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Ernährung & Gesundheit

25. November 2017 | 12:39 Uhr

Rheuma-Kinder in der Warteschleife

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Eltern von 300 kranken Kindern fordern Fortsetzung ambulanter Therapie in Bad Bramstedt / Krankenkassen verweigern Kostenübernahme

shz.de von
erstellt am 24.Jun.2015 | 10:33 Uhr

Im Juli geht es los. Für zwei Wochen auf Ferienfreizeit nach Dänemark. Mit anderen Kindern toben, baden, Spaß haben. Dass Amy dabei sein kann, war bis vor kurzem unvorstellbar: Die elfjährige Flensburgerin saß im Rollstuhl. 2013 hatte sich ihr Rheuma erstmals in den Füßen bemerkbar gemacht, dann befiel die Krankheit sämtliche Gelenke. Die Schmerzen wurden mit jedem Schub schlimmer, regelmäßiger Schulbesuch und Spiele mit Freunden unmöglich. Heute, sagt Amy, geht es ihr „viel besser“ – wegen der Infusionen, die sie alle vier Wochen bei dem Bad Bramstedter Kinder-Rheumatologen Dr. Nikolaj Tzaribachev bekommt. Doch die Tage der erfolgreichen Therapie sind gezählt: Am 30. Juni fließen die letzten ambulanten Infusionen. Amy und 300 weitere schwerkranke Kinder müssen sich einen anderen Behandlungsort suchen. Ob und wo sie ihn finden werden, ist völlig offen.

Der Grund für das Aus: Anders als Krankenhäuser kann der niedergelassene Kinderarzt diese Therapie nicht über die Krankenkassen abrechnen. Aus Sorge um die Gesundheit ihrer Kinder gehen die ersten Familien jetzt gerichtlich gegen die Ablehnungsbescheide ihrer Kassen vor. Die hatten die letzte Hoffnung auf eine Weiterführung der Infusionsgabe Anfang Mai zerschlagen: Es werde keine Sonderregelung für ihn geben, teilten sie Tzaribachev mit. Bislang hatte die Kassenärztliche Vereinigung Schleswig-Holstein mit einer Ausnahmeregelung ausgeholfen. Die Frist läuft in fünf Tagen ab, dann müssen die 300 jungen Patienten zur Behandlung an Krankenhäuser in Kiel, Lübeck oder Heide.

Die Eltern befürchten, die Diagnostik noch einmal durchlaufen zu müssen und nicht dieselbe, wirksame Behandlung zu erhalten. „In der Uni-Klinik wurde mir gesagt, dass dort alles neu untersucht und dann über die Medikamente entschieden wird“, sagt Claudia Wittenburg. „Dabei wurde schon alles mögliche ausprobiert, erst die Infusionen haben geholfen. Soll meine Tochter das wieder durchmachen?“ Seit Monaten kämpfen die Eltern, allen voran die Sprecherin der Initiative, Kerstin Bennecke aus Elmshorn, für die Weiterführung der Behandlung. Vergangenen Sonnabend demonstrierten 350 Betroffene in Bad Bramstedt. „Ich weiß bislang von keinem Kind, das woanders rechtzeitig einen Infusions-Platz bekommen hat“, sagt Bennecke. Die Initiative reichte eine Petition im Landtag ein, schrieb Landes- und Bundespolitiker an. Schleswig-Holsteins Gesundheitsministerin Kristin Alheit (SPD) bat den Verband der Ersatzkassen (VDEK) und die AOK, das Gespräch mit den Eltern zu suchen. Anwältin Maike Domke will gerichtlich mehr Zeit herausschlagen, damit die Behandlung in Bad Bramstedt erst einmal fortgesetzt wird. „Die Versorgung ist nicht sichergestellt. Wenn die Patienten nicht weiter behandelt werden, grenzt das an Körperverletzung.“ Die Juristin weiß von Fällen, in denen Eltern mehr als fünf Monate auf einen Termin warten müssen.

Was sagen die Kliniken dazu? „Wir sind in der Lage, die Patienten zu versorgen“, teilt Oliver Grieve, Sprecher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein auf Anfrage mit. „Wenn die Wartezeiten verkürzt werden sollen, bitten wir die Eltern, Befunde und Arztbriefe mitzubringen.“ Und auch Florian Unger vom VDEK versichert: „Kein Kind landet auf der Straße.“

Für Tzaribachev könnte das Ende der Infusionen die Praxisschließung bedeuten, sagt der Mediziner, der schon mehrere Angestellte entlassen hat. „Ich weiß noch nicht, wie es weitergeht.“ Dasselbe gilt für die Familien, die die Hoffnung auf eine Regelung in ihrem Sinne nicht aufgeben wollen. Und die nicht verstehen, warum die Kassen die – kostengünstigere – Therapie beim Niedergelassenen nicht tragen wollen. Rund 50 Euro bekommt Tzaribachev für eine zweistündige Infusion, heißt es aus seiner Praxis. In der Klinik schlage dieselbe, auf sechs Stunden angelegte Behandlung mit 600 Euro zu Buche. Amys Eltern fühlen sich von Ärzten, Kassen und Medizinischem Dienst als „Ping-Pong-Bälle“ missbraucht. „Die Kliniken wollen natürlich das Geld für die Behandlung. An unsere Kinder denkt niemand.“ Hilflosigkeit ist bei den beiden zu spüren. Vor allem aber haben sie Angst. „Noch weiß ich nicht, wie ich meine Tochter ohne Schmerzen über den Sommer kriege“, sagt Amys Mutter.

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