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Ernährung & Gesundheit

15. Dezember 2017 | 11:47 Uhr

Medikamentensucht : Ohne geht nichts mehr

vom

Zwei Millionen Senioren sind tablettensüchtig. Tendenz steigend. Mit zum Teil dramatischen Folgen für ihre Gesundheit.

shz.de von
erstellt am 10.Mai.2013 | 05:30 Uhr

Flensburg | Bei fast zwei Millionen Senioren im Alter über 60 Jahren ist ein schädlicher Gebrauch von Medikamenten zu verzeichnen, meldet die Gesellschaft für Gerontopsychatrie und -psychotherapie (DGGPP). So können Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel sowie Schmerzmittel eine Sucht auslösen. Viele ältere Menschen müssen mit mehreren Krankheiten und Verlusten fertig werden. Schlaganfall und Krebs lassen die Patienten häufig in ein großes Loch fallen. Der Tod langjähriger Lebenspartner kann ebenfalls zu psychischen Störungen führen.
Starke Schmerzmittel kommen bei Krebserkrankungen und chronischen Schmerzen zum Einsatz. Alzheimer und Demenz können zu Verhaltensänderungen führen, die man mit Beruhigungs- oder Schlafmitteln einzudämmen versucht. Dr. Klaus Weil, Arzt für Innere Medizin und Chefarzt der Klinik für Geriatrie und Frührehabilitation des St. Franziskus Hospitals in Flensburg gibt Einblick in den großen Komplex der Auswirkungen und Therapie von Medikamentenabhängigkeit im Alter.
"Für ältere Menschen besteht eine erhöhte Gefahr, eine Medikamentenabhängigkeit zu entwickeln. Da die Abbauprozesse im Körper aufgrund der eingeschränkten Leber- und Nierenfunktion verlangsamt sind, entsteht eine veränderte Konzentration von Arzneimitteln, die eine Wirkungserhöhung zur Folge haben kann", stellt Weil fest.

Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine)


In westlichen Industriestaaten nehmen 10 bis 15 Prozent der Bevölkerung gelegentlich und bis zu 2 Prozent regelmäßig Schlaf- und Beruhigungsmittel (Benzodiazepine) ein. Der Anteil von Frauen überwiegt. Bis zu 56 Prozent der Heimbewohner erhalten regelmäßig Benzodiazepine. Die Mittel sollen beruhigen und den Schlaf fördern, aber auch Angst lösen. Durch den Muskel entspannenden Effekt kann es vermehrt zu Stürzen kommen; bei dauerhafter Einnahme steigt das Sturzrisiko überproportional an. Da die Abbauprozesse bei Älteren verlangsamt sind, kann die Wirkung etwa einer Valiumtablette bis zu 140 Stunden anhalten.
"In der Geriatrie versuchen wir nach dem Motto: Weniger ist mehr, die Anzahl der Medikamente und deren Dosis zu verringern", erklärt Weil. Besonders Alzheimerpatienten oder Demenzkranke werden in Heimen oft mit Neuroleptika ruhig gestellt. Diese Krankheiten verändern stark die Persönlichkeit und können zu aggressivem Verhalten führen. "Es wäre wünschenswert die Akzeptanz ungewöhnlichen Verhaltens bei Angehörigen und Personal zu erhöhen und freiheitsbeschränkende Maßnahmen zu vermeiden. Das Sturzrisiko kann mit verstellbaren Bettgestellen, Matratzen vor dem Bett und einer Nachtbeleuchtung in den Toiletten vermindert werden", erhofft sich Weil.

Schmerzmittel (Opiate/Analgetika)


Früher wurden Schmerzmittel (Analgetika,Opiate) eher zu wenig verschrieben, da es starke Reglementierungen und einen hohen Verwaltungsaufwand für die Ärzte gab. So mussten etwa die Rezepte zehn Jahre aufbewahrt werden. Heute wird dagegen eher zu viel verschrieben. Bis zu 34 Prozent der Schmerzpatienten haben ein Suchtproblem. Das kann Depressionen, Angst- und Persönlichkeitsstörungen zur Folge haben. Auch die bisher angenommene Langzeitverträglichkeit von Opiaten wird heute angezweifelt. Eine anhaltende Wirksamkeit kann durch unkritischen Gebrauch zu bedrohlichen Nebenwirkungen führen. Dazu gehören die Abhängigkeit und zentrale Störungen zum Beispiel der Atmung und des Schlafs.
Dazu der Experte: "Die ärztliche Kunst besteht darin mit einem Minimum an Medikamenten und unerwünschten Wirkungen, ein Maximum an erwünschten therapeutischen Wirkungen für den Patienten herauszuholen." Ebenfalls Sucht gefährdend sind freiverkäufliche Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen und Paracetamol. Eine besondere Gefährdung geht hier von Paracetamol aus. Es kann zu schweren Leberschäden führen. Wenigen ist bekannt, dass Schmerzmittel nicht nur den Magen belasten, sondern auch die Nierenfunktion so massiv stören können, dass die Patienten eine dauerhafte Dialyse (Blutwäsche) benötigen. "Darum sehen wir aus geriatrischer Sicht den freien Verkauf dieser Schmerzmittel eher negativ", warnt Weil. Im Krankenhaus wird versucht mit physikalischer Therapie, wie Massagen oder Krankengymnastik, die Schmerzen zu lindern und so die Dosis der Schmerzmittel zu verringern.

Therapie


In der sogenannten Gerontopsychiatrie werden Suchtprobleme von Senioren therapiert. In Deutschland existieren Suchtkliniken, die sich speziell auf die Behandlung älterer Menschen spezialisiert haben. "Betroffene sollten bei beginnender oder bestehender Sucht nicht zögern, und auch von ihren Angehörigen ermutigt werden, eine Beratungsstelle oder einen Gerontopsychiater aufzusuchen", meint Weil. Da durch den demografischen Wandel die Älteren in der Bevölkerung immer mehr werden, ist ein Ausbau der Geriatrie und der Gerontopsychiatrie notwendig.
"Wünschenswert wäre eine Zusammenlegung beziehungsweise engere Zusammenarbeit dieser beiden Abteilungen in allen Kliniken. Im Krankenhaus Hamburg-Ochsenzoll zum Beispiel besteht schon eine sehr enge Zusammenarbeit dieser beiden Fachrichtungen. In der deutschen Geriatrieausbildung sollte man sich auch sechs Monate mit der Gerontopsychiatrie beschäftigen. Unsere Nachbarn in der Schweiz machen uns es schon vor", zieht Weil Bilanz.

Vorbeugung


Zur Prävention von Suchterkrankungen bei älteren Menschen ist die Fortbildung der niedergelassenen Ärzte notwendig. Die Bereitschaft ist da und zukünftig können auch geriatrische Leistungen der Hausärzte über die Krankenkassen abgerechnet werden. "Schleswig-Holstein ist mit geriatrischen Einrichtungen gut ausgestattet und gilt als vorbildlich. 221 Ärzte haben eine Zusatzweiterbildung Geriatrie absolviert. Zusammen mit der Ärztekammer Schleswig-Holstein werden regelmäßig Fort- und Weiterbildungen angeboten, an denen ich mich ebenfalls beteilige", erklärt Weil. Die fachärztliche Versorgung von Pflegeheime und soziale Einrichtungen ist noch verbesserungsfähig. Für das Personal ist eine Basisqualifikation, auch zum Suchtproblem, unbedingt notwendig.
"Leider scheitert dies häufig auch an der Finanzierbarkeit solcher Vorhaben", bedauert Weil. Abschließend warnt der Experte vor einer Zunahme von älteren Suchtkranken. Die Generation der heute über 50-jährigen hatte teilweise bereits in früheren Lebensabschnitten Kontakt zu Drogen. Die Angewohnheit für jede Befindlichkeitsstörung und zur Entspannung Medikamente zu nehmen, ist deutlich ausgeprägter als in den früheren Generationen. Solche Konsumgewohnheiten werden beibehalten und wirken sich oft erst im Alter aus. Durch die Veränderungen von Familienstrukturen und den Wertewandel kommt es häufiger zu Einsamkeit und damit zu Depressionen oder anderen psychischen Störungen.

Das Risiko steigt ab fünf Medikamenten

Viele ältere Menschen nehmen eine Unzahl an Arzneimitteln ein. Zu den von unterschiedlichen Ärzten verordneten, kommen zusätzlich Mittel der Selbstmedikation. In Apotheken finden Verbraucher heute eine Vielzahl frei verkäuflicher Medikamente, die dann oft nicht mitgezählt werden. "Eine unserer wichtigsten Fragen lautet: Wie viele Medikamente nehmen Sie ein und was befindet sich in Ihrem Badezimmerschrank oder in der Nachttischschublade?", erklärt Weil.

Das Risiko von Nebenwirkungen steigt ab fünf verschiedenen Arzneimitteln überproportional an. In der Geriatrie wird versucht mit fünf Medikamenten auszukommen, was bei der Fülle an Krankheitsbildern oft schwierig ist. Die Wirksamkeit von Arzneimitteln ist bei 70 bis 80-Jährigen ganz unterschiedlich zu den 20 bis 60-Jährigen, die für Pharmastudien herangezogen werden. Die Nieren- und Leberfunktion lässt nach und die Gefahr von Nebenwirkungen steigt.

Von 50.000 Medikamentenstudien haben sich nur 84 mit über 80-Jährigen beschäftigt. Das muss sich in Hinblick auf den demografischen Wandel in Zukunft ändern. "Bei der Neuentwicklung von Arzneien sollte mehr Augenmerk auf die Verträglichkeit bei Älteren gelegt werden. Leider scheuen Pharmaunternehmen davor zurück, da durch die Einbeziehung älterer Probanden eine Marktreife und -zulassung neuer Medikamente viel schwieriger zu erreichen ist", bedauert Dr. Klaus Weil, Chefarzt der Klinik für Geriatrie in Flensburg.

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