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Rede und Antwort : Oberstes Gebot: Vertrauen schaffen

vom

Experten und Teilnehmer der Podiumsdiskussion zum Thema "Organtransplantation" melden sich zu Wort und schildern ihre Sicht der Dinge.

shz.de von
erstellt am 22.Aug.2012 | 11:41 Uhr

Flensburg | "Ängste lassen sich durch Tatsachen abmindern"
Dr. Thomas Becker, Klinikdirektor, Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie des UKSH: "Es liegen im Moment Ängste in der Bevölkerung vor, ob Patienten mit Organspendeausweis beispielsweise im Falle eines schweren Unfalls genauso behandelt werden, wie Patienten ohne Ausweis. Diese Ängste lassen sich durch objektive Tatsachen abmindern. Die Hirntoddiagnostik hat per se gar nichts mit der Organspendesituation zu tun. Es ist ein per Gesetz festgestelltes Todeskriterium. Das ist ein Zeitpunkt, zu dem man die Intensivmedizin beenden kann.
Ich begrüße die Initiative der schleswig-holsteinischen Ärztekammer, dass wir im Rahmen einer einheitlichen Patientenverfügung den Punkt der möglichen Bereitschaft zur Organspende in die Verfügung mit aufnehmen."
"Mich hat der Skandal nicht überrascht"
Dr. Friedrich von Velsen, Oberarzt für Anästhesie an der Diakonie Flensburg: "Ich war ehrlich gesagt nicht von dem Skandal überrascht. Es ist ein System, in dem zum einen sehr viel Ruhm und Renommee der Kliniken dahinter steckt. Ein Bereich, in dem es um viel Geld geht. Transplantationszentrum sein zu dürfen, ist eine ganz hohe Auszeichnung. Wir haben hoch engagierte Chirurgen, die viel Zeit in ihre Ausbildung gesteckt haben. Auf der anderen Seite haben wir zu wenig Organe. In einem solchen Missverhältnis ist die Verführbarkeit, glaube ich, sehr groß.
Kontrollen werden die kriminelle Energie nicht vollkommen verhindern können. Eine zielführende Chance ist, das Anreizsystem zu minimieren, ohne den Chirurgen die Lust an der Arbeit zu nehmen. Ich habe dafür kein Patentrezept. Aber dieser Herausforderung müssen wir uns stellen."

"Die Gespräche sind für die Angehörigen hochbelastend"
Dr. Angelika Huber, Transplantationsbeauftragte am St. Franziskus, Flensburg: "Die Gespräche sind für uns Ärzte, aber vor allem auch für die Angehörigen hochbelastend. Sie haben sich mit dem Thema oftmals noch nicht auseinandergesetzt und müssen die Diagnose verkraften, dass der Angehörige tot ist. Dann die Frage zu beantworten, ob sie sich ihn als Organspender vorstellen können, ist schwer. Zudem passiert das alles unter einem zeitlichen Druck, weil die Bedenkzeit aus medizinischen Gründen nur einige Stunden beträgt.
In den vergangenen Jahren haben wir festgestellt, dass das Echo zum Thema Organspende in der Bevölkerung sehr schwach war. Vielleicht ist das neue Transplantationsgesetz eine Chance, die Menschen für dieses Thema zu motivieren."
"Die Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen"
Dr. Felix Braun, Transplantationschirurg, Klinik für Allgemeine Chirurgie und Thoraxchirurgie des UKSH: "Durch die Erklärungslösung der Krankenkasse ist ein Weg gefunden, die Diskussion um die Organspende stärker anzuregen. Das ist schon ein erheblicher Schritt nach vorne. Es geht aber nicht darum, die Menschen zu bekehren, dass sie ja ankreuzen sondern zu informieren. Die Entscheidung muss dann jeder für sich selbst treffen. Ich denke nicht, dass jemand moralisch durch die Erklärungslösung zu etwas gezwungen wird.
Etwa 70 Prozent der Deutschen befürworten die Organspende, knapp 20 Prozent haben einen Organspendeausweis, allerdings sind es nur vier Prozent der Patienten, bei denen der Hirntod diagnostiziert wurde."
"Wir wollen das Vertrauen wieder herstellen"
Dr. Franz-Joseph Bartmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein: "Die Fälle in Göttingen und Regensburg sind durch eine kriminelle Energie besetzt, die mein Vorstellungsvermögen übersteigt. Eigentlich ist die Manipulation von Krankenakten im digitalen Zeitalter kaum noch möglich. Man könnte so etwas durch Stichproben sofort aufklären. Weil damit klar wäre, dass das Dossier, das an Eurotransplant gegangen ist, nicht mit dem identisch gewesen ist, das in der digitalen Krankenakte des Patienten vorlag.
Das ist eine der Maßnahmen, die wir dem Bundesministerium für Gesundheit in der kommenden Woche in einer Krisensitzung vorschlagen werden. Zudem werden wir, um das Vertrauen wiederherzustellen, dem Ministerium vorschlagen, die Prüfberichte, die bisher für den internen Gebrauch waren, zu veröffentlichen.“

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