Statistik : Ob Hüfte oder Zähne: Mehr Ärztefehler in SH und Hamburg

155 Menschen sollen bundesweit an den Folgen eines Ärztefehlers oder damit zusammenhängender Komplikationen gestorben sein.
155 Menschen sollen bundesweit an den Folgen eines Ärztefehlers oder damit zusammenhängender Komplikationen gestorben sein.

Die Krankenkassen bestätigen jede vierte Patienten-Beschwerde – die Fehlerquote steigt um 15 Prozent. Beim Zahnarzt und bei Gelenk-OPs geht am meisten schief.

shz.de von
20. Mai 2015, 15:59 Uhr

Eine falsche Diagnose oder eine schief gelaufene OP: Wenn Ärzte Fehler machen, kann das für den Patienten schwerwiegende Folgen haben. Und oft ist für den Laien kaum zu durchschauen, ob bei einer Behandlung gepfuscht wurde. Im vergangenen Jahr überprüfte allein der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) bundesweit 14.663 Fälle, in denen sich Patienten  mit dem Verdacht auf einen Behandlungsfehler an ihre Kasse gewandt hatten, 80 mehr als im Vorjahr. In jedem vierten Fall (3796) stellten die Gutachter einen ärztlichen Fehler fest.

Die Zahl war im Vorjahr mit 3687 Fällen nur unwesentlich geringer. „Es ist jedoch mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen“, betonte MDK-Ärztin Astrid Zobel bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin. Die meisten Fehler passieren beim Zahnarzt sowie bei Hüft- und Kniegelenksoperationen und bei der Behandlung von Knochenbrüchen.

Die bundesweite Statistik deckt sich weitgehend mit den Zahlen in Schleswig-Holstein und Hamburg: Insgesamt seien die Gutachter 2014 in 850 Fällen tätig geworden, teilt der MDK Nord mit. Dabei stellten sie bei rund einem Viertel (26,6 Prozent) einen ärztlichen oder pflegerischen Fehler fest, 226 Patienten wurden falsch therapiert. Die Zahl ist damit um 15 Prozent gestiegen. 2013 hatten sich in 812 begutachteten Fällen 196 Behandlungsfehler in Kliniken, Pflegeeinrichtungen und bei niedergelassenen Ärzten bestätigt. „Dass sich jeder vierte Fall als Fehler herausgestellt hat, ist immer noch zu viel“, sagt Dr. Dimitrios Psathakis, Leiter des Fachbereichs Erstattungsansprüche beim MDK Nord.

In Schleswig-Holstein und Hamburg ist die Fehlerquote bei Wurzelkanal-Behandlungen und anderen zahnmedizinischen Eingriffen am höchsten, darauf folgen Fehler beim Implantieren einer Hüftgelenks-Prothese und Operationen an der Wirbelsäule.

155 Menschen starben laut MDK-Statistik bundesweit an den Folgen eines Fehlers oder damit zusammenhängender Komplikationen. 1294 Patienten erlitten einen Dauerschaden. Zwei Drittel der Fehler passieren in den Krankenhäusern, ein Drittel bei ambulanten Operationen und in Arztpraxen. In rund einem Viertel der Fälle unterläuft den Medizinern der Fehler schon bei der Diagnose-Stellung. „Die Zahlen sprechen dafür, dass von einer Entwarnung keine Rede sein kann“, sagte MDK-Vize-Geschäftsführer Stefan Gronemeyer. Was bekannt sei, sei nur die „Spitze des Eisbergs“.

Zähle man die Vorwürfe dazu, die Patienten bei Gutachterstellen der Ärzteschaft geltend machten, komme man auf rund 6000 bestätigte Fehler, wie ein Sprecher der Bundesärztekammer bestätigte. Die Gesamtzahl aller Behandlungsfehler ist unbekannt. Nicht gezählt werden Fälle, bei denen sich Patienten direkt an Gerichte oder Haftpflichtversicherungen wenden. Der MDK weist darauf hin, dass die Zahlen nicht die Behandlungsqualität widerspiegelten, da sie nicht die Gesamtzahl der Behandlungen und Behandlungsfehler repräsentierten.

Bei der norddeutschen Schlichtungsstelle für Arzthaftpflichtfragen gingen 2014 allein aus Schleswig-Holstein 368 Beschwerden ein. 49 davon seien als begründet bestätigt worden, sagt Dr. Carsten Leffmann, Geschäftsführer der Ärztekammer in Bad Segeberg.

Behandlungsfehler sind nach MDK-Darstellung in der Regel kein Verstoß einzelner Ärzte etwa wegen Unfähigkeit, sondern sie passieren in komplexen Abläufen vor allem im Krankenhaus. Dabei komme es immer wieder zu drastischen Fällen. So seien in 34 Fällen Tupfer, Drainage-Stücke oder Drähte im Patienten zurückgeblieben. In 67 Fällen kam es zu einem vermeidbaren Druckgeschwür.

Insgesamt gab es in Deutschland laut Krankenhaus-Statistik zuletzt knapp 19 Millionen Klinikbehandlungen im Jahr. Angesichts dessen müsste die Zahl der Behandlungsfehler „im Verhältnis“ gesehen werden, sagt Carsten Leffmann. „Trotzdem ist jeder einzelne Fall einer zu viel.“ Um Fehler zu vermeiden, sei ein zentrales bundesweites Register über sämtliche Fälle dringend erforderlich. „Um die Patientensicherheit voranzutreiben, brauchen wir Transparenz darüber, was wo und wie häufig passiert.“

Das Aktionsbündnis Patientensicherheit in Berlin fordert vor allem, den Leidensweg von Betroffenen bis zu einer Entschädigung zu verkürzen. Oft würden Gutachten, darunter die des MDK, vor Gericht nicht anerkannt, sagt Bündnis-Geschäftsführer Hardy Müller. „Gerade in solchen Fällen dauert es oft sehr lange, bis ein Verfahren abgeschlossen ist.“

Eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Techniker Krankenkasse zeigt, dass es in 39 Prozent der untersuchten Fälle fünf bis zehn Jahre dauere, bis über eine Entschädigung entschieden sei. In 19 Prozent verginge demnach sogar noch mehr Zeit.

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