zur Navigation springen
Ernährung & Gesundheit

22. August 2017 | 11:31 Uhr

Operation „Ohren anlegen“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Abstehende Ohren können ein Markenzeichen sein, aber auch für Spott sorgen – vor allem bei Kindern. Die Entscheidung für einen chirurgischen Eingriff muss sorgfältig abgewogen werden.

Wer sie hat, hat es oft schwer: Abstehende Ohren gelten als Makel, als Schönheitsfehler. Kinder mit Segelohren müssen sich manchmal schon im Kindergarten, spätestens aber in der Schule als „Dumbo“ oder „Segelflieger“ bezeichnen lassen – oder werden gefragt, ob sie besonders gut hören können. Ein chirurgischer Eingriff kann Lästereien ein Ende setzen: Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ästhetisch-Plastische Chirurgie ist das Anlegen abstehender Ohren (Otopexie) die häufigste Schönheitsoperation bei Minderjährigen. Die Entscheidung dafür sollte allerdings gründlich abgewogen werden, rät Dr. Michael Deeg vom Berufsverband der Hals-Nasen-Ohrenärzte in Neumünster.

Als abstehend gilt ein Ohr, wenn der Winkel zwischen Ohrmuschel und Schädel mehr als 30 Grad, der Abstand zwischen Knochen und Ohrkante größer als zwei Zentimeter ist. Die Fehlstellung ist meistens angeboren oder entsteht durch die asymmetrische Entwicklung einzelner Knorpelteile. Die Otopexie, die etwa eine Stunde dauert und bei Kindern ambulant und in Vollnarkose durchgeführt wird, sei zwar ein Routineeingriff, sagt Deeg. „Trotzdem birgt sie wie jede Operation Risiken. Es kann zu Blutergüssen, Schwellungen, Taubheitsgefühlen oder Narbenbildungen kommen.“ Dauerhafte Nebenwirkungen dieser Art seien seiner Kenntnis nach aber äußerst selten.

Um die Ohren zu korrigieren, werden verschiedene Verfahren angewandt. Am häufigsten ist die Ohrmuschelanlegung, bei der der Knorpel von der Rückseite der Ohrmuschel ausgedünnt, das Ohr nach hinten geklappt und die entstehende Falte genäht wird. Eine Garantie dafür, dass das Ergebnis zufriedenstellend ausfällt, gibt es nicht. Deeg: „Je nach angewandter Technik kann das Ohr weiterhin abstehen, oder es kommt zu einer Überkorrektur, bei der es zu eng am Kopf anliegt.“ Nach der Operation muss eine Woche lang ein Kopfverband, anschließend für mindestens zwei bis drei Monate ein Stirnband getragen werden, das die Ohren schützt.

Die Otopexie wird von Kinderchirurgen, Hals-Nasen-Ohren-Chirurgen, ästhetisch-plastischen oder Mund-Kiefer-Gesichts-Chirurgen durchgeführt. Wichtig sei in jedem Fall, sich einen erfahrenen Operateur zu suchen, etwa auf Empfehlung des Kinderarztes. Bei Kindern bis 14 Jahren übernimmt in der Regel die Krankenkasse die Kosten. Voraussetzung dafür ist die Bescheinigung eines Arztes über eine „psychische Beeinträchtigung“ des Kindes.


OP ohne Zustimmung des Kindes ist Körperverletzung


Doch in welchen Fällen sollte überhaupt operiert werden – schließlich hört man mit Segelohren nicht schlechter? Ausschlaggebend für die Entscheidung müsse der Wunsch des Kindes sein, betont Michael Deeg. „Es handelt sich um eine Schönheitsoperation mit rein kosmetischem Hintergrund. Und die ist nur zulässig, wenn das Kind den Wunsch danach klar äußert.“ Werde allein auf Betreiben der Eltern operiert, handele es sich im juristischen Sinn um eine Körperverletzung.

Laut Berufsverband der Kinder- und Kugendärzte werden die meisten Ohrenkorrekturen bei Kindern zwischen dem vierten und 14. Lebensjahr durchgeführt. Argumente dafür, die OP vor der Einschulung machen zu lassen: Mit fünf, sechs Jahren wächst der Ohrknorpel kaum noch, ist aber noch relativ weich und formbar. Und der Schönheitsfehler wird behoben, bevor das Kind in der Schule eventuell Hänseleien ausgesetzt ist. Die Frage, ob Kinder im Vorschulalter Entscheidungen von solcher Tragweite überhaupt treffen können, werde unter Medizinern „intensiv diskutiert“, sagt Deeg. Und räumt ein, dass mitunter schwierig festzustellen sei, ob nicht vor allem die Eltern den Antrieb lieferten. „Jeder verantwortliche Operateur wird das in Gesprächen prüfen. Und wenn beim Kind kein Leidensdruck zu erkennen ist, darf er den Eingriff nicht vornehmen.“ Schließlich sei es nie zu spät, die Ohren anlegen zu lassen. „Ein älteres Kind ist eher in der Lage, zwischen Nutzen und Risiken abzuwägen.“

In Österreich sind Schönheitsoperationen an Minderjährigen seit 2013 verboten beziehungsweise nur unter strengeren Auflagen erlaubt; in der deutschen Politik gab es immer wieder entsprechende (erfolglose) Initiativen. Michael Deeg befürwortet „strengere Indikationen“ und hält die Einbeziehung eines Psychologen für sinnvoll.

Manuel Florian, Leiter des Kieler Kinderschutzzentrums, plädiert zwar grundsätzlich für eine Entscheidung durch das Kind zu einem späteren Zeitpunkt. „Eltern sollten ihrem Kind vermitteln: ’Du bist wunderbar, so wie du bist.’“ Solange die Ohren für das Kind kein Thema seien, sollte auch nicht daran gerührt werden, sagt der Psychologe. Aber: „Wenn ein Kind längere Zeit Hänseleien ausgesetzt ist, kann es seelischen Schaden nehmen, den man ihm hätte ersparen können. Es bleibt eine Einzelfall-Entscheidung.“

zur Startseite

von
erstellt am 01.Apr.2015 | 11:42 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen