Experten-Tipps : Online-Sprechstunde: Schweinegrippe

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Experten-Tipps kostenlos: Wie verhalte ich mich richtig? Wie kann ich mich schützen? Unsere Experten haben Ihre Fragen in der Online-Sprechstunde beantwortet.

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04. August 2009, 10:51 Uhr

Flensburg | Eine Tabelle des Robert-Koch-Institutes informiert täglich über die aktuellen Fallzahlen: 5324 bestätigte Fälle der Neuen Grippe, Influenza H1N1/2009. In Schleswig-Holstein sind es 107, Hamburg zählt zurzeit 33. Jeden Tag werden es mehr.
Mit der zunehmenden Zahl bestätigter Influenza-Infektionen steigt auch die Unsicherheit in der Bevölkerung: Wie soll ich mich verhalten? Wie kann ich mich schützen? Darf ich in den Urlaub fliegen?
Prof. Dr. Helmut Fickenscher, Direktor des Instituts für Infektionsmedizin am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Campus Kiel, und der Internist und Facharzt für Lungen und Bronchialheilkunde, Dr. Christian Freyer, Chefarzt der Inneren Medizin und Pneumologie des Schlei-Klinikums in Schleswig, haben Ihre Fragen beantwortet.
Leserin Ingeborg Wöstenhöfer möchte wissen, wie sich Schwangere in Bezug auf die Schweinegrippe verhalten sollen. Dazu Professor Dr. Fickenscher: Bisher erscheint mir die Gefährdung durch einen zeitlich begrenzten Konzertbesuch noch eher unproblematisch. Von Händeschütteln würde ich grundsätzlich abraten. Regelmäßig die Hände gründlich waschen. Von Handschuhen würde ich mir zusätzlich nicht viel versprechen. Wenn möglich tatsächlich öffentliche Verkehrsmittel meiden. Gegebenenfalls einen Mundnasenschutz dabei haben, der angelegt werden kann, wenn jemand in der Nähe (z. B. im Konzert) andauernd schnieft.
Svend Hamann hat auf dem Flug nach Afrika beobachtet, dass das Bordpersonal mit einer Desinfektions-Sprühdose an den Auslässen der Klimanlage entlanglief. Dazu Professor Dr. Fickenscher: Diese Methode überzeugt mich gegen Grippe nicht. Vermutlich ging es der Fluggesellschaft aber um Stechmücken. In Klimaanlagen wird die eingeblasene Luft filtriert und dort sollten Tröpfchen hängen bleiben, so dass das Übertragungsrisiko für Grippe minimiert ist.
Leser Frank Bründel empfindet den Umgang mit der Schweinegrippe in den Medien als reine "Hysterie". Normale Hygiene-Maßnahmen seien als Schutz vollkommen ausreichend. Dazu Professor Dr. Fickenscher: Ihr Hinweis auf ganz normale Hygienemaßnahmen ist durchaus berechtigt. Nur reicht das meiner Ansicht nach bei einer völlig neu auftretenden Infektionsform nicht aus, die für Patienten mit zusätzlichen Gesundheitsproblemen (z.B. Asthma, andere Lungenerkrankungen, Immunsuppression, Tumor-, Rheumatherapie) lebensgefährlich verlaufen kann. Todesfälle sind z.B. auch in Großbritannien beobachtet worden. Der Name Schweinegrippe führt in die Irre: zwar hat dieses Virus einen molekularen Ursprung von Grippeviren der Schweine; dieses Virus verbreitet sich aber nicht bei Schweinen, sondern bei Menschen wie ein normales menschliches Grippevirus, mit der Ausnahme, dass es dies auch außerhalb der Grippe-Saison tut. Dies ist tatsächlich ungewöhnlich und wird mit Sorge beobachtet, weil sich Grippeviren schnell verändern können und dann gegebenenfalls schwerere Krankheiten verursachen können.
Leserin Nicole Saballus plant einen Urlaub in England und möchte wissen, wie sie sich und ihr fünfjährige Tochter schützen kann. Dazu Dr. med. Christian Freyer: Zunächst wünsche ich Ihnen einen schönen und erholsamen Urlaub in England. Ich bin der Meinung, Sie können ihn problemlos antreten. Allerdings sollten Sie gewisse Vorsichtsmaßnahmen einhalten, z. B. ist es ratsam, große Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zu meiden. Darüber hinaus sollten Sie und Ihre Tochter sich häufig die Hände waschen, speziell wenn Sie Türgriffe oder ähnliches angefasst haben. Sollte es trotz aller Vorsichtsmaßnahmen zu einer akuten Erkrankung kommen, speziell verbunden mit raschem Fieberanstieg über 38,5°C, Husten, Schnupfen, Kopf- und Gliederschmerzen, ist es ratsam, einen Arzt aufzusuchen. Allerdings sollten Sie sich vorher telefonisch anmelden.
Anneke Schulz-Hausbrandt plant mit ihrem acht Monate alten Sohn, der an einer Bronchitis leidet, einen Urlaub an der Costa Bravo und ist unsicher, ob sie die Reise aufgrund der Schweinegrippe verschieben sollte. Dazu Dr. med. Christian Freyer: Ich denke, Sie werden einen schönen Urlaub in Ihrem Haus an der Costa Brava verbringen. Auch hier gilt, dass die Ansteckungsgefahr im Freien gering ist und mit Ihrem kleinen Sohn werden Sie sicherlich große Menschenansammlungen meiden. Die allgemeinen Vorsichtsmaßnahmen wie regelmäßiges, häufiges, gründliches Händewaschen sollten Sie ebenfalls einhalten. Da Ihr Sohn derzeit eine inhalative Cortison-Therapie durchführt, nehme ich an, dass er an einem Asthma bronchiale leidet. Hier ist er sicherlich infektgefährdeter, als ein gleichaltriges Kind, welches nicht an Asthma bronchiale leidet. Diesbezüglich würde ich Ihnen dringend raten, vorher mit dem behandelnden Lungenfacharzt Rücksprache zu halten. Insgesamt gehe ich allerdings davon aus, dass das trockene, warme Klima in Spanien Ihrem Sohn eher guttun sollte.
U. Melfsen hat sich mit mehreren Fragen an die Experten gewandt. Dazu die Antwort von Professor Dr. Fickenscher:
1. Grundsätzlich und unabhängig von der sogenannten Schweinegrippe rate ich Ihnen und Ihrem Mann zur herkömmlichen jährlichen Grippeschutzimpfung. Allerdings ist bisher nicht bekannt, ob diese auch gegen die Neue Grippe wirksam ist und viele Experten zweifeln daran. Aus der Presse ist zu entnehmen, dass auch ein Impfstoff gegen das Neue Influenzavirus im Herbst voraussichtlich verfuegbar sein wird. Das waere dann eine zusaetzliche Impfung, die voraussichtlich zweimal verabreicht werden muss. Die Grippe-Impfung von Säuglingen wird bisher gewöhnlich nicht empfohlen.

2. Die Ansteckungsgefahr der Schweinegrippe für ein gesundes Kleinkind ist hoch. Kindergärten etc. sind ein effizienter Ort für die Übertragung. Die Übertragung zwischen Kindern lässt sich nur durch das konsequente Daheimbleiben erkrankter Kinder (Rotz & Schnotz) im Griff behalten.

3. Kinder können am Grippevirus schwer erkranken und benötigen dann vergleichsweise zu Erwachsenen oft auch einen stationären Aufenthalt. Allerdings kommen Todesfälle sehr selten vor, vor allem z.B. bei genetisch bedingten Immundefekten.

4. Nach Ihrer Lungenentzündung müsste untersucht werden, wie stark sich Ihre Lungenfunktion normalisiert hat. Davon ist die Beurteilung abhängig. Es ist gut möglich, dass Sie vollständig geheilt sind und Ihr Bericht spricht dafür.

5. Erreger von Atemwegsinfektionen und von Durchfällen werden besonders effizient über die Hände übertragen. Deshalb rate ich besonders zum regelmäßigen und gründlichen Händewaschen. Ein Händedesinfektionsmittel kann unterstützend eingesetzt werden, soll aber das Händewaschen nicht ersetzen. Beispielsweise wird die Infektiosität bestimmter Durchfallviren (Noroviren) durch das gründliche Händewaschen stark reduziert, während im speziellen Fall der Noroviren dieses Desinfektionsmittel gar nicht wirksam wäre.

6. Meiden Sie größere Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen und öffentliche Verkehrsmittel und achten Sie auf die Händehygiene besonders im Umgang mit Ihrem Kleinen.
Leonie Brodersen möchte wissen, ob sie den Mallorca-Urlaub mit ihrer Tochter, die eine zeitlang unter Asthma litt, stornieren sollte.
Dazu Dr. med. Christian Freyer: In Ihrem Fall gilt das Gleiche wie schon oben besprochen, genießen Sie Ihren Urlaub auf Mallorca. Insgesamt ist das Klima dort bei Asthma günstiger als die feucht-kalte Herbstluft bei uns. Ein derzeit nicht aktives Asthma ist stellt kein erhöhtes Risiko dar. Allerdings würde ich Ihnen zu einer Impfung raten. Im übrigen sollten Sie die Hygienemaßnahmen wie bereits ausführlich beschrieben einhalten.
Professor Dr. Fickenscher: Sofern Sie Menschenansammlungen in geschlossenen Raeumen (z. B. Discos) meiden, sehe ich kaum eine erhöhte Gefaehrdung und wenig Grund zu einer Stornierung. Da aber zu befürchten ist, dass auf Ihrer Rueckreise erkrankte Personen dabei sein koennten, mag es sinnvoll sein, wenn Sie Mundnasenschutz im Handgepaeck dabei haben, falls jemand in Ihrer Nähe andauernd schnieft oder recht krank aussieht. Das seit Jahren ueberstandene Asthma Ihrer Tochter halte ich aktuell nicht für wesentlich. Eine Impfung gegen diese spezielle Art der Grippe ist noch nicht verfügbar.
Leser Haenk ist der Meinung, dass es bei einer derart ansteckenden Grippeform nur eine Frage der Zeit sei, bis man selbst davon betroffen ist. Einzig die Übersiedlung auf eine einsame Insel sei eine praktikable Lösung.
Dazu Professor Dr. Fickenscher: Einsame Inseln haben sich auf die Dauer nicht bewährt. Allgemeine Hygienemaßnahmen und das Meiden größerer Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen sind aber relativ wirksam. Die aktuellen vorbeugenden Maßnahmen besonders der Gesundheitsämter haben dazu geführt, dass weiterhin vor allem nur importierte Infektionen in Deutschland beobachtet werden und somit die Ausbreitung offenbar relevant gebremst worden ist, so dass die erste Welle für mich bisher überraschend klein ausgefallen ist. Dies schafft Zeit im Hinblick auf Impfung und die Verbesserung der Entscheidungswege und Maßnahmen, so dass die besonders gefährdeten Patienten besser geschützt werden können. Ob diese Rechnung allerdings aufgehen wird, läßt sich aber aktuell noch nicht beurteilen. Es wäre aber ein Fehler, dies von Beginn an auszuschließen.
Dr. med. Christian Freyer antwort: Letztendlich stimme ich Ihnen bei. Ich meine auch, dass man derzeit den Ball durchaus flach halten kann. Alle derzeit verfügbaren Daten sprechen dafür, dass der Verlauf der Schweinegrippe, wie sie sich bei uns zeigt, eher milder ist, als der Verlauf der saisonalen Influenza, die jedes Jahr in der kalten Jahreszeit über uns kommt. Das einzige Problem ist, dass dies ein neuer Grippevirus ist, der nun auf eine Bevölkerung trifft, die eben nicht immun ist und deswegen ein weites Ausbreitungsfeld hat und wir wissen nicht, was passieren wird, wenn er sich in der kalten Jahreszeit eventuell mit der saisonalen Grippe vermischt.

Ich kann Ihre Meinung nur unterstützen. Wir müssen bei den gefährdeten Gruppen (Kranke, Schwangere etc.) genau beobachten und gebenenfalls rechtzeitig therapieren. Bei dem größten Teil der Bevölkerung sehe ich derzeit auch keinen weiteren Handlungsbedarf. Außer: Häufig Hände waschen und
impfen.

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