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Selbstversuch : Paleo-Ernährung: Essen wie in der Steinzeit

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Die Paleo-Ernährung orientiert sich am Speiseplan unserer Vorfahren. Ist der Trend wirklich so gut? Ein Selbstversuch.

Langsam pirscht sich der Jäger an seine Beute heran. Den Einkaufswagen fest umklammert, hat er die Tiefkühl-Pizza genau im Visier. Ein schneller Griff in die Truhe und schon landet sie im Wagen. Geschafft! Das Abendessen ist gerettet. Während unsere Vorfahren vor 20.000 Jahren noch etliche Kilometer für ihre Mahlzeiten zurücklegen mussten, wird uns im Supermarkt ein kulinarisches Schlaraffenland direkt vor die Nase gesetzt. Die Folge: Statt wie unsere Vorfahren aus der Steinzeit drahtig, agil und gesund zu sein werden wir  fett, träge und krank. Davon sind zumindest die Anhänger der Paleo-Bewegung überzeugt, einer Ernährungsform, die vor allem auf Fleisch, Gemüse, Eiern, Nüssen und Beeren basiert – also den Nahrungsmitteln, von denen sich unsere Vorfahren schon vor tausenden von Jahren ernährten. Essen wie in der Steinzeit – funktioniert das wirklich? In einem Selbstversuch will ich der Sache auf den Grund gehen und  ernähre mich einen Monat lang nach den Paleo-Regeln. Zunächst aber ein paar Grundlagen:

Die Steinzeit-Diät:

Der Namen Paleo (oder eigentlich Paläo) ist an die Zeit des Paläolitikums, also der Altsteinzeit angelehnt. Die Regeln sind simpel: Gegessen werden darf alles, was die Jäger und Sammler damals auch zur Verfügung hatten. Also Fleisch, Fisch, Gemüse, Eier, Nüsse, Samen und Obst. Am besten alles Bio. Getreide und Hülsenfrüchte sind hingegen tabu, weil sie erst seit der Zeit des Ackerbaus auf dem menschlichen Speiseplan stehen. Bei Milchprodukten scheiden sich die Paleo-Geister, denn obwohl unsere Vorfahren als Jäger und Sammler keine Tiere gehalten und deshalb keine Milch getrunken haben, ist sie streng genommen nicht verboten. Raffinierte Zucker hingegen schon, denn den gab es in der Steinzeit nicht.

Warum ernähren sich also immer mehr Menschen wie vor tausenden von Jahren? Grundgedanke ist, dass unsere moderne Ernährungsweise, die zum großen Teil aus Kohlenhydraten und Zucker besteht, Schuld an den sogenannten Zivilisationskrankheiten wie Bluthochdruck, Herzleiden, Übergewicht oder Diabetes ist, weil unser Körper genetisch nicht darauf ausgelegt ist. Wer sich also nur von dem ernährt, was es auch früher schon gab, bleibt schlank und fit. Die Steinzeit-Diät sei also nicht nur gut zum Abnehmen, sondern hilft angeblich auch bei diversen Leiden wie Zöliakie (Gluten-Unverträglichkeit), Reizdarm, Rheuma oder Morbus Crohn.

Aber ist das wirklich so gesund? „Der Ansatz, sich mit dem auseinanderzusetzen, was die Natur hergibt, ist grundsätzlich goldrichtig“, sagt Dr. Dirk Padberg, Allgemeinmediziner und Ernährungsexperte aus Flensburg. Nach seiner Ansicht essen wir heute zu viele Kohlenhydrate. Und die tun uns nicht gut. „Kohlenhydrate sind für den Körper immer nur Treibstoff, aber nie Baustein.“ Will heißen: Bekommt unser Körper Kohlenhydrate, kann er sie entweder als Energie verbrennen (z.B. beim Sport) oder aber er speichert sie als Fettreserve ein.

Die Sache mit dem Insulin:

Wer schon einmal auf Nudeln, Kartoffeln und Konsorten verzichtet hat, weiß jedoch: Besonders zu Anfang einer Diät fühlt man sich meist schlapp, müde und antriebslos. Schuld daran ist das Insulin. Essen wir  Kohlenhydrate, erhöht sich unser Blutzuckerspiegel. Dadurch wird wiederum Insulin ausgeschüttet, das dafür sorgt dass die bereits gespeicherte Energie nicht freigesetzt und die Fettverbrennung blockiert wird. In der Praxis bedeutet dies: Wer in einer Mahlzeit relativ viele Kohlenhydrate isst, sorgt dafür, dass sein Hormonsystem auf Energiespeicherung umschaltet, also Fett einlagert. Die Folge: Der Körper braucht neue Energie und wir haben wieder Hunger.

Durchbrechen lässt sich dieser Kreislauf, indem man dem Körper beibringt, seine Energie wieder aus den Fettreserven  zu ziehen. Dafür braucht man allerdings ein wenig Geduld – zwei bis drei Wochen dauert die Umstellung in der Regel. Bei vielen Menschen sträuben sich bei einer solchen Ernährungsumstellung die Nackenhaare. Zu lange wurde Fett als Wurzel allen Übels propagiert, wenn es um Übergewicht und Fettleibigkeit ging. Heute ist diese Annahme wissenschaftlich widerlegt, erklärt Dr. Padberg:  „Wir wissen inzwischen, dass nicht Fett uns dick macht, sondern Zucker.“

Der 47-Jährige ernährt sich selbst seit etwa sechs Jahren  kohlenhydratarm, das heißt Getreide, Zucker & Co. stehen nur selten auf seinem Speiseplan. In seiner Praxis berät er viele Patienten mit Übergewicht und gibt auch Kurse zum Thema kohlenhydratarme Ernährung. Während er früher abends ein halbes Glas Nutella vor dem Fernseher gelöffelt hat, lässt ihn Süßkram heute kalt. „Der Körper gewöhnt sich an weniger Zucker und hat irgendwann auch kein Verlangen mehr danach.“ Das eine oder andere Fischbrötchen gönnt er sich trotzdem hin und wieder. „Man muss die Kohlenhydrate nicht komplett verteufeln. Wer Sport treibt und sich viel bewegt, kann auch mal eine Scheibe Brot oder eine Schale Müsli essen. Wer hingegen einen Bürojob hat, verbrennt nicht genug Energie. Kohlenhydrate verdient man sich mit Bewegung.“

Auch den Verzicht von Milchprodukten, wie ihn viele Paleo-Anhänger praktizieren, hält er nicht für sinnvoll. „Milch ist ein wichtiger Eiweißlieferant, das sollte man also nicht zu eng sehen.“ Wichtig sei am Ende vor allem, dass die neue Ernährungsweise auch umsetzbar ist und sich in den Alltag integrieren lässt. „Diäten sind totaler Quatsch, weil man sie nicht durchhalten kann. Man sollte dauerhaft etwas ändern.“ Zu starker Verzicht sei dabei eher hinderlich.

Paleo im Selbstversuch:

Davon kann ich ein Lied singen. Ich will die Paleo-Ernährung ausprobieren und entscheide mich für die 30-Tage-Challenge von Nico Richter. Einen Monat lang soll man streng nach den Steinzeit-Regeln leben und außerdem auch noch auf Kaffee, Alkohol, weißen Zucker und alle künstlichen und stark verarbeiteten Lebensmittel verzichten. Und alles muss möglichst Bio sein. Im Gegenzug fühlt man sich dafür umso fitter, gesünder und hat nebenbei auch gleich ein paar Kilo abgenommen – theoretisch zumindest. Schnell wird klar: Wer das durchziehen will, muss vor allem eines haben – Disziplin. Denn bei der Challenge ist auch vieles von dem verboten,  was man sonst schon für gesund gehalten hat.

Wer morgens Haferbrei gelöffelt hat, in dem Glauben, sich damit gesund zu ernähren, muss jetzt feststellen: Hafer ist ein Getreide und Getreide ist der Feind. Auch die Backkartoffel mit Quark, die man brav gegen die fettigen Pommes zum Steak ausgetauscht hat, ist ab jetzt tabu. Der Effekt soll dafür umso größer sein. Denn laut Richter ist dieser Monat Gluten-Zucker-Abstinenz nötig, um den Körper ernährungstechnisch wieder auf Null zu setzen.

Abnehmen wollte ich eigentlich nicht, aber die Vorstellung, ab sofort energiegeladen durch den Tag zu hüpfen, war einfach zu schön. Die erste Woche habe  ich noch durchgehalten. Statt Kaffee gab es Tee, das Müsli habe ich gegen glutenfreien Erdmandelbrei  (schmeckt besser als er klingt) oder Rührei ausgetauscht und den abendlichen Schokoladen-Jieper bekämpfte ich mir Obst oder Nüssen. Tatsächlich ließ mich die Tafel Schokolade in der Notfall-Schublade in den ersten Tagen kalt. Mein Geldbeutel leidet dafür umso mehr. Ersatzprodukte aus dem Reformhaus wie Kokosmehl, Chia-Samen oder Leinöl gehen richtig ins Geld, vom Bio-Fleisch ganz zu schweigen.

In der zweiten Woche wird es schwieriger. Weil ich mittags keine Kohlenhydrate aus Kartoffeln, Nudeln oder Reis bekomme, fühle ich mich müde, schlapp und habe Kopfschmerzen. Angeblich soll sich der Körper nach der Eingewöhnungsphase auf die veränderten Essgewohnheiten eingestellt haben und die Nebenwirkungen verschwinden. Ich bin skeptisch. Beim Essen mit Freunden kann ich im Restaurant eigentlich nur Salat bestellen – alles andere auf der Karte fällt weg. Das macht einfach keinen Spaß.

Am Ende der dritten Woche gebe ich schließlich auf. Nachdem ich beim Kaffeeklatsch mit meiner Freundin an meinem selbstgebackenen Bananenbrot gelutscht habe, während sie sich bei Starbucks einen dicken Schoko-Muffin gönnt, ist Schluss. Vielleicht hätte ich noch ein paar Tage länger durchhalten sollen und der Steinzeit-Schalter wäre umgelegt worden. Vielleicht ist mein innerer Neandertaler auch einfach nur schlecht drauf gewesen. Fakt ist: Essen ist für mich ein Stück Lebensqualität und die ist mir in den letzten drei Wochen völlig verloren gegangen.

Fazit:

Weniger Kohlenhydrate zu essen hat den Vorteil, dass man sich nach dem Essen tatsächlich weniger träge  fühlt. Und die Waage zeigte am Ende immerhin eineinhalb Kilo weniger an. Mir persönlich war der strikte Verzicht auf Milchprodukte und vor allem Brot eindeutig zu rigide. Trotzdem sind die Rezepte aus den Paleo-Kochbüchern lecker, leicht nachzukochen und eine tolle Anregung, wie man auch ohne Kohlenhydrate eine vollwertige Mahlzeit kochen kann. Und Paleo hat für mich noch einen großen Vorteil: Es zwingt einen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was man isst. Und das ist am Ende sicher nie verkehrt.

Wer Interesse an einem der Ernährungskurse von Dr. Dirk Padberg hat, kann an folgenden Terminen zu einem kostenlosen Infoabend kommen: Dienstag, 5. Mai, 18 Uhr; Mittwoch, 6. Mai, 12 Uhr und Donnerstag, 7. Mai, 18 Uhr in der Praxis im Jägerweg 16, 24941 Flensburg-Weiche.

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erstellt am 19.Apr.2015 | 19:55 Uhr

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