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Risiko-Transplantation als letzte Chance

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Chirurgen der Kieler Uniklinik wagen Lungen-Verpflanzung, obwohl die Patientin einen hochgefährlichen Keim im Körper hat

shz.de von
erstellt am 29.Apr.2015 | 09:37 Uhr

Seit 30 Jahren singt Roland Kaiser über Liebesleid und Liebeslust – seit fünf Jahren mit neuer Lunge und mit neuer Energie. 40 Konzerte im Jahr schafft er wieder locker. Ein lebender Beweis dafür, dass Lungentransplantationen oft sehr erfolgreich verlaufen und für die Mediziner zwar eine Herausforderung, aber kein Hexenwerk mehr sind.

An Hexenwerk grenzt da schon eher, was kürzlich in der Kieler Universitätsklinik glimpflich ablief. Nach sechs Monaten Klinikaufenthalt konnte dort eine 50-jährige Patientin in die Reha entlassen werden – nach einer erfolgreichen Doppel-Lungentransplantation durch die Experten der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie. Die Bedingungen dieser aufwändigen Organtransplantation waren nicht nur hinsichtlich der langwierigen Lungenersatztherapie komplex, sondern auch durch die Besiedlung mit dem gefährlichen Keim Acinetobacter baumannii 4  MRG, der Anfang des Jahres in Kiel sein Unwesen trieb und bundesweit für Wirbel sorgte.

Der Patientin blieb, als sie im Oktober im Kieler Uniklinikum aufgenommen wurde, nur noch die Hoffnung auf eine neue Lunge. Krank war sie schon seit mehreren Jahren, zuletzt konnte sie sich nur noch mit Heimbeatmung und häuslicher Sauerstofftherapie über den Tag retten. Im vergangenen Oktober kam es dann infolge einer Lungenentzündung zum Lungenversagen, das sich unter alleiniger Beatmungstherapie nicht mehr stabilisieren ließ. Fatal, denn die Lunge ist eines der wichtigsten Organe im Körper und ermöglicht es, Blut mit frischem Sauerstoff zu versorgen. Ohne Lungen gibt es kein Überleben.

„Unter Einsatz eines Lungenersatzverfahrens, bei dem das Blut der Patientin über künstliche Membranen geleitet und ununterbrochen direkt mit Sauerstoff angereichert wird, gelang es, die Patientin am Leben zu halten“, berichtet Professor Burkhard Bewig (Klinik für Innere Medizin, Bereich Pneumologie und Intensivmedizin). Eine Entwöhnung von dem System war unmöglich, sodass als einzige Therapie die Transplantation blieb.

Doch dann wurde im Dezember auf der Hautoberfläche der Patientin das aus Südeuropa auf die Kieler Intensivstation eingeschleppte antibiotika-resistente Bakterium entdeckt. Sorgfältig diskutierte ein interdisziplinäres Expertenteam, ob angesichts dieser zusätzlichen Komplikation überhaupt operiert werden konnte. Die Wundfläche ist nämlich bei einer Transplantation sehr groß, und bietet ein Einfallstor für eine nicht therapierbare , generalisierte Infektion. „Zudem ist der Patient durch den Eingriff und die Medikamente stark geschwächt und die Immunabwehr massiv herabgesetzt“, beschreibt Bewig die Situation.

Deshalb wurde auch die Bundesärztekammer einbezogen sowie Eurotransplant, verantwortlich für die Zuteilung von Spenderorganen in acht europäischen Ländern. Eurotransplant stufte die Operation als „nicht unethisch“ ein. Die letzte Entscheidung überließen die Kontroll-Institutionen dem Ärzteteam in Kiel. „In einer solchen Situation die Verantwortung übernehmen zu müssen, fällt schwer“, sagt Professor Jochen Cremer, Chef der Klinik für Herz- und Gefäßchirurgie. „Obwohl es ernst zu nehmende, kritische Überlegungen gab, haben wir uns für die einzig verbleibende Chance entschieden, unserer Patientin mit einer Organtransplantation zu helfen.“ Er leitete die zehnstündige Hochrisiko-Operation ein.

Die gute Nachricht: Trotz äußerst kritischer Ausgangsbedingungen erholte sich die 50-jährige Frau von dem Eingriff, ohne dass es zu einer Infektion oder Organabstoßung gekommen ist. „Nach konsequentem Kraftaufbau ist es gelungen, die Patientin von der Beatmung zu entwöhnen und so zu mobilisieren, dass sie nach fast sechs Monaten Intensivtherapie selbstständig auf dem Klinikflur spazieren gehen konnte“, berichtet Cremer. Mittlerweile trainiert sie in einer spezialisierten Reha-Klinik – mit dem Ziel, baldmöglichst nach Hause zu kommen.

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