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Ernährung & Gesundheit

18. November 2017 | 05:39 Uhr

Notfalls ohne Notfall-Ambulanz

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Klamme Kasse: Das Friedrich-Ebert-Krankenhaus in Neumünster befürchtet, sein medizinisches Spektrum nicht halten zu können

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2014 | 09:45 Uhr

Alfred von Dollen wird sehr schnell sehr deutlich, wenn es ums Geld geht. „Wir sind am Ende der Fahnenstange angelangt“, erklärt der Geschäftsführer des Friedrich-Ebert-Krankenhauses (FEK) in Neumünster. Nach jahrelangem Kürzen, Sparen und Streichen seien in der Klinik sämtliche Reserven ausgereizt. Ohne bessere finanzielle Unterstützung müsse man sich künftig wohl fragen, ob man das medizinische Angebot in seiner jetzigen Breite aufrechterhalten könne. Dann wäre etwa die rund um die Uhr geöffnete Notfall-Ambulanz in Gefahr.

Das FEK gehört zu den elf Schwerpunkt-Krankenhäusern in Schleswig-Holstein. Und von seinen Kollegen in Rendsburg, Flensburg oder Heide hört von Dollen die gleichen Klagen. Das Ansinnen, Jahr für Jahr einen ausgeglichenen Haushalt auf die Beine zu stellen, werde immer mehr zur Quadratur des Kreises. Das Rezept „Mehr Patienten, weniger Personal“ greife nicht mehr. „Ich bin überzeugt: Wir sind im Grenzbereich angelangt – ein weiterer Abbau bei den Mitarbeiterstellen geht nicht mehr“, erklärt der FEK-Chef.

Nach den Worten von FEK-Pflegedienstleiter Christian de la Chaux lässt sich die Überlastung in Zahlen belegen. Die Krankmeldungen hätten zugenommen und liegen in der Patientenpflege mit acht Prozent über dem üblichen Durchschnitt (5,5 bis 6,5 Prozent). Auch die Zahl der Langzeiterkrankungen sei gestiegen. „Der Trend ist eindeutig“, erklärt de la Chaux. Heute bleiben stationäre Patienten (mit Ausnahme der Psychiatrie) im Schnitt sechs Tage in der Klinik, vor zehn Jahren war es nahezu doppelt so lange. Das bedeutet: Konnten sich viele Patienten früher in der Genesungsphase oft selber behelfen, ist von Krankenschwestern und Pflegern heute eine aufwendigere Betreuung zu leisten. „Die Mitarbeiter spüren es massiv. Es ist wie in einem Hamsterrad.“

Gefordert wird von den beiden Verantwortlichen ein besseres Finanzierungssystem. Wozu auch die Abschaffung der unterschiedlichen Fallpauschalen für die Krankenhäuser gehört. Die Sätze sind zwar Anfang 2014 um 3,5 Prozent gestiegen, aber noch immer erhalten die Kliniken im Norden für gleiche Operationen eine geringere Vergütung von den Krankenkassen als die Häuser im Süden der Republik. Von Dollen kritisiert: „Die Gesetze werden gemacht von Gesunden. Noch dazu meist von Beamten, die privat versichert sind. Erst wenn man krank ist, stößt man auf Defizite.“

Jens Kuschel, Pressesprecher der AOK Nordwest, sieht durchaus die finanziellen Schwierigkeiten der Krankenhäuser. Der Hauptgrund liege aber nicht in den Vergütungen der Kassen, „die sind kontinuierlich gestiegen“. Kuschel macht vielmehr das Land Schleswig-Holstein dafür verantwortlich, das die Investitionsförderung 2009/10 deutlich zurückgefahren habe und seitdem auf niedrigem Niveau stagnieren lasse. Und wenn die Krankenhäuser diese neuen Löcher stopfen müssten, fehle das Geld an anderer Stelle. Florian Unger, Pressesprecher beim Verband der Ersatzkassen (VDEK), geht noch einen Schritt weiter. Er rechnet nicht mit einer Aufstockung der Ländermittel und fordert deshalb, dass sich der Bund an den Investitionskosten der Krankenhäuser beteiligt.

Eine Finanzspritze könnte das FEK gut gebrauchen. Dort ist der seit langem geplante zweite Neubau-Abschnitt wegen Geldmangels in Gefahr. Das Projekt kostet 76 Millionen Euro, an Eigenmitteln stellt das FEK 26 Millionen bereit. Der erste Spatenstich für den Neubau, der unter anderem die Ambulanz und die moderne Radiologie aufnehmen sollte, war für Anfang 2015 geplant, daraus wird vorerst nichts. Und ein neuer Termin ist nicht in Sicht.

Das FEK betreut jährlich 35 000 Patienten ambulant und weitere 25 500 stationär, in den 14 Kliniken werden 9000 Operationen vorgenommen. Nicht alle Stationen rechnen sich. Die Aufwendungen für die Frauenklinik übersteigen die Einnahmen um das Doppelte, ähnlich sieht es in der Notfall-Ambulanz aus. 28 Mitarbeiter arbeiten hier an 365 Tagen rund um die Uhr. Für jeden Patienten erhält das FEK im Durchschnitt 30 Euro – damit wird nur die Hälfte der Kosten gedeckt. Von Dollen warnt: „Wie lange wir die Ambulanz für die Bevölkerung vorhalten können, wissen wir nicht.“ Die bislang übliche Quer-Subvention im Haus falle immer schwerer.

Hier seien auch die Stadt Neumünster und die umliegenden Kommunen gefordert. Das medizinische Angebot für eine Region, in der 150 000 Menschen leben, ist für von Dollen „elementarer Teil der Daseinsvorsorge“. Er erinnert auch daran, dass das FEK mit 140 Plätzen (davon 120 in der medizinischen Pflege) der größte Ausbilder in Mittelholstein ist. „Wir sind ein leistungsstarkes Krankenhaus. Wir bieten sichere Arbeitsplätze in einem Wachstumsbereich und genießen eine hohe Akzeptanz in der Bevölkerung. Aber wir müssen wirtschaftlich bleiben.“

Alarm schlägt auch die Krankenhaus-Gesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH). Gut 100 Tage nach dem Start der Großen Koalition in Berlin hat sie eine „Weckruf“-Kampagne gestartet. KGSH-Geschäftsführer Bernd Krämer kritisiert: „Mit einer Qualitätsoffensive soll die stationäre Versorgung verbessert werden. Geschehen ist bisher nichts, Ideen sind nicht bekannt.“ Krämer betont wie von Dollen: Mit Personalabbau und Arbeitsverdichtung sei die chronische Unterfinanzierung der Krankenhäuser nicht mehr aufzufangen. Das spüre ganz schnell auch der Patient, den der KGSH mit Plakaten für sich gewinnen will. Auf denen steht: „Sind wir zu wenig, kommen Sie zu kurz!“

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