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Ernährung & Gesundheit

19. Oktober 2017 | 18:41 Uhr

Rheuma ist keine Frage des Alters

vom

Die kleine Jella ist eines von 15 000 Kindern, die unter chronischen Gelenkentzündungen leiden / Frühzeitige Behandlung enorm wichtig

shz.de von
erstellt am 01.Aug.2013 | 04:59 Uhr

Heide | Jella ist ein Sonnenschein. Wenn sie lächelt - und sie lächelt oft - blitzt der Schalk in ihren Augen. Und wenn sie spielt, ist sie ständig in Bewegung. Stillsitzen ist nicht ihr Ding. Eigentlich. Doch im November 2012 war die damals Zweijährige "plötzlich ganz anders", erinnert sich ihre Mutter. Sie wollte kaum noch laufen, ließ sich am liebsten tragen. Katrin Meinert konnte sich keinen Reim darauf machen. Der Kinderarzt verschrieb zunächst Schmerzmittel, "doch es wurde nicht besser, über Wochen hinweg". Ein Termin beim Chirurgen sollte Gewissheit bringen darüber, dass wirklich nichts gebrochen war - eine Erkenntnis zumindest in der beängstigenden Ratlosigkeit. Die fand ein Ende, als Jellas linker Knöchel noch in der Praxis unvermittelt innerhalb von Minuten auf die doppelte Größe anschwoll: Der Arzt schickte Mutter und Kind nach Heide ins Krankenhaus. "Chronische Gelenkentzündung" lautete die Diagnose, die bei Katrin Meinert "alle Gesichtszüge entgleisen" ließ. Rheuma also.

Die kleine Jella ist nicht allein mit ihrer Krankheit, bei der viele Menschen immer noch an ein "Alte-Oma-Leiden" denken: Eins von 1000 Kindern unter 16 Jahren erkrankt nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendrheumatologie pro Jahr an einer Gelenkentzündung. Oft verläuft sie mild, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Bei etwa zehn bis 20 Prozent der Kinder jedoch ist die Entzündung chronisch, Mediziner sprechen dann von Gelenkrheuma oder "juveniler idiopathischer Arthritis". Insgesamt sind rund 15000 Kinder betroffen.

"Jede Gelenkentzündung, die länger als sechs Wochen bleibt, ist verdächtig auf Rheuma", sagt Dr. Christiane Seitz, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Westküstenklinikum (WKK) in Heide. Besonders bei kleinen Kindern, die noch nicht sprechen könnten, seien die Beobachtungen der Eltern wichtig: "Wenn die Gelenke geschwollen, warm und steif sind und weh tun, wenn Kinder sich wenig und seltsam bewegen, etwa nur auf den Außen- oder Innenseiten der Füße laufen, können das Symptome sein." Beim Arzt liefern Beweglichkeits- und Bluttests weitere Hinweise, definitive Klarheit bringt eine Magnetresonanztomographie.

"Rheuma ist eine Autoimmunerkrankung, eine Fehlfunktion des Immunsystems, bei der die Abwehrzellen körpereigenes Gewebe angreifen und Entzündungen hervorrufen", erklärt Christiane Seitz. Warum schon Kinder, mitunter sogar Babys, erkranken, sei nicht endgültig geklärt. "Es gibt eine genetische Veranlagung. Auslöser können aber auch Infekte sein."

Jella leidet unter Polyarthritis, einer Rheumaform, bei der mindestens fünf Gelenke betroffen sind. Neben dem linken Handgelenk hat es vor allem die Füße erwischt. "Das wichtigste ist, die Entzündung so schnell wie möglich zu erkennen und abzustellen, bevor die Gelenke unheilbar beschädigt sind", betont die Kinderärztin. Und das sei oft ein langer, komplizierter und - auch für die Eltern - sehr belastender Weg.

Bei Jella dauerte es einige Monate, das richtige Medikament in der richtigen Dosierung zu finden. "Manchmal helfen schon schmerz- und entzündungslindernde Mittel. Oft muss aber Methotrexat (MTX) eingesetzt werden, ein Zellgift, das - niedrig dosiert - die Entzündungszellen bremst." Neben diesem sogenannten Basismedikament in Tablettenform bekam Jella auch Cortison, das wegen der Nebenwirkungen aber nur begrenzt eingesetzt werden darf. "Zuerst ging es ihr besser", erinnert sich Jellas Mutter an die ersten Wochen der Therapie. "Doch nachdem das Cortison reduziert wurde, hat sie morgens schon beim Wickeln geweint und wollte nicht aufstehen. Ihre Füße passten nicht einmal mehr in die Winterstiefel."

Seit März bekommt Jella zusätzlich ein Mittel aus der neueren Gruppe der sogenannten Biologika gespritzt. Dieses neutralisiert die Botenstoffe, die die Entzündung vermitteln. Spritzen, die Katrin Meinert ihrer Tochter zweimal wöchentlich selbst verabreicht. "Um Himmels Willen, wie bekomme ich diese Riesenspritze in mein kleines, dünnes Kind?", habe sie anfangs gedacht. "Es war furchtbar." Doch aus dem Horror wurde Routine: Wenn Mama piekst, hält Jellas 14-jährige Schwester ihre Hände fest, zur Belohnung gibt es ein Gummibärchen. Das Medikament schlug an, die Entzündung verschwand langsam. Jella läuft nicht mehr "wie John Wayne frisch vom Pferd", wie ihre Mutter sagt.

Humor hilft. Und Katrin Meinert ist eine humorvolle, optimistische Frau. Eine, die ihr Kind "nicht in Watte packen und sich nicht wegen jedes Mini-Symptoms verrückt machen" will. Wie Jellas Krankheit sich langfristig entwickelt, lässt sich nicht absehen. Viele Patienten mit Polyarthritis seien lange Zeit auf Medikamente angewiesen, sagt Christiane Seitz. Andere blieben auch ohne sie über viele Jahre oder sogar endgültig beschwerdefrei.

Große Erleichterung bringt Katrin Meinert die kleine Kindergartengruppe, in der Jella "wie bei Oma" betreut wird. Die Erzieher beobachteten ihr Kind genau, und wenn es einen schlechten Tag habe, werde darauf Rücksicht genommen. "Wenn Jella nicht hüpfen darf, ist das Trampolin für alle tabu."

Dabei hüpft Jella liebend gern. Und viel. "Eine typische Rheuma-Persönlichkeit", sagt Christiane Seitz. "Die Kinder bewegen sich oft gnadenlos, auch, weil sie mit den anderen mithalten wollen." Zwar sei Bewegung wichtig, um die Funktion der Gelenke zu verbessern und Fehlstellungen vorzubeugen. Darum bekommt Jella einmal wöchentlich Krankengymnastik. Doch zu viel Toben, Hüpfen, Laufen schade den Gelenken, so lange sie entzündet sind. Jellas Mutter versucht zu akzeptieren, dass ihr Kind manche Dinge trotz Schmerzen macht. "Auch, wenn es mir weh tut."

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