ohne weiteres."
Im Mittelpunkt der Schlichtung stehe für die Ombudsleute, die Beschwerden "möglichst geräuschlos" - also ohne Gerichtsprozess - aus der Welt zu schaffen. Der Ehrgeiz dazu sei auf beiden Seiten vorhanden - weil es schneller gehe und besonders hohen Arbeitsaufwand vermeide, den eine Klage auf dem Rechtsweg mit sich bringe. Damit helfen die Ombudsleute, so Simonis, "ein Stück mit, um sozialen Frieden aufrecht zu erhalten."
Auch Ärzte wünschen einen Wandel
Für Delf Kröger, Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung (KVSH), bestätigen die von den Ombudsleuten monierten Kommunikationsprobleme "ein Defizit, das auch die Ärzte sehen". Der so genannte Ärzte-Monitor zur Zufriedenheit des Berufsstands habe kürzlich aufgedeckt, dass die Mediziner nach eigener Einschätzung ebenfalls zu wenig Zeit für die Patienten bleibe. Als Hauptgrund gibt die KVSH die immer weiter gestiegene Bürokratie durch Anfragen der Krankenkassen an - den Punkt, der auch bei der derzeitigen Diskussion über einen Ärzte-Streik im Mittelpunkt steht.

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